Paris Im Labyrinth der prominenten Toten

Während anderswo die letzten Ruhestätten der Verstorbenen stille Orte der Andacht sind, haben sich die großen Grabfelder der französischen Metropole zu Touristenmagneten entwickelt. Schuld ist die Prominenz der Toten.


Paris - "Mensch, Jim" - das ist alles, was den beiden Alt-Hippies aus San Francisco über die Lippen kommt. Durch die herbstliche Luft zieht eine Haschisch-Schwade. Erst als das Klagen lauter wird, sorgt ein Mann in Uniform für Ruhe und Ordnung.

Gedrängel am Grab: Die letzte Ruhestätte von Doors-Sänger Jim Morrison zieht auf dem Friedhof Père Lachaise die meisten Besucher an.
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Gedrängel am Grab: Die letzte Ruhestätte von Doors-Sänger Jim Morrison zieht auf dem Friedhof Père Lachaise die meisten Besucher an.

Er muss am meistbesuchten Grab des Pariser Friedhofs Père Lachaise oft eingreifen und auch darauf achten, dass die benachbarten Grabsteine nicht von neuem mit Graffiti-Trauersprüchen vollgeschmiert werden. Hier ruht immerhin Jim Morrison, der 1971 gestorbene Sänger der legendären US-amerikanischen Rockgruppe "The Doors"- eine Kultfigur und längst nicht der einzige Prominente, dessen seine letzte Ruhestätte in Paris viele Touristen anzieht.

Nur wenige Kilometer westlich auf dem Friedhof von Montmartre verharrt eine Gruppe junger deutscher Frauen vor dem Grab Heinrich Heines. Heine war mit seinen Habseligkeiten kurz vor seinem Tod noch rasch nach Montmartre umgezogen - denn "sterbe ich in Paris, so will ich auf diesem Friedhof begraben werden, auf keinem anderen".

Neben Père Lachaise und Montmartre zieht noch ein dritter Friedhof in der französischen Hauptstadt viele Besucher an: der Cimetière Montparnasse im 14. Arrondissement links der Seine. Schnell auf Zettel geschriebene Liebesgrüße in Japanisch, Englisch und Französisch liegen dort auf einer schlichten Platte, daneben ein Gedicht sowie ein paar vertrocknete Rosen: Dem Existentialistenpaar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gelten die Aufmerksamkeiten.

Wallfahrtsort für die Fans: Am Grab von Serge Gainsbourg auf dem Friedhof Montparnasse hinterlassen die Anhänger des Sängers unter anderem kleine Steine und Metrokarten
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Wallfahrtsort für die Fans: Am Grab von Serge Gainsbourg auf dem Friedhof Montparnasse hinterlassen die Anhänger des Sängers unter anderem kleine Steine und Metrokarten

Im steinernen Labyrinth der prominenten Pariser Friedhöfe braucht es Skizzen mit Nummern und Namensangaben, um sich in dem Meer der kleinen und großen Gräber zurechtzufinden. Busreisende stürzen in Gruppen durch die Friedhofsalleen. Einzeltouristen aus allen Kontinenten streben kreuz und quer auf den schmalen Pfaden zwischen den Grabstätten, bis sie den letzten Musiker, Maler oder Schriftsteller gefunden haben, den ihr Paris-Führer vermerkt. Das kann zu einer stundenlangen und auch ziemlich ermüdenden Pilgerschaft zu den berühmten Toten werden.

Schattig und geradezu pittoresk, dabei nicht nur in seiner historischen Grabstätten-Architektur abwechslungsreich, lädt Père Lachaise, der größte der Pariser Friedhöfe, zum Spaziergang zu den Toten ein. Auf dem bewaldeten Hügel ließ Napoleon im Jahr 1803 den Friedhof anlegen. Sechsmal musste der nach dem Beichtvater von König Louis XIV benannte Cimetière allein in den ersten 100 Jahren seines Bestehens erweitert werden.

Manche der großen "Unsterblichen", die hier liegen, wurden auf ihrem letzten Weg von riesigen Menschenmengen begleitet. So waren es fast 50.000 Trauernde, die 1963 dem Sarg der Sängerin Edith Piaf folgten. Der irische Schriftsteller Oscar Wilde erhielt dagegen nur einen Kranz seines Hotelwirtes.

Zwischen Grabpalästen im römischen Stil, Pyramidenbauten und Statuen im Gedenken an die Verstorbenen haben Yves Montand und Simone Signoret auf dem Père Lachaise ein besonders beschauliches Plätzchen gefunden. Das gilt ebenso für den eigensinnigen Philosophen Sartre und seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir, die weltweit bekannte Fackelträgerin der Frauenemanzipation. Als sie starben, säumten ebenfalls jeweils 50.000 den Boulevard de Montparnasse, um die Särge der "Rive-Gauche"-Intellektuellen vorüberziehen zu sehen.

Dreieck der Promi-Friedhöfe: Père Lachaise liegt im Osten der Innenstadt von Paris, Montmartre im Norden und Montparnasse südlich der Seine.
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Dreieck der Promi-Friedhöfe: Père Lachaise liegt im Osten der Innenstadt von Paris, Montmartre im Norden und Montparnasse südlich der Seine.

Der ebenfalls von Napoleon geplante Friedhof Montparnasse ist der kleinste der drei großen Prominenten-Cimetières. Er wurde 1824 angelegt, um die damals bereits überfüllten Friedhöfe der Seine-Metropole zu entlasten. Vom Autobauer André Citroen und dem blonden Hollywood-Star Jean Seberg bis zum skandalträchtigen amerikanischen Fotografen Man Ray sind auch hier viele klangvolle Namen zu lesen. Dazu gehört der französische Dichter Charles Baudelaire, der zwar bei der geliebten Mutter, aber auch im Familiengrab des gehassten Stiefvaters liegt.

Ein Grab auf dem Friedhof Montparnasse zeigt aber mehr als alle anderen in Paris, wie intensiv Fans einem Künstler nachtrauern, ohne dass dieser wie Jim Morrison zur Legende geworden sein muss. Wo der 1991 gestorbene französische Sänger und Provokateur Serge Gainsbourg ("Je t'aime, moi non plus") ruht, ist alles Übersät mit Stofftieren. Blumen, Münzen, Metrokarten oder Steinchen sprechen Bände über die ungebrochene Treue der Anhänger Gainsbourgs.

Eine Büste des Emile Zola empfängt die Besucher am Friedhof Montmartre Mitten im Pariser Häusermeer gelegen und mit der Brücke der Rue Caulaincourt über sich, wirkt dieser Friedhof unweit des Rotlichtviertels Pigalle so richtig familiär.

Erinnerung an einen grossen Schriftsteller: Emile Zola wurde 1902 auf em Friedhof Montmartre begraben.
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Erinnerung an einen grossen Schriftsteller: Emile Zola wurde 1902 auf em Friedhof Montmartre begraben.

Dem Touristen wird aber auch deutlich, dass der Zahn der Zeit an der Architektur und Grabmal-Kunst nagt. Grabdenkmäler sind verfallen oder vom Efeu zugewachsen, Skulpturen sind umgestürzt, Marmorplatten eingedrückt. Nach 200 Jahren sind etliche Inschriften nicht oder kaum mehr leserlich. Die oftmals bombastischen gotischen Grabkapellen unter den Ahorn- und Kastanienbäumen dürften spätestens in einigen Jahrzehnten den Denkmalpflegern Kopfzerbrechen bereiten.

Neben dem Platzproblem fällt nicht zuletzt beim Père Lachaise im Nordosten noch etwas Anderes auf. Auch hier erscheinen immer häufiger schlicht-moderne, flache Marmorplatten. Mit jedem einstürzenden oder verwahrlosten Grabdenkmal, das eingerissen wird, stirbt dort auch ein Stück Friedhofskultur, wie sie gerade in den katholisch-südlichen Ländern gepflegt worden ist.



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