Radtour durch Soweto Maisbier aus dem Plastikeimer

In Soweto sind behelmte Fahrradfahrer eine Attraktion. Dabei zählt der Vorort von Johannesburg selber zu den populärsten Sehenswürdigkeiten Südafrikas. Ein Township-Bewohner nimmt Touristen mit auf eine Radtour - und in die Zentren des sozialen Lebens, die Shebeen-Kneipen.


Soweto - Soweto, ein Jahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft: Die roten Sandwege zwischen heruntergekommenen Hütten sind voller Schlaglöcher. Der Regen der vergangenen Tage hat Pfützen und Schlamm hinterlassen. Frisch gewaschene Wäsche flattert im Wind. Am Wegesrand stapeln sich Müllsäcke.

"Wenn man mit dem Auto hier durchfährt, sieht man kaum was. Mit dem Fahrrad kommt man viel näher heran", sagt Lebo Malepa. Der junge Südafrikaner organisiert seit 2005 Fahrradtouren für Touristen im SOuth WEstern TOwnship (Soweto). Außerdem ist er der Eigentümer von Sowetos erstem Backpacker - einer Unterkunft für reiselustige junge Menschen aus aller Welt.

Knapp vier Kilometer von Johannesburgs modernisiertem WM-Stadion Soccer City entfernt keimt auch hier im Ortsteil Orlando West die Hoffnung auf ein Einkommen durch das sportliche Mega-Ereignis. Wenn am 11. Juni kommenden Jahres die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden angepfiffen wird, will Lebo für seine Gäste eine Art "Public Viewing" fast schon in Sichtweite vom Geschehen anbieten.

Heute ist er mit einer Gruppe junger Europäer unterwegs. Im Arbeiterviertel Mzimhlope spielen Kinder auf einem ausgebrannten Autowrack. Sie werden sofort auf die auffällig gelbbehelmten Fahrradfahrer aufmerksam. Mit lautem "Hello. How are you?" laufen sie den Radfahrern entgegen und halten ihre Hände zum Abklatschen hin. Sie haben keine Berührungsängste, einige versuchen sogar mit aufs Fahrrad zu klettern. Die älteren Township-Bewohner schauen neugierig bis skeptisch, einige grüßen und lächeln.

Fahrradfahrer leben gefährlich

Ein Mann mit Schirmmütze nähert sich den Radfahrern. "Hey", ruft er, "ich zeig euch was. Hat jemand Papier und Stift?" Aus Zahlen und Buchstaben konstruiert er ein Gesicht im Querschnitt. Der Künstler schreibt gleich seine Telefonnummer dazu. "Ruf mich an!", meint er in der Hoffnung auf neue Kontakte und Mäzene. Eine freundliche Alte vor einem Kindergarten grinst breit. "Schon wieder neue Leute. Jede Woche kommen neue Leute."

Die Radfahrer sind eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei. Sie sind im Alltag ansonsten eher selten zu sehen. Denn anders als im Rest des Kontinents, wo das Fahrrad ein verbreitetes Transportmittel ist, dient es in Südafrika eher dem Freizeitvergnügen am Wochenende. Fahrradwege gibt es nicht, und die meisten innerstädtischen Straßen sind für Fahrradfahrer lebensgefährlich. Wer kein Auto hat, steigt in eines der zahlreichen Minibus-Taxis, die das Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs bilden.

Bongani Mazibuko, Künstler und Kunstlehrer, hat sich bereit erklärt, den radelnden Besuchern sein Zuhause zu zeigen. Er teilt das Gebäude von der Größe eines Schrebergartenhäuschens mit seiner Schwester und ihrer Familie. Ein kleiner Vorraum ist vollgestopft mit Krimskrams, Kinderzeichnungen, Schultaschen, mittendrin prangt ein nagelneuer Kühlschrank. Das angrenzende Schlafzimmer wird fast komplett von einem Doppelbett eingenommen. Es riecht etwas muffig, das Wellblechdach scheint nicht wasserdicht. Ein Badezimmer gibt es nicht: Toiletten und Duschen werden vom gesamten Block gemeinsam benutzt.

Abstecher ins Sheebeen

Das Leben spielt sich hier größtenteils draußen ab, abends verlagert es sich in die sogenannten Shebeens, die Township-Kneipen in Hinterhöfen und Wohnzimmern. Statt kühlem Pils gibt es dort Selbstgebrautes. Reiseleiter Lebo öffnet einen Plastikeimer mit einer leicht rosa schimmernden Brühe. Gläser gibt es nicht, das traditionelle saure Maisbier wird direkt aus dem Eimer getrunken. Der wird herumgereicht, bis er leer ist. Die in der Shebeen versammelten Einheimischen trinken mit. Es wird gesellig - und wenig später macht ein Eimer mit einem dickflüssigen süßen "Energydrink" die Runde. Er ist ebenfalls selbstgebraut und auf Maisbasis.

Von draußen dringen Schlachtrufe ins Innere. Es sind Anhänger der Inkatha Freedom Party - in Südafrika ist gerade Wahlkampf. Mit Stöcken und Schilden bewaffnet tanzen die überwiegend zum Zulu-Volksstamm gehörenden Parteianhänger auf der Straße und versuchen, Aufmerksamkeit zu erregen. Fotografieren lassen wollen sie sich allerdings nicht - zu oft hätten sie in einem negativen Kontext Bilder von sich im Internet wiedergefunden, erklärt Lebo.

Johannesburgs berühmter Schwarzen-Vorort Soweto besteht aus insgesamt 29 Stadtteilen auf 120 Quadratkilometer Fläche. Zwei bis fünf Millionen Einwohner leben hier, genau weiß das niemand. Neben Zuwanderern aus Nachbarländern sorgen auch Arbeitssuchende aus den ländlichen Gebieten Südafrikas für einen ständigen Anstieg der Einwohnerzahl. Zu Zeiten der staatlich verordneten Rassentrennung wurde die trostlose Vorstadt weltweit zum Inbegriff von Unterdrückung, Auflehnung, Gewalt und Protest. Heute dagegen ist der Alptraum von einst zum Symbol für das Lebensgefühl einer neuen Generation geworden.

Soweto-Burger mit Pommes und Spiegelei

Längst ist Soweto nicht mehr nur ein ärmlicher Slum. Auf dem Weg zu den Häusern von Nelson Mandela und Desmond Tutu rollen die Fahrräder über einwandfrei asphaltierte Straßen. Die Grundstücke sind mit hohen Mauern und Stacheldraht gesichert. Kinder spielen hier nicht auf der Straße.

Neue Einkaufspassagen und Restaurants, Tennisplätze und selbst Golfplätze haben für eine Aufwertung der Siedlung gesorgt und die Immobilienpreise drastisch steigen lassen. Direkt gegenüber von Mandelas früherem Wohnsitz hat eines dieser Restaurants aufgemacht. Hier werden die traditionellen "Soweto-Burger" serviert: Weißbrot, gefüllt mit Pommes frites und Frikadelle oder Spiegelei. Sie sind zum Sattwerden gemacht.

Das Haus des südafrikanischen Nationalhelden an der Vilakazi Street 8115 ist gerade für rund 700.000 Euro renoviert worden und jetzt wieder für Touristen zugänglich. Nelson Mandela zog dort 1946 mit seiner ersten Frau Evelyn ein und lebte nach der Scheidung auch mit seiner zweiten Frau Winnie Madikizela-Mandela dort. Die Familie wurde mehrmals überfallen, einmal traf eine Bombe das Haus. Heute ist es ein nationales Denkmal, Museum und Touristenmagnet.

Nach der fettigen Mahlzeit ist Bergsteigen angesagt. Während die gelbbehelmte Truppe einen Hügel erklimmt, lehnen die Fahrräder unbewacht an einer Hauswand. Von oben hat man einen guten Blick über das Township und sein bekanntestes Wahrzeichen: die bunt bemalten ehemaligen Kühltürme des stillgelegten Orlando-Kraftwerks. Heute stürzen sich zwischen ihnen Bungee-Springer in die Tiefe oder dinieren auf einer Plattform mit weitem Blick über Soweto.

Dessen Bevölkerung hat sich an die jährlich über 200.000 Touristen gewöhnt. Township-Tourismus steht hoch im Kurs bei den Urlaubern, die sich nach Johannesburg "trauen". Nachdem die Besucherzahlen nach den fremdenfeindlichen Übergriffen in Südafrikas größter Stadt im Mai vergangenen Jahres stark zurückgegangen waren, sind sie heute so hoch wie zuvor. Auch Soweto hatte gelitten - obwohl es ausgerechnet dort kaum Gewaltexzesse gab. Neben diversen Pensionen gibt es in dem weltberühmten Township seit Ende 2007 sogar ein Vier-Sterne-Hotel .

Neugier auf andere Länder

Lebos Tour endet in einer weiteren Shebeen. Mit Rücksicht auf die internationalen Gäste gibt es diesmal auch gängige kommerzielle Biere. Um drei Uhr nachmittags ist hier noch nicht viel los. Ein örtlicher Musiker packt eine Gitarre aus. Bevor er einige seiner Songs vorträgt, zündet er sich noch schnell einen Joint an. Dagga heißt das Cannabis hier - der süßliche Geruch wabert an vielen Orten des Townships durch die Luft.

Lebo legt Wert darauf, die Einheimischen einzubinden. Das Konzept kommt an. Viele Shebeen-Gäste erzählen gerne von sich und ihrem Leben hier. Dafür wollen sie aber im Gegenzug auch Geschichten aus Deutschland, den Niederlanden und England hören. "Ich treffe gerne Menschen aus anderen Ländern. Es ist immer spannend", sagt Kunstlehrer Bongani.

Auf dem Rückweg ins Backpacker erzählt Lebo, dass er seine Fahrradtouren auch auf das im Norden von Johannesburg gelegene Township Alexandra ausweiten will. Einen Bewohner als Reiseleiter hat er schon gefunden. Denn ohne gute Kontakte zu den Menschen am Ort wären solche Touren unmöglich - auch im tourismuserprobten Soweto.

Anne Spies, dpa



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