Prag Stadt von Kafka und Golem

Ist Prag die schönste Stadt Europas, wie die "New York Times" behauptet, oder vielleicht sogar der ganzen Welt? Der Kopf ist so angefüllt mit all den phantastischen Geschichten, die über die Stadt kursieren, dass die Grenzen zwischen Realität, Geschichte und Legende verschwimmen.


Eine normale Stadt bildet Prag nur im äußeren Gürtel, wo in den vergangenen beiden Jahrhunderten Wohnraum und Arbeitsplätze für die Massen geschaffen wurden. Im Zentrum beschleicht manchen Besucher eher das Gefühl, durch die Kulisse eines expressionistischen Stummfilms zu schreiten.

Prager Karlsbrücke: Eindrücke, wie aus einem expressionistischen Stummfilm
GMS

Prager Karlsbrücke: Eindrücke, wie aus einem expressionistischen Stummfilm

In den Zeiten des Kommunismus, an die ein neues Museum nahe dem Wenzelsplatz erinnert, lag Prag in ständigem Dunst und begraben unter einer Rußschicht, als wäre das Schießpulver in einem der gotischen Pulvertürme explodiert. Der Staub der Jahrhunderte, die hier jede ihrer Launen ausgelebt hatten, war förmlich mit Händen zu greifen. Nicht von ungefähr zeigen noch heute die meisten Kunstwerke, die auf der Karlsbrücke feilgeboten werden, Prag in Schwarz-Weiß und nebelverhangen.

Durch die Straßen fuhren damals dunkle Funktionärs-Limousinen der Marke Tatra, die bösen Käfern ähnelten und einer Erzählung Franz Kafkas entsprungen schienen. Von dem deutsch-jüdischen Schriftsteller, der fast sein ganzes Leben in der häufiger gehassten als geliebten Stadt verbracht hatte, war sonst nicht viel zu sehen.

Der Veitsdom ist das bedeutendste gotische Gotteshaus Prags
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Der Veitsdom ist das bedeutendste gotische Gotteshaus Prags

Das - wie so vieles andere - hat sich seit der "sanften Revolution" des Jahres 1989 gründlich geändert. Kafka ist heute der wichtigste Werbeträger der Stadt. Sein schmales Gesicht, gotisch-abgründig wie Prag selbst, ziert Postkarten, T-Shirts und Bierkrüge.

In kaum einer anderen Stadt des ehemaligen Ostblocks hat die neue Zeit so schnell Fuß gefasst wie hier. Bald nach der Wende wanderte eine junge Boheme US-amerikanischer Lebenskünstlern ein. Gegen den Ansturm von Touristen aus aller Welt wappnete sich die Innenstadt mit zahllosen neuen Cafés und Restaurants, Galerien und Geschäften. Das melancholische Grau der Fassaden ist inzwischen farbenfroher Sauberkeit gewichen. Wer das bedauert, muss sich wie ein arger Philister vorkommen. Der Stadt bleibt auch so noch genügend Geheimnis.

Da ist zum Beispiel die Teynkirche, deren Silhouette unheilvoll die Altstadt beherrscht. Der Reiseführer klärt darüber auf, dass es sich um das bedeutendste gotische Gotteshaus Prags neben dem Veitsdom handelt. Aber was ist das für eine fremdartige Gotik, die sich in dem 1511 fertig gestellten Gebäude verwirklicht hat? Krallen oder Tentakeln gleich greifen die Türme und Türmchen nach dem Himmel. Es gibt eine rationale Erklärung für diese Vielzahl an Aufbauten: In den Ecktürmchen saßen die Brandwächter der Stadt. Doch das Wissen ändert nichts daran, dass diese Kirche weniger Gott geweiht scheint als irgendeinem finsteren Dämon.

Die Marienkirche am Teyn im Zentrum der Altstadt
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Die Marienkirche am Teyn im Zentrum der Altstadt

Das gleiche Motiv der Dachgestaltung findet sich an Pulverturm, Altstädter Brückenturm und Altstädter Rathaus. Zwischen dem Rathaus mitsamt der berühmten astronomischen Uhr und der Teynkirche spannt sich mit dem Altstädter Ring eine der schönsten europäischen Platzanlagen, ebenbürtig dem Markusplatz in Venedig oder dem Campo in Siena.

Ausgesprochen hässlich sind dagegen die Dinge, die sich auf diesem Pflaster zugetragen haben: Heerscharen von Abweichlern wurden hier brutal hingerichtet, etwa 1422 der Hussitenprediger Jan Zelivsky oder 1621, im Dreißigjährigen Krieg, 27 protestantische Adlige, die der Vergeltung der kaiserlichen Katholiken zum Opfer fielen. Nur der Reformator Jan Hus, dem ein modernes Denkmal in der Platzmitte gewidmet ist, wurde in Konstanz ins Jenseits befördert.

Wer diese Kulisse täglich vor Augen hat, muss nicht unweigerlich zum schwermütigen Schriftsteller werden. Trotzdem passt es ins Bild, dass Kafka von 1893 bis 1901 das Altstädter Gymnasium zu Füßen der Teynkirche besuchte. Überhaupt erweist er sich nachträglich als durchaus dankbarer Sohn der Stadt. Seine Biografie lässt sich mit zahlreichen Haltepunkten der Stadtführung in Verbindung bringen.

Im Goldmachergässchen mit seinen Schlumpfhäusern, wo im 17. Jahrhundert Alchimisten werkelten, hat er gewohnt. Der Burgberg Hradschin könnte seinem Roman "Das Schloss" zum Vorbild gedient haben.

Um das mystische Image der Stadt hat sich auch Rabbi Löw verdient gemacht. Sein aus Lehm geformter Golem, ein mittelalterlicher Vorläufer Frankensteins, sollte dem Schutz der Judengemeinde dienen, missbrauchte das ihm geschenkte Leben aber zu fürchterlichen Gewaltaktionen. Die Reste dieser Sagenfigur hat noch keiner gefunden, Rabbi Löw liegt dagegen ganz real auf dem alten jüdischen Friedhof begraben, dem Idealbild aller jüdischen Friedhöfe dieser Welt. Wie schiefe Zahnstummel wachsen die Grabsteine aus der Erde.

Kürzlich bemerkte der in Prag aufgewachsene Schriftsteller Maxim Biller in einem Interview, dass die Stadt ausgeblutet und nur mehr Kulisse sei: Der Exodus habe 1918 mit den adeligen Österreichern angefangen, dann kamen Juden und Sozialdemokraten, nach 1945 die Deutschen, nach 1968 die linken Intellektuellen.

Ganz so trist ist die kulturelle Gegenwart Prags sicher nicht. Aber eines stimmt: Vergangenheit gibt es hier mehr, als ein einfacher Touristen-Kopf fassen kann.



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