Pariser Métro Vom Himmel in die Hölle und zurück

Sie gehört zu Paris wie der Eiffelturm, und kaum ein Besucher, der die Stadt der Liebe und des Lichts besucht, kommt um einen Abstieg in ihre düsteren, übelriechenden Gänge unter Tage herum: Eine Fahrt mit der Métro kann himmlisch sein, doch manchmal ist es auch die Hölle.

Von Kim Rahir


Wer sich in den Untergrund von Paris begibt und eine Reise kreuz und quer unter der Millionenstadt wagt, der kann in den Gängen des städtischen Transportsystems mindestens ebenso intensiv mit Paris Bekanntschaft schließen wie über Tage. In der Métro, einem über 200 Kilometer langen, unterirdischen Schienennetz mit dem ursprünglichen Namen "Métropolitain". sind Jahr für Jahr 1,3 Milliarden, am Tag rund 3,5 Millionen Menschen unterwegs.

7.50 Uhr, Linie 13, zwischen Porte de Clichy und Montparnasse

Diese Linie ist Paris pur, Paris für Widerstandsfähige. Tag für Tag quält sie ihre Nutzer mit langen Wartezeiten, mit überfüllten Waggons und mit technischen Störfällen. Doch besonders bedrückend ist es hier frühmorgens. Die Wagen sind brechend voll, die meisten Menschen sind Afrikaner, Maghrebiner, Inder, all die Einwanderer, die auf dieser Nord-Süd-Achse von den trostlosen Wohnghettos im Norden der Hauptstadt in Richtung ihrer Arbeitsplätze im Zentrum oder gar am südlichen Stadtrand fahren.

Eine afrikanische Familie hat sich zwischen die Massen dösender, schlafender, stierender Menschen verirrt. In einem Kinderwagen, der von den Eltern in halsbrecherischer Schlepperei die endlosen Treppen bis zum Bahnsteig heruntergetragen wurde, liegt unter einer Regendecke ein Kind und schreit herzzerreißend. Vermutlich ist ihm heiß, eine Dame wird nervös, "dem Kind ist zu warm", murmelt sie vor sich hin. Die anderen Reisenden, erschöpft und überdrüssig, können kein Mitgefühl mobilisieren. Ein Kinderwagen nimmt viel Platz weg, ein Baby hat in dieser Welt der Werktätigen, der Schuftenden, der sich Quälenden keinen Platz.

Doch jetzt wird es mit jeder Station, in die die abgenutzten, übelriechenden Waggons sich schieben, heller und freundlicher. Die Métro fährt in die Station des Bahnhofs Saint-Lazare ein, viele Pendler steigen aus, andere steigen ein, viele von ihnen sind Weiße. An der Station Miromesnil ist der Übergang in eine andere Welt vollbracht, die Bahnsteige sind zwar auch nicht sehr gepflegt, doch die Wände sind weiß gefliest. Es ist, als ob der Zug aus den düsteren Eingeweiden der Erde in hellere Gefilde einfährt. Von hier geht es hinüber zum "linken Ufer", wo an der Station "Invalides" oder "Varenne" der Invalidendom mit seiner Esplanade und das Rodin-Museum mit seinem friedlichen, liebevoll angelegten Garten locken.

13.30 Uhr, Linie 1, zwischen Champs-Elysées Clemenceau und Châtelet

Wie ein Reiseführer liest sich der Streckenplan dieser Linie, die in Ost-West-Richtung mitten durch den historischen Kern der Stadt fährt und damit die bevorzugte Route der Touristen ist. Kein Zufall also, dass hier supermoderne Waggons fahren. Sie sind ohne Zwischentüren, und wer den Mut hat, bis ganz nach vorne zu schauen, der bekommt eine Vorstellung davon, wie viele Menschen in so einem vollen Zug Platz finden.

Ein Plakat der städtischen Transportgesellschaft RATP erläutert, dass die Menschen in einem solchen überfüllten Zug rund 150.000 Watt Wärme von sich geben. Da kommen viele ins Schwitzen, und wer sich aufregt, der schwitzt noch mehr. Das aber kann gerade auf dieser Linie, wo viele Besucher fahren, leicht passieren: Denn wie in vielen großstädtischen Einrichtungen herrschen auch in der Métro ungeschriebene Gesetze, deren Missachtung zu groben Kommentaren oder lautem Gemecker führen kann.

So darf man zum Beispiel auf keinen Fall vor den Türen stehen bleiben, es sei denn, man steigt an jeder Station kurz aus, um Leute herein- und herauszulassen. Auch die Benutzung der Klappsitze ist nur dann üblich, wenn genügend Platz ist. Wer in einem übervollen Wagen gedankenlos auf einem solchen Klappsitz, genannt "strapontin", sitzt, nimmt, ohne es zu wissen, an die drei Stehplätze ein. Aber auf der Linie 1 lohnt es sich ohnehin nicht, lange sitzen zu bleiben: Bei Stationen wie "Palais Royal - Musée du Louvre", "Concorde", "Tuileries", "George V." oder "Charles de Gaulle-Étoile" hält es keinen Touristen auf den Sitzen - reiht sich hier doch Sehenswürdigkeit an Sehenswürdigkeit.

Und so teilen sich die Reisenden in diesen Zügen auf den ersten Blick in zwei Gruppen: Fröhlich palavernde Amerikaner in Trekkingsandalen werfen unsichere Blicke auf den Fahrplan, steigen lautstark ein, aus oder um. Die Einheimischen andererseits sind hauptsächlich Büromenschen mit gestärktem Hemd und Aktentasche, die sich freuen, wenn sie einen Sitzplatz ergattern. An der riesigen Umsteigestation Châtelet leeren sich die Waggons in Windeseile - überhaupt muss immer alles schnell gehen in der Pariser Métro, Zeit hat niemand.

Oder wenigstens fast niemand. Denn in den Tiefen der Station Châtelet, wo sich die Menschen zu Hunderten durch die Gänge schieben, Menschen aus aller Herren Länder, Schwarze in grellbunten Gewändern, Studenten mit Rucksäcken, alte Damen mit Perlenketten, Touristen in Alpinistenkleidung, in dieser Station wartet eine Überraschung. Ein Streichorchester von einem guten Dutzend junger Musikstudenten spielt auf, mitten an einem Knotenpunkt von Gängen, Treppen und Umsteigewegen. Und siehe da, es bleiben Menschen stehen, halten inne, hören zu: Alte, Junge, Schicke, Schludrige, sie staunen die Musiker an und genießen für ein paar Minuten die klassische Musik.

16 Uhr, Linie 6, zwischen Charles de Gaulle-Étoile und Bir-Hakeim

Die Linie 6 fährt in einem riesigen Halbkreis vom Triumphbogen im Westen der Stadt über das linke Ufer bis zum Place de la Nation im Osten der Metropole. Dabei überquert sie die Seine und hat daher eine willkommene Besonderheit zu bieten: Sie fährt streckenweise überirdisch. "Métro aérien", also Luft-Métro, heißt das auf Französisch, und das Auftauchen aus den Tiefen der Tunnel an der Station Passy ist in mehrfacher Hinsicht eine angenehme Überraschung. Wie ein Luftholen für die Augen ist der Einbruch des Tageslichts in die Waggons.

Und wenn der Zug den Fluss überquert, kann der Reisende noch einen Blick von den westlichen Höhen herab auf das pulsierende Stadtzentrum werfen, der sonst nur den großbürgerlichen Familien dieser eleganten Wohngegend vorbehalten bleibt. Aber um vom Triumphbogen bis zu diesem Höhenflug zu gelangen, muss der Passagier sich mit Geduld wappnen. Denn gleich beim ersten Halt, der Station "Kléber", geschieht Merkwürdiges. Der Wagen hält, der Fahrer steigt aus und begibt sich in einen Raum, dessen Einrichtung und Zweck den in den Waggons ausharrenden Fahrgästen leider verborgen bleibt.

Gewohnheitsmäßige Linie-6-Fahrer kennen das Ritual und warten ab. Doch auch an diesem Nachmittag sitzen viele Touristen im Zug, hält er doch nur drei Stationen nach dem Triumphbogen am "Trocadéro", also vor dem Eiffelturm, der zum absoluten Pflichtprogramm des Paris-Reisenden gehört. Die Touristen werden nervös - schließlich muss es ja sonst immer überall so schnell gehen, wird auch der unbedarfte Besucher von den eilenden Menschenmassen mitgerissen oder weggestoßen. "Da scheint was nicht zu stimmen", sagt eine deutsche Reisende besorgt.

In den Waggons wird es bei Stillstand zusehends wärmer und stickiger. Einige Reisende wissen sich zu helfen, sie öffnen die Türen. Endlich ertönt ein Signal, der Fahrer kommt aus seinem Kabuff wieder heraus, steigt ein und fährt los. Ob die Kondukteure hier Kaffee trinken oder vielleicht mal austreten dürfen - dieses Rätsel bleibt ungelöst. Andere Geheimnisse erschließen sich dem Métrofahrer mit der Zeit, zum Beispiel die Sprache der Durchsagen. So ist ein "technischer Zwischenfall" eine schlichte Panne, ein "Fahrgastzwischenfall" dagegen fast immer ein Selbstmord durch Sprung auf die Bahngleise.

Ein weiteres Rätsel sei hier im übrigen für künftige Paris-Reisende gelüftet: Name und Richtung der Metro-Linien ergibt sich aus ihren Endstationen. Wer also vom Etoile, der Station am Triumphbogen, zum Eiffelturm am Trocadéro will - immerhin eine fast gerade Nord-Süd-Linie im Westen der Stadt - der muss Richtung "Nation" fahren, ein Platz ganz im Osten von Paris.



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susa27, 24.10.2006
1. mehr Gleichberechtigung im öffentlichen Raum
U-Bahn fahren ist prinzipiell eine gute Sache. Rein - Raus und schnell ankommen (wenn sie denn fahren. Was hier in Berlin nicht immer der Fall ist ;-)). Allerdings finde ich bleibt beim U-Bahn fahren das Erleben der urbanen Umwelt völlig "auf der Strecke". Auch die Orientierung innerhalb einer Stadt ist für mich nur noch sehr bedingt möglich. Deshalb: Wenn es nur irgendwelche (vergleichbaren) überirdischen ÖPNV-Angebote gibt, ziehe ich diese vor. Hinzu kommen auch ökologisch Aspekte, die sicherlich gegen einen weiteren Ausbau sprechen. Zudem wurde die Verlegung Straßenbahn in den Untergrund ja nur zu Gunsten des Autoverkehr vorgenommen - Ein Aspekt der vom Ansatz her m.E. in die völlig falsche Richtung geht: Wenn die Autos besser fahren können -> gibt es mehr Autos -> müssen weitere Verkehrsteilnehmer verbannt werden.... Darüber lohnt es sich mal nachzudenken ;-)
supernicky2006, 24.10.2006
2.
---Zitat von sysop--- U-Bahnen waren einst Symbol der Moderne und der Mobilität, heute gehören Sie weltweit zum städtischen Leben. Wie erleben Sie die internationale U-Bahnen heute? Haben Sie Lieblingsstrecken? Hatten Sie besondere Erlebnisse im urbanen Untergrund? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/reise/metropolen/0,1518,443035,00.html ---Zitatende--- Ich finde die U-Bahnen in London spaßiger als in Paris - wegen der steilen Rolltreppen. Außerdem haben sich die Londoner offenbar etwas dabei gedacht, die Dinger tiefer im Boden zu versenken, weil dann das Geschirr im Schrank obendrüber nicht immer so klappert. Ich fahre gerne U-Bahn, außer in Mailand, weil die Kontrolleure da sich nicht darauf beschränken, einen wegen Schwarzfahrens vorrübergehend zu verhaften, sondern die werden dann auch noch aufdringlich (würg.). Zu den deutschen Strecken fällt mir jetzt grad weder Positives noch Negatives ein.
wolleweis, 24.10.2006
3. Ist das wirklich so?
---Zitat von susa27--- U-Bahn fahren ist prinzipiell eine gute Sache. ---Zitatende--- Stimmt [/QUOTE] Allerdings finde ich bleibt beim U-Bahn fahren das Erleben der urbanen Umwelt völlig "auf der Strecke". [/QUOTE] U-Bahn ist urbane Umwelt - vieleicht sogar mehr "obenrum" [/QUOTE] Zudem wurde die Verlegung Straßenbahn in den Untergrund ja nur zu Gunsten des Autoverkehr vorgenommen - [/QUOTE] Falsch. Die Londoner Tube hat 1863 begonnen. Das Auto war da noch nicht einmal erfunden. [/QUOTE] Ich selbst hab U-Bahn fahren als praktisch, aber nicht noetigerweise als Erlebnis gefunden. Gerade in London ist U-Bahn zwar ganz nett wegen der verschiedenen Dekorationen in den Stationen, aber bei mir bleibt trotzdem ein grundsaetzlich ungutes Gefuehl, denn die Stationen sind weder sauber, oder uebersichtlich und ich fuehle mich nicht unbedingt sicher. Wenigstens haengen zur Zeit deutlich weniger Penner und Bettler dort rum, als es noch in den 80er Jahren der Fall war.
mfeldt, 24.10.2006
4. Kompomißbereite Kontrolleure
Eines der lustigsten U-Bahnerlebniss war sicherlich in Prag, wo wir wegen "Schwarzfahrens" von Kontrolleuren verhaftet wurden - wir hatten nicht gewußt, daß das Umsteigen zwischen den Linien mit einer Karte verboten war. Nach dieser glaubhaften Versicherung zeigten sich die Kontrolleure konzilliant: "Mach ich Kompromiß: Nur einer zahlt!" [von uns beiden]. Da wir aber keine Lokalwährung besaßen (es war 1989) und sich auch in Begleitung der Kontrolleure keine durch legalen Umtausch erlangen ließ, wurde der Kompromiß dahingehend geändert, daß wir garnicht bezahlen mußten... Schön war es auch früher in Ost-Berlin wie auch in Moskauer Bussen und Straßenbahnen, wo die Fahrkarten auf langen Papierrollen zum selberabreißen verfügbar gehalten wurden, wobei man sein Scherflein in eine danebenstehende Kasse des Vertrauens einwarf. Am allerschönsten war es einmal in einem Moskauer Bus, als die Rolle alle war und ein Fahrgaste kommentarlos ein Klappe über den Fenstern öffnete, hinter der sich ein ganzer Vorrat derartiger Fahrkartenrollen befand... m.
susa27, 24.10.2006
5.
[/QUOTE] Falsch. Die Londoner Tube hat 1863 begonnen. Das Auto war da noch nicht einmal erfunden. [/QUOTE] Das mag ja auf London und weitere Einzelfälle zutreffen. Jedoch scheint mir das bei einigen Planern immer noch die Absicht zu erkennen ist, durch die Verlegung der Schienen unter die Erde mehr Platz für den Autoverkehr zu schaffen zu wollen.
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