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10. November 2006, 06:10 Uhr

Pariser Métro

Vom Himmel in die Hölle und zurück

Von Kim Rahir

Sie gehört zu Paris wie der Eiffelturm, und kaum ein Besucher, der die Stadt der Liebe und des Lichts besucht, kommt um einen Abstieg in ihre düsteren, übelriechenden Gänge unter Tage herum: Eine Fahrt mit der Métro kann himmlisch sein, doch manchmal ist es auch die Hölle.

Wer sich in den Untergrund von Paris begibt und eine Reise kreuz und quer unter der Millionenstadt wagt, der kann in den Gängen des städtischen Transportsystems mindestens ebenso intensiv mit Paris Bekanntschaft schließen wie über Tage. In der Métro, einem über 200 Kilometer langen, unterirdischen Schienennetz mit dem ursprünglichen Namen "Métropolitain". sind Jahr für Jahr 1,3 Milliarden, am Tag rund 3,5 Millionen Menschen unterwegs.

7.50 Uhr, Linie 13, zwischen Porte de Clichy und Montparnasse

Diese Linie ist Paris pur, Paris für Widerstandsfähige. Tag für Tag quält sie ihre Nutzer mit langen Wartezeiten, mit überfüllten Waggons und mit technischen Störfällen. Doch besonders bedrückend ist es hier frühmorgens. Die Wagen sind brechend voll, die meisten Menschen sind Afrikaner, Maghrebiner, Inder, all die Einwanderer, die auf dieser Nord-Süd-Achse von den trostlosen Wohnghettos im Norden der Hauptstadt in Richtung ihrer Arbeitsplätze im Zentrum oder gar am südlichen Stadtrand fahren.

Eine afrikanische Familie hat sich zwischen die Massen dösender, schlafender, stierender Menschen verirrt. In einem Kinderwagen, der von den Eltern in halsbrecherischer Schlepperei die endlosen Treppen bis zum Bahnsteig heruntergetragen wurde, liegt unter einer Regendecke ein Kind und schreit herzzerreißend. Vermutlich ist ihm heiß, eine Dame wird nervös, "dem Kind ist zu warm", murmelt sie vor sich hin. Die anderen Reisenden, erschöpft und überdrüssig, können kein Mitgefühl mobilisieren. Ein Kinderwagen nimmt viel Platz weg, ein Baby hat in dieser Welt der Werktätigen, der Schuftenden, der sich Quälenden keinen Platz.

Doch jetzt wird es mit jeder Station, in die die abgenutzten, übelriechenden Waggons sich schieben, heller und freundlicher. Die Métro fährt in die Station des Bahnhofs Saint-Lazare ein, viele Pendler steigen aus, andere steigen ein, viele von ihnen sind Weiße. An der Station Miromesnil ist der Übergang in eine andere Welt vollbracht, die Bahnsteige sind zwar auch nicht sehr gepflegt, doch die Wände sind weiß gefliest. Es ist, als ob der Zug aus den düsteren Eingeweiden der Erde in hellere Gefilde einfährt. Von hier geht es hinüber zum "linken Ufer", wo an der Station "Invalides" oder "Varenne" der Invalidendom mit seiner Esplanade und das Rodin-Museum mit seinem friedlichen, liebevoll angelegten Garten locken.

13.30 Uhr, Linie 1, zwischen Champs-Elysées Clemenceau und Châtelet

Wie ein Reiseführer liest sich der Streckenplan dieser Linie, die in Ost-West-Richtung mitten durch den historischen Kern der Stadt fährt und damit die bevorzugte Route der Touristen ist. Kein Zufall also, dass hier supermoderne Waggons fahren. Sie sind ohne Zwischentüren, und wer den Mut hat, bis ganz nach vorne zu schauen, der bekommt eine Vorstellung davon, wie viele Menschen in so einem vollen Zug Platz finden.

Ein Plakat der städtischen Transportgesellschaft RATP erläutert, dass die Menschen in einem solchen überfüllten Zug rund 150.000 Watt Wärme von sich geben. Da kommen viele ins Schwitzen, und wer sich aufregt, der schwitzt noch mehr. Das aber kann gerade auf dieser Linie, wo viele Besucher fahren, leicht passieren: Denn wie in vielen großstädtischen Einrichtungen herrschen auch in der Métro ungeschriebene Gesetze, deren Missachtung zu groben Kommentaren oder lautem Gemecker führen kann.

So darf man zum Beispiel auf keinen Fall vor den Türen stehen bleiben, es sei denn, man steigt an jeder Station kurz aus, um Leute herein- und herauszulassen. Auch die Benutzung der Klappsitze ist nur dann üblich, wenn genügend Platz ist. Wer in einem übervollen Wagen gedankenlos auf einem solchen Klappsitz, genannt "strapontin", sitzt, nimmt, ohne es zu wissen, an die drei Stehplätze ein. Aber auf der Linie 1 lohnt es sich ohnehin nicht, lange sitzen zu bleiben: Bei Stationen wie "Palais Royal - Musée du Louvre", "Concorde", "Tuileries", "George V." oder "Charles de Gaulle-Étoile" hält es keinen Touristen auf den Sitzen - reiht sich hier doch Sehenswürdigkeit an Sehenswürdigkeit.

Und so teilen sich die Reisenden in diesen Zügen auf den ersten Blick in zwei Gruppen: Fröhlich palavernde Amerikaner in Trekkingsandalen werfen unsichere Blicke auf den Fahrplan, steigen lautstark ein, aus oder um. Die Einheimischen andererseits sind hauptsächlich Büromenschen mit gestärktem Hemd und Aktentasche, die sich freuen, wenn sie einen Sitzplatz ergattern. An der riesigen Umsteigestation Châtelet leeren sich die Waggons in Windeseile - überhaupt muss immer alles schnell gehen in der Pariser Métro, Zeit hat niemand.

Oder wenigstens fast niemand. Denn in den Tiefen der Station Châtelet, wo sich die Menschen zu Hunderten durch die Gänge schieben, Menschen aus aller Herren Länder, Schwarze in grellbunten Gewändern, Studenten mit Rucksäcken, alte Damen mit Perlenketten, Touristen in Alpinistenkleidung, in dieser Station wartet eine Überraschung. Ein Streichorchester von einem guten Dutzend junger Musikstudenten spielt auf, mitten an einem Knotenpunkt von Gängen, Treppen und Umsteigewegen. Und siehe da, es bleiben Menschen stehen, halten inne, hören zu: Alte, Junge, Schicke, Schludrige, sie staunen die Musiker an und genießen für ein paar Minuten die klassische Musik.

16 Uhr, Linie 6, zwischen Charles de Gaulle-Étoile und Bir-Hakeim

Die Linie 6 fährt in einem riesigen Halbkreis vom Triumphbogen im Westen der Stadt über das linke Ufer bis zum Place de la Nation im Osten der Metropole. Dabei überquert sie die Seine und hat daher eine willkommene Besonderheit zu bieten: Sie fährt streckenweise überirdisch. "Métro aérien", also Luft-Métro, heißt das auf Französisch, und das Auftauchen aus den Tiefen der Tunnel an der Station Passy ist in mehrfacher Hinsicht eine angenehme Überraschung. Wie ein Luftholen für die Augen ist der Einbruch des Tageslichts in die Waggons.

Und wenn der Zug den Fluss überquert, kann der Reisende noch einen Blick von den westlichen Höhen herab auf das pulsierende Stadtzentrum werfen, der sonst nur den großbürgerlichen Familien dieser eleganten Wohngegend vorbehalten bleibt. Aber um vom Triumphbogen bis zu diesem Höhenflug zu gelangen, muss der Passagier sich mit Geduld wappnen. Denn gleich beim ersten Halt, der Station "Kléber", geschieht Merkwürdiges. Der Wagen hält, der Fahrer steigt aus und begibt sich in einen Raum, dessen Einrichtung und Zweck den in den Waggons ausharrenden Fahrgästen leider verborgen bleibt.

Gewohnheitsmäßige Linie-6-Fahrer kennen das Ritual und warten ab. Doch auch an diesem Nachmittag sitzen viele Touristen im Zug, hält er doch nur drei Stationen nach dem Triumphbogen am "Trocadéro", also vor dem Eiffelturm, der zum absoluten Pflichtprogramm des Paris-Reisenden gehört. Die Touristen werden nervös - schließlich muss es ja sonst immer überall so schnell gehen, wird auch der unbedarfte Besucher von den eilenden Menschenmassen mitgerissen oder weggestoßen. "Da scheint was nicht zu stimmen", sagt eine deutsche Reisende besorgt.

In den Waggons wird es bei Stillstand zusehends wärmer und stickiger. Einige Reisende wissen sich zu helfen, sie öffnen die Türen. Endlich ertönt ein Signal, der Fahrer kommt aus seinem Kabuff wieder heraus, steigt ein und fährt los. Ob die Kondukteure hier Kaffee trinken oder vielleicht mal austreten dürfen - dieses Rätsel bleibt ungelöst. Andere Geheimnisse erschließen sich dem Métrofahrer mit der Zeit, zum Beispiel die Sprache der Durchsagen. So ist ein "technischer Zwischenfall" eine schlichte Panne, ein "Fahrgastzwischenfall" dagegen fast immer ein Selbstmord durch Sprung auf die Bahngleise.

Ein weiteres Rätsel sei hier im übrigen für künftige Paris-Reisende gelüftet: Name und Richtung der Metro-Linien ergibt sich aus ihren Endstationen. Wer also vom Etoile, der Station am Triumphbogen, zum Eiffelturm am Trocadéro will - immerhin eine fast gerade Nord-Süd-Linie im Westen der Stadt - der muss Richtung "Nation" fahren, ein Platz ganz im Osten von Paris.

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