Luxushotel Pera Palace Liebesgrüße aus Istanbul

Einst übernachteten Aristokraten in Istanbuls Pera Palace, später Backpacker - und immer wieder berühmte Gäste: Agatha Christie schrieb hier ihren "Mord im Orientexpress", Atatürk plante die Zukunft der Türkei.

Pera Palace Hotel

Von , Istanbul


Berühmt muss man nicht sein, um im Pera Palace zu übernachten; aber Geld sollte man schon haben: Für weniger als 250 Dollar pro Nacht gibt es kein Zimmer - und das ist dann klein, mit einem Bad, in dem ein Aufenthalt "selbst für eine Person grenzwertig ist", wie ein Gast auf einer Bewertungsseite anmerkt.

Aber das ist natürlich kleinlich, denn immerhin handelt es sich um das älteste und traditionsreichste Hotel Istanbuls. Hier schrieb Agatha Christie ihren "Mord im Orientexpress", hier nächtigte Greta Garbo mehrere Wochen während Dreharbeiten, und auch die legendäre Spionin Mata Hari soll hier untergekommen sein. Das Pera Palace gehört außerdem zu den Hotels, die in einem James-Bond-Film als Kulisse dienen, in diesem Fall in "Liebesgrüße aus Moskau".

Wer im Pera Palace wohnt, tut das wegen seiner einzigartigen Vergangenheit, um ein bisschen Geschichte zu atmen. Es ist das erste öffentliche Gebäude in Istanbul, das einen Stromanschluss hatte, und das erste Hotel der Stadt, in dem warmes Wasser aus den Leitungen kam. Man kann hier im zweitältesten elektrisch angetriebenen Fahrstuhl Europas fahren, älter ist nur der im Eiffelturm. Das Hotel ist eine bewohnbare Ausstellung, ein "Museumshotel" - ein Status, der zur Folge hat, dass es keine Sterne führen darf. "Wir bieten aber natürlich einen Fünf-Sterne-Standard", sagt Hoteldirektorin Pinar Kartal Timer.

Anlaufstelle für reiche Europäer

Der Bau war ein gewagtes Unterfangen in einer Zeit, in der das Osmanische Reich vor seinem Ende stand. Die belgische Firma Compagnie Internationale des Wagons-Lits begann Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Betrieb von Luxuszügen. Ab 1883 verkehrte der Orientexpress zwischen Paris und Istanbul, für das damals der Name Konstantinopel geläufiger war. Eine solche Reise konnten sich nur die reichsten Europäer leisten. Manche dieser Abenteurer reisten weiter mit der Bagdadbahn, andere wollten sich die exotische Hauptstadt des Osmanischen Reichs anschauen.

Doch weil es an standesgemäßer Unterbringung für die feinen Damen und Herren in Istanbul fehlte, beschloss das Unternehmen, ein Hotel in der Stadt zu errichten. 1892 begann der Bau des Pera Palace, benannt nach dem feinen Stadtteil Pera, dem heutigen Beyoglu. Drei Jahre später wurde es offiziell eröffnet.

"Das Pera Palace war gleichsam als letzter Gruß des Abendlandes entlang der Route in den Orient gedacht, das denkbar glanzvollste Hotel westlicher Art in der Hauptstadt des größten islamischen Reichs der Erde", schreibt der US-amerikanische Historiker Charles King in seinem kürzlich erschienenen Buch "Mitternacht im Pera Palace". "Wie Istanbul selbst, war auch das Hotel die erste größere Anlaufstelle für Europäer, die sich ihren Traum von einer Reise ins Fabelreich der Sultane, Harems und Derwische erfüllen wollten."

Das Ende des Ersten Weltkriegs war auch der Todesstoß für das Osmanische Reich, Verbündeter des Deutschen Reichs und damit ebenfalls Kriegsverlierer. Vorbei war die Zeit, da die Reichen das Hotel aufsuchten. Wagon-Lits stieß das Hotel 1919 ab, Käufer war ein griechischer Geschäftsmann. Ein Memoirenschreiber notierte, das Pera Palace habe sich den Ruf erworben, ein Hotel zu sein, in dem "ausländische Offiziere und Geschäftsleute von skrupellosen levantinischen Abenteurern unterhalten werden und mit gefallenen russischen Fürstinnen oder griechischen und armenischen Mädchen trinken und tanzen, deren Moral, milde ausgedrückt, so fadenscheinig ist wie ihre Gewänder".

Wo Atatürk die Modernisierung plante

Reporter wie Ernest Hemingway und alliierte wie türkische Unterhändler fanden sich in der Orientexpress-Bar zum Drink ein. In dieser Bar wurden die Repräsentanten der Siegermächte aufmerksam auf einen jungen, aufstrebenden Offizier: Mustafa Kemal Pascha. Ihn störte, dass plötzlich Fremde das Sagen in seinem Land hatten. Eine Anekdote erzählt, dass eine Gruppe britischer Offiziere ihn auf einen Drink an ihren Tisch einlud. Er lehnte dankend ab - es gehöre sich für einen Gastgeber nicht, sich an den Tisch seiner Gäste zu setzen. Vielmehr könnten die britischen Offiziere zu ihm kommen, wenn sie mit ihm etwas trinken wollten.

Die Türken wehrten sich mit Waffengewalt gegen eine Aufteilung ihres Landes unter den Siegermächten - der sogenannte Befreiungskrieg dauerte von 1919 bis 1923. In Folge dessen ging die heutige Republik Türkei hervor, und Mustafa Kemal Pascha wurde zu Atatürk: Der Gründervater der Republik Türkei hatte in einem Zimmer im Pera Palace die Grundzüge seiner Vorstellungen von der Modernisierung des Landes formuliert. Es war ein bewusster Bruch mit der osmanischen Vergangenheit. Die Türken "warfen das Modell eines islamischen und multireligiösen Reichs über Bord und riefen an dessen Stelle eine säkulare Republik mit einem homogeneren Staatsvolk aus", schreibt King.

Atatürks Zimmer ist heute ein Ausstellungsraum. Es ist das einzige, das man nicht bewohnen kann. Hier sind Devotionalien des Mannes zu sehen, um den in der Türkei ein Personenkult betrieben wird: ein Jackett, ein Hut, ein paar Schuhe - und viele Fotos.

Vom Luxus-Domizil zur Backpacker-Absteige

Nach den kriegerischen Jahren machten Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle das Hotel zu einem kulturellen Treffpunkt, bis in die Sechzigerjahre hinein. Dann begann allmählich der Niedergang des Viertels. Auf Militärputsche folgten Straßenkämpfe, und dort, wo einst Monarchen, Präsidenten und Industrielle gewohnt hatten, schlichen nun Diebe, Zuhälter und Drogenhändler herum. Immerhin fanden Backpacker für 50 Dollar pro Nacht eine billige Bleibe im Pera Palace.

Später übernahm ein syrischer Textilmagnat das Hotel, und als es hohe Steuerschulden zu begleichen galt, geriet es in staatlichen Besitz. Zwar stand das Gebäude fortan wegen seiner historischen Bedeutung unter Denkmalschutz, dennoch ließen es die Pächter verfallen. Dutzende neue Hotels machten dem Pera Palace die Kundschaft streitig, außerdem mieden wohlhabende Reisende das schummrige Viertel.

"Irgendwann roch es furchtbar hier drinnen, das ganze Parkett war verrottet", erzählt Direktorin Timer. 2006 schloss das Haus, um drei Jahre lang renoviert zu werden. Seit einigen Jahren hat nun die türkische Industriellenfamilie Sabanci das Hotel gepachtet, Betreiber ist der arabische Jumeirah-Konzern.

"In den vergangenen zehn Jahren hat das Pera sich wunderbar entwickelt", sagt Direktorin Timer. Der Stadtteil ist inzwischen angesagt, man erlebt hier alle Vor- und Nachteile der Gentrifizierung: Cafés, Bars und Ateliers haben eröffnet, aber die Wohnungspreise sind explodiert. Und das geschichtsträchtige Pera Palace, einst Nobelherberge für Aristokraten, dann Billigabsteige für Backpacker, ist nun dort, wo es hingehört: mittendrin im Geschehen.

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