Amsterdam, Ende Juni: Es wird wieder voll
Amsterdam, Ende Juni: Es wird wieder voll
Foto: Abdullah Asiran / picture alliance

Overtourism in Europa Amsterdam begrenzt Zahl der Touristen

Ob Amsterdam, Venedig oder Barcelona – der Ansturm auf Europas schönste Städte war vor der Coronakrise zu groß. Die Niederlande handeln jetzt.
Von Antje Blinda

In diesen Wochen erleben die Bewohner von Murnau, Garmisch oder Sylt wieder, was Overtourism bedeutet: zu viele Touristen auf zu kleinem Raum. Parkplätze werden knapp, Zugänge versperrt, die letzten Ecken besetzt. Manchmal bedeutet es auch: zu viele Besucherinnen und Besucher, die sich nicht benehmen können, die Landschaften und Straßen vermüllen, lärmen und in Vorgärten pinkeln. Das vergällt vielen Bewohnern die eigene Stadt.

Die Coronakrise hat den Andrang auf beliebte Regionen in Deutschland erhöht, die Probleme hierzulande verschärft. Den Touristenstädten europaweit hingegen hat sie eine Atempause verschafft, denn dort fiel der internationale Tourismus weg. Zeitweise aus Europa selbst, seit eineinhalb Jahren aus Asien und Nordamerika. Ob Venedig, Barcelona oder Amsterdam – die Anwohner hatten ihre Stadt wieder für sich. Die Probleme hoher Mieten und verödeter Innenstädte wurden umso deutlicher.

Zeit für die Städte, sich auf den erneuten Ansturm nach der Pandemie vorzubereiten? Ein Konzept zu entwickeln, das die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner, der Unternehmen und der Touristen gleichermaßen berücksichtigt? Schwierig, wenn viele Hotels, Restaurants und Touranbieter vor dem Ende ihrer Existenz stehen. Schon seit Jahren versuchen die Städte-Hotspots Privatvermietungen wie etwa über Airbnb und den Billigtourismus einzuschränken oder störende Besucher zu erziehen. Harte Verbote oder Beschränkungen sind allerdings schwer durchzusetzen – bisher.

Aida-Schiffe im Hafen von Venedig (2019): Ab 1. August sind große Kreuzfahrtschiffe aus der Stadt verbannt

Aida-Schiffe im Hafen von Venedig (2019): Ab 1. August sind große Kreuzfahrtschiffe aus der Stadt verbannt

Foto: Luca Bruno / AP

Venedig hat am Dienstag einen lange herausgezögerten Schritt getan und zumindest die großen Kreuzfahrtschiffe aus seinem Zentrum verbannt. Das angedachte Eintrittsgeld für Besucher wird aber weiterhin nicht umgesetzt. Und Amsterdam bereitet sich auf mehreren Ebenen auf die Nach-Corona-Zeit vor – zum einen initiiert durch die grüne Bürgermeisterin Femke Halsema, zum anderen durch eine Gruppe genervter Bürgerinnen und Bürger.

In Zusammenarbeit mit der Tourismusbranche und Anwohnern erarbeitete die Stadt den umfangreichen Maßnahmenkatalog »Stad in Balans«, der 88 Aktionen vorschlug – von Gebühren für Tagestouristen über Qualitätssiegel für nachhaltige Unternehmen bis zu höhere Gebühren für Billigflieger. Ein ganzheitlicher Ansatz sollte der im November vorgestellte Plan sein, der mit Subventionen die Lebensqualität in Amsterdam für die Bewohner verbessern und die Touristen und Touristinnen von der Innenstadt weg auch in andere Viertel locken sollte. Zugleich sollten jene Besucher vergrault oder erzogen werden, die den Amsterdamern auf die Nerven gingen: Jungmänner-Party-Trupps etwa aus Großbritannien oder den Niederlanden selbst.

»Wir dürfen die Dinge nicht aus dem Ruder laufen lassen«

Schon ein paar Monate zuvor hatte die Bürgerinitiative »Amsterdam hat die Wahl« eine Petition an die Stadt gerichtet, endlich eine Obergrenze für Touristen einzuführen. Zwölf Millionen statt knapp 22 Millionen Übernachtungen sollten erlaubt sein, so die Forderung, die vor einem Jahr etwa 30.000 Hauptstädter unterschrieben. Am Donnerstag wurde die Petition als Verordnung unter dem Namen »Toerisme in Balans« vom Gemeinderat verabschiedet. Damit hat Amsterdam als erste Stadt weltweit der Tourismusbranche eine Wachstumsgrenze auferlegt.

Was hat Amsterdam beschlossen?

»Historisch« sei die Entscheidung, sagt Reinier van Dantzig, Fraktionsvorsitzender der linksliberalen Partei Democraten 66 im Gemeinderat. »Die Stärke dieser Regelung ist, dass wir uns darauf geeinigt haben, wie viele Touristen wir eigentlich gut für Amsterdam finden«, sagte er laut der Website des Senders »NH Nieuws« . Die Verordnung, die die Initiatoren der Petition gemeinsam mit dem Gemeinderat weiterentwickelt haben, sieht nun einen Korridor von 10 bis 20 Millionen Touristenübernachtungen vor, als Signalwerte gelten 12 und 18 Millionen.

»Eine Untergrenze ist wichtig, weil es zurzeit viel zu wenige Besucher in Amsterdam gibt«, sagt van Dantzig, nicht nur die Hotels, sondern auch die kulturellen Einrichtungen hätten eine wirklich harte Zeit. Zunächst müssten daher wieder mehr Touristen kommen, »aber wir dürfen die Dinge nicht aus dem Ruder laufen lassen. Wenn wir also zu nahe an die Obergrenze kommen, müssen wir Maßnahmen ergreifen, um das zu verhindern.«

  • Laut der Verordnung, die dem SPIEGEL vorliegt, wird der Gemeinderat jährlich eine Prognose der Touristenübernachtungen für das laufende sowie die kommenden zwei Jahre und eine Bilanz des vergangenen Jahres erhalten. Liegt die Übernachtungszahl in der Nähe der Signalwerte, soll innerhalb von sechs Monaten ein Strategiepapier erstellt werden, das Maßnahmen enthält wie etwa eine Regulierung der privaten Zimmervermietungen oder eine Veränderung der Touristensteuer.

  • Zugleich soll auch die Zahl der Tagesbesucher erhoben werden.

  • Mindestens alle zwei Jahre lässt sich der Gemeinderat über die Lebensqualität in den Stadtteilen informieren – über den sogenannten touristischen Druck. Indikatoren dafür sind unter anderem die Zahl der Ferienvermietungen und Coffeeshops, die Hotelkapazitäten, aber auch wie stark die Belästigung durch Verschmutzung, Lärm, Betrunkene ist.

Tourismus ja, aber nicht um jeden Preis

Die angedachten Maßnahmen der Verordnung »Tourismus in Balance« weichen nicht stark vom städtischen Katalog »Stadt in Balance« ab. Der Unterschied besteht in der Festlegung auf eine Touristenzahl, mit der die Amsterdamer in ihrer Stadt leben können, statt einen immer höheren Andrang samt Auswirkungen fürchten zu müssen. Am Ende zielen einige der Maßnahmen einfach darauf ab, einen Besuch der Stadt so teuer zu machen, dass viele sich das nicht mehr leisten können. Doch wie teuer müsste das sein? Die Bürgerinitiative meint: so teuer, bis weniger kommen.

Schon vor der Abstimmung im Gemeinderat äußerte der niederländische Hotelverband KHN Kritik an Plänen der Stadt. »Touristen zu verjagen, indem man hemmungslos die Steuern erhöht, den Bau neuer Hotels verbietet und Kreuzfahrtschiffe und Touristenbusse vertreibt, wie es der Stadtrat jetzt tut, ist überhaupt nicht nötig«, sagte Direktor Dirk Beljaarts der Zeitung »Het Parool«. Das sei reine politische Rhetorik, um ein paar Anwohnerinnen und Anwohner zu befriedigen, die sich lautstark Gehör verschaffen wollten. Es gebe auch Monate, in denen die Besucherzahl nicht so hoch sei. Bei einer zu hohen Touristensteuer würden die Menschen außerhalb der Stadt übernachten und tagsüber anreisen.

Welche Maßnahmen umgesetzt werden, welche Wirkung sie zeigen und ob eine Eindämmung der Touristenzahl überhaupt machbar ist – das wird Amsterdam noch lange beschäftigen. Und auch Barcelona, Venedig, Dubrovnik und all die Orte, an denen Einwohner sich von den früher so willkommen geheißenen Touristen bedrängt und verdrängt fühlen. Allerdings hat die niederländische Hauptstadt mit der neuen Verordnung ein starkes Signal gesendet: Tourismus ja, aber nicht um jeden Preis.