Pariser Flohmärkte Wundertüte der Kulturen

Ein Renoir verbirgt sich kaum mehr im Gerümpel der Pariser Flohmärkte. Doch der spannende Mix von Kunst und Kitsch, aber auch aller sozialen Schichten macht einen Bummel über die bunten Märkte zu einer Entdeckungsreise in das kosmopolitische und exotische Herz der französischen Hauptstadt.

Paris - Was haben ein Singvogel aus Südamerika, eine antiquarische Ausgabe der Essays von Michel de Montaigne und Jeans zum Schnäppchenpreis gemeinsam? Auf all das kann man bei einem Streifzug durch Paris stoßen. Wer gewillt ist, einmal einen Bogen um Eiffelturm, Louvre und Notre Dame zu machen, für den tut sich oft eine Art Wundertüte auf. Denn die Weltstadt an der Seine ist auch in diesem Sinne eine Fundgrube.

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Marché aux Puces: Kunst, Kitsch, Gerümpel

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Durch die Marktstraßen zu schlendern, das führt auch einmal in die abgelegeneren Stadtviertel der Metropole. Paris zeigt sich hier von einer besonders lebensnahen Seite: Wie immer schon trifft man sich auf den Märkten, um zwischen den überbordenden Warenauslagen zu tratschen. Hier begrüßt der alte Käsehändler seine gutbürgerliche Stammkundin mit einem Handkuss. Dort bekommt eine Bettlerin ein etwas angeschlagenes Obst geschenkt.

Die "Puces de Saint-Ouen", die weltweit bekannten Flohmärkte am Nordrand der Hauptstadt, bleiben die Mutter aller Pariser "Marchés". Elf Millionen Besucher zieht diese größte Verkaufmanege für billigen Tand wie für sündteures Kunsthandwerk Jahr für Jahr an. Klamotten, Nippes, afrikanische Masken, falsche Markenuhren und wertloser Schmuck, damit schmücken die Trödelhändler in dem Gewirr der Straßen und Gassen von Saint-Ouen schon früh am Morgen das Pflaster.

2500 Profi-Händler in festen Ständen

Die feinen "Kollegen" vom antiquarischen Gewerbe haben mit den Lumpensammler - chiffonniers - genannten Kleinhändlern nichts zu tun. Man begegnet sich also auch nicht in den efeubewachsenen Alleen der "Puces". Die 16 festen und überdachten Märkte von Saint-Ouen bilden vielmehr eine Welt für sich - 2500 "Professionelle" arbeiten hier, verkaufen keinen Trödel, sondern die speziellen Fauteuils aus den siebziger Jahren, das fein verschnörkelte Gartentor, die niedrigen Salontische aus der Kolonialzeit oder Ölgemälde bekannter Meister.

Die "Puces de Saint-Ouen" gehören zu den letzten Treffpunkten in Paris, wo praktisch alle sozialen Schichten der heutigen Gesellschaft aufeinander prallen: Die Konservativen und Traditionsbewussten, die Lumpensammler, internationale Händler und jene, die nur sonntags mal nach dem gesuchten Stück Ausschau halten, so seziert der Pariser Sozialwissenschaftler Hervé Sciardet das bunte Treiben und Gewusel.

Besonders exotisch und kosmopolitisch, aber auch noch recht günstig ist der Marché d'Aligre im Pariser Osten hinter der Opéra Bastille. Hier geht es laut zu wie auf einem nordafrikanischen Basar. Die Sinne sind betört, und selbst der kulinarische Kenner stößt in den überquellenden Auslagen immer auch auf Überraschendes. Jenseits der Tische mit den nordafrikanischen Oliven, Feigen und Erdnüssen warten muslimische Schlachter an der Place d'Aligre in den Eingängen ihrer winzigen Läden rauchend auf Kunden.

Nicht weniger atmosphärisch und attraktiv, aber doch anders geht es in der Rue Mouffetard im 5. Arrondissement zu. Weil in allen Reiseführern vermerkt, ist die Straße vom Platz Contrescarpe bis zur Kirche Saint-Médard ein Tummelplatz der Weltenbummler. Und dennoch: Wenn Markt im Schatten der Kirche ist und ein Musette-Chor inbrünstig die "Hymne an die Liebe" von Edith Piaf anstimmt, fühlt sich jeder als Franzose und tanzt.

Märkte für das Spezielle

Neben Trödelkram und Lebensmitteln wartet Paris noch mit den ebenso beliebten Treffpunkten für das Spezielle auf. Da ist zum einen der beliebte Blumenmarkt auf der Ile de la Cité. Umgeben von kühlen Verwaltungsgebäuden aus dem Second Empire zieht der "Marché aux Fleurs" an der Place Louis-Lépine in jeder Saison wegen seiner scheinbar unendlichen Farbpalette die Blumenfreunde an.

Die Fans alter Bücher wiederum, die bei den Seine-Bouquinisten in der Nähe nicht auf ihre Kosten gekommen sind, strömen am Wochenende weiter südwestlich auf den "Marché du livre ancien et d'occasion" im Georges-Brassens-Park. Stundenlang kann man in aller Ruhe in den gebrauchten und antiquarischen Büchern schmökern, auch wenn das Werk, wonach man kramt, wieder nicht aufzufinden ist.

Beschaulich und bedächtig geht es auch bei den Briefmarkensammlern zu, die sich mehrmals wöchentlich an der Avenue Gabriel unweit der quirligen Prachtallee Champs-Elysées einfinden. Den Kunstfreunden laufen in Paris die Objekte der Begierde sozusagen ständig über den Weg, beispielsweise - immer samstags - auf einem Markt nahe der Bastille-Oper in dem multikulturellen Pariser Osten.

Für jene, die strategisch günstig wohnen, ist außer montags jeden Tag Markttag - irgendwo im Viertel wird immer angeboten, was das Land von der Normandie bis zur Provence auf den Tisch zu bringen vermag. Erst, wenn das Déjeuner oder das Dîner gesichert sind, geht es auf die Fahndung nach dem Lampenschirm, der im Salon fehlen mag, nach einer neuen Yucca oder nach geistiger Nahrung vom Buchantiquar.

Von Hanns-Jochen Kaffsack, gms