Pyrenäen Klirrende Kaskaden aus Eis

Kleiner und einsamer als die Konkurrenz in den Alpen, sind die 13 Skistationen des Départements Hautes-Pyrénées nicht nur schneesicher, sondern zudem idyllische Spielplätze zum Winterwandern und Wedeln, Tourengehen und Träumen in Thermen.

Von Hilke Maunder


Zwei schmale Bänder halten die eiförmigen Gitter aus rotem Plastik an den Füßen fest. Die Hände klammern sich an zwei Skistöcke; im Rucksack sind Wasser und Obst, Brot und Käse für ein Picknick vorbereitet. Ein eisiger Wind bläst aus Südwest. Aufbruch zur "Randonnée en Raquettes", zum Schneeschuhwandern in der Cirque de Gavarnie. "Gehen Sie breitbeinig. Folgen Sie meiner Spur", sagt Bernard Josué, 50, stapft die steile Flanke des Le Taillon (3144 Meter) entlang, prüft die Schneedecke über einem Bach, marschiert steil bergauf - und ebenso bergab. Das Mittelteil seines Schuhs verkrallt sich wie ein Spike im Schnee.

Fast Food wird man in den Wirtshäusern kaum finden
Hilke Maunder

Fast Food wird man in den Wirtshäusern kaum finden

Tagtäglich leitet der Bergführer bis zu zehn Gäste in 1800 bis 2400 Meter Höhe durch den Gebirgskessel an der Grenze zu Spanien. Die Faszination der kilometerlangen Kalkmauer, heute von der UNESCO als World Heritage Site geschützt, war für Klaus Tucholsky eine "nationale Zwangsvorstellung".

"Die Felswände stehen in einem gigantischen Halbkreis, oben liegt etwas Schnee, und das Ganze ist schön anzusehen", schrieb er 1927 unter dem Pseudonym Peter Panter in seinem Pyrenäenbuch. Etwas Schnee? Meterhoch glitzert die weiße Pracht. 42 Wasserfälle bilden klirrende Kaskaden aus Eis, 200 bis fast 500 Meter hoch. Einige Mutige versuchen, mit Karabiner und Seil die Wand aus Eis zu besteigen. Bricht eine Spitze, halt ihr Echo wie ein Donner.

Warteschlangen an den Liften sind immer noch selten
Hilke Maunder

Warteschlangen an den Liften sind immer noch selten

Ebenfalls im 457 Quadratkilometer großen Pyrenäen-Nationalpark liegt das größte Gebiet für Langläufer: Cauterets Pont d'Espagne. 37 Kilometer gespurter Loipen von anderthalb bis zwölf Kilometer Länge folgen in 1500 Meter Höhe einem mäandrierenden Flusslauf, der kleine Seen durchfließt, bis zum Lac de Gaube. Auf der glatten Eisfläche des Bergsees spiegelt sich der Vignemale, mit 3298 Metern höchster Gipfel der französischen Pyrenäen.

Zwischen zwölf und zwei Uhr mittags sind die Skigebiete meist menschenleer. In Saint-Lary Soulan schwingen sich die Skiläufer im Sessellift hinab zur Berghütte am Lac de l'Oule. Offenes Feuer prasselt im Kamin, in den Tellern dampft "Garbure", eine herzhafte Gemüsesuppe mit Entenfleisch als Einlage.

Die Pyrenäen laden auch zu Wanderungen abseits der Loipen ein
Hilke Maunder

Die Pyrenäen laden auch zu Wanderungen abseits der Loipen ein

Kein Fast Food, sondern regionale Gerichte prägen die Küche an den Pisten wie im Tal. Trotz allen Trubels geht es im größten Alpinskigebiet der Pyrenäen geruhsam zu, sind Warteschlangen an den Liften noch selten. Dies liegt auch an der Struktur. Bewusst wurde das 600 Hektar große Areal in drei Gebiete aufgeteilt - je höher, desto schwieriger. So finden Familien und Anfänger am Pla d'Adet in 1700 Meter Höhe einen Schneespielplatz, Rodelbahn und einfach Übungshänge.

Auf 1800 Meter Höhe folgt mit Soum-de-Matte und Espiaube ein Terrain für Fortgeschrittene, während in 2400 Meter Höhe am Vallon du Portet sämtliche Wintersportangebote versammelt sind. Snowboarder finden eine 120 Meter lange Halfpipe, Langläufer eine Hochroute, Abfahrtsläufer blaue bis schwarze Pisten, Slalom- und Tiefschneehänge.

Schnee satt: Die Winteridylle ist trotzdem nicht überlaufen
Hilke Maunder

Schnee satt: Die Winteridylle ist trotzdem nicht überlaufen

In der Ferne bellen Huskies. Alljährlich im Dezember zieht Arnaud Marchais, 37, mit seinen Hunden zum Plateau in 2200 Metern Höhe und eröffnet den Betrieb auf Nunavuk, Europas höchstgelegender Hundeschlittenstation. Über Nachfrage braucht der einstige Weltenbummler nicht zu klagen - allein 500 Fahrten sind für Februar gebucht. "A" ruft Arnaud, links herum. "G" - nach rechts. Während die Willkür der Hunde den Fahrer ins Schwitzen bringt, friert der Passagier auf dem Schlitten. Wieder warm wird der Gast bei der "Remise en Forme", dem Wellness-Paket nach dem Wintersport.

In der César-Therme von Cauterets vertreibt eine Massage mit Jet-Strahl-Duschen erste Ansätze von Muskelkater; im Saint-Lary-Soulan lassen lauter feine Düsen die Haut beim Baden prickeln. Eine Stunde schwitzen, zwei Stunden schlemmen: Erst die Menüs der "Tables Gourmandes", dem Zusammenschluss der besten Regionalrestaurants, machen die Parade der Pyrenäen perfekt.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.