Genervter Blick: Eine von Volker Derlaths Impressionen vom Oktoberfest
Genervter Blick: Eine von Volker Derlaths Impressionen vom Oktoberfest

35 Jahre Oktoberfest-Fotos Die Wiesn – das war's

Jahrzehntelang porträtierte der Münchner Fotograf Volker Derlath die Besucher des Oktoberfests. Euphorie, Trauer und Gier in ihren Gesichtern hielt er fest. Ein wehmütiger Rückblick.
Von Antje Blinda

35 Jahre lang ließ Volker Derlath kaum einen Tag aus, wenn in München Oktoberfest war. Mit Kamera und Schwarz-Weiß-Film zog er über die Theresienwiese, lief durch und hinter die Bierzelte.

Der heute 60-jährige Münchner Fotograf dokumentierte vor allem die Abende auf dem größten Bierfest der Welt. Die gequälten Gesichter der Kellnerinnen, die sich durch das Getümmel der Feiernden kämpften. Die Biertisch-Tänzer. Die schwitzenden, dicht gedrängten Menschenmassen. Die Knutschenden, Blutenden und Enttäuschten. Und die enthemmten Besoffenen.

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Oktoberfest-Fotografie von Volker Derlath: "Da ist noch etwas Existenzielleres darunter"

Diese Art des Oktoberfests zwischen Maß und Maßlosigkeit scheint Vergangenheit. Zum zweiten Mal ist die Wiesn aufgrund der Coronapandemie abgesagt. Ob sie je wieder so gefeiert wird, wie es Derlaths Bilder zeigen? Der Fotograf befürchtet nein, auch wenn er sich wünschte, »dass es beim nächsten Oktoberfest ein bisschen so wird wie früher«. Am Samstag hätte Münchens derzeitiger Oberbürgermeister Dieter Reiter das erste Fass Bier anzapfen, das Oktoberfest 2021 mit einem »O'zapft is« und einem »Auf eine friedliche Wiesn« eröffnen sollen.

Derlaths Bildband »Oktoberfest 1984–2019«, erschienen im Verlag Slanted Publishers , nimmt die Betrachter mit in jene Zeiten, als noch Festzelte wie der Schottenhamel und das Pschorr-Bräurosl statt Corona-Testzelte auf der Theresienwiese aufgebaut waren. »Das Oktoberfest ist eins der größten Bacchanale der Welt und natürlich eine Lebensbühne, auf der ein international besetztes Ensemble Wesenszüge ausleben kann, die andernorts unter den Zivilisationsteppich gekehrt werden«, sagt der Theaterfotograf.

Fünf Jahre für die Welterklärszene

Statt wie sonst vom Bühnenrand aus zu fotografieren, war Derlath auf dem Oktoberfest immer Teil des Geschehens: »Wenn ich in den Zelten fotografiere, dann halte ich in der rechten Hand den Fotoapparat – ich kann auch mit einer Hand scharf stellen – und in der linken Hand den Maßkrug.« Unterwegs war er mit zwei Pentax-LX-Kameras, die eine mit 50-Millimeter-Objektiv, die andere mit 35-Millimeter-Weitwinkel für Aufnahmen in dichtem Gedränge. Seine Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen vor allem Menschen im Spotlight des Aufsteckblitzes, der Hintergrund verschwimmt.

Volker Derlath kennzeichnet seine Fotos nicht mit Jahreszahlen, er wolle keine historisierende Schau, sagt er. »Meine Theorie ist, dass sich die Menschen im Grunde immer gleich bleiben. Wenn ich Bilder sehe von Trinkszenen in München aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, dann kommt das dem, was ich dort gesehen habe, sehr nahe.« Er suchte solche Szenen, die die dort gelebten Emotionen beispielhaft darstellten: »Euphorie zum Beispiel, die Menschen im Alltag nicht so ausleben können – vielleicht noch auf dem Fußballplatz. Oder Trauer – im Suff wird öffentlich schon mal geweint. Oder pure Gier, die bei manchen Trinkern aufblitzt.«

Auch nach vielen Oktoberfesten gelang es ihm, immer neue Szenen festzuhalten. »Die Standardsituation – wie man das beim Fußball nennt – auf der Wiesn ist: Zwei Betrunkene gehen zusammen nach Hause. Der Betrunkenere erklärt dem anderen die Welt. Ich habe fünf Jahre gebraucht, bis ich das auf einem Foto so transportieren konnte, wie ich es empfunden habe.«

In gewisser Weise seien die Fotos Spiegelbilder seiner eigenen Persönlichkeit: 1988 nahm er ein älteres Ehepaar auf, die Frau berührt zärtlich das Kinn des Mannes – »so möchte ich gerne auch einmal enden«, habe er damals als 27-Jähriger gedacht. Ein anderes Mal habe er ein älteres Paar beobachtet, dass sich nur grantig ansah – »so fürchtete ich einmal zu enden«.

Trachten sind zum Gruppenzwang geworden

Wenn sich auch der feiernde Mensch an sich über die 35 Jahre des Volksfestes nicht verändert habe, die Umstände haben es sehr wohl: »Das Fest ist heutzutage eine seltsame Form des betreuten Trinkens«, sagt Derlath. Seit den Terrorwarnungen ist das Gelände eingezäunt, die Taschen werden durchsucht, statt Ordner kontrolliert die Polizei. »Wenn ich auf dem Platz bin und genügend getrunken habe, vergesse ich das. Aber es ist für mich eine gewisse Hemmschwelle.«

Ihn stört auch der Trachten-Dresscode, der in den vergangenen Jahren immer stärker galt. »Das ist natürlich ein gutes Geschäft für die Münchner«, sagt er. Ihm geht es aber zu weit. »Vor dem Hofbräu-Zelt habe ich mal beobachtet, wie zwei amerikanische Touristen in Lederhosen und rot-weiß-karierten Hemden eine Münchnerin aggressiv angingen, die in Jeans da war: ›Where is your Dirndl?‹, fragten sie.« Das sei so eine Art Gruppenzwang, den er nicht mag. Die Internationalität auf der Wiesn dafür umso mehr, den »melting pot of nations«: »Dass wir hier zunehmend nicht nur Leute haben, die Deutsch oder Bayerisch sprechen, sondern Menschen aus aller Herren Länder da sind. Ich finde das schöner und reicher.«

Die Wirtshauswiesn  2021 wird Volker Derlath nicht begleiten. Die findet in 51 Gaststätten von Innenstadt- und Wiesnwirten statt, die dort bis 3. Oktober das extra gebraute Wiesnbier zapfen. Das Oktoberfest sei kein Ort oder eine Veranstaltung, sondern vor allem ein Lebensgefühl, werben sie. Derlath schüttelt es fast. »Das ist eine Art Muckefuck«, wie falscher Kaffee, sagt er. »Außerdem mag ich nicht, wenn mir aus fünf Meter Entfernung Blasmusik ins Ohr getrötet wird und ich mich mit jemandem unterhalten möchte.«

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