Reisehorror Genua liegt nicht in Genf

Flugbuchungen im Netz sind praktisch - bergen aber auch ihre Tücken, wie SPIEGEL ONLINE Leser Martin Reek feststellen musste. Statt eines Kurzurlaubs in Ligurien erkundete er unfreiwillig die Straßen in den Alpen.


Reale Auswirkungen einer virtuellen Welt: Touch down in Genf statt in Genua
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Reale Auswirkungen einer virtuellen Welt: Touch down in Genf statt in Genua

Frühjahr 2000: Zwei Freunde und ich wollten uns zu einem Kurzurlaub in Italien treffen. Der Plan war einfach. Ich wollte aus Hamburg über Zürich und meine beiden Freunde direkt aus London nach Genua fliegen, dort einen Mietwagen übernehmen und für eine Woche ein Haus in Ligurien beziehen. In Zürich angekommen, schaltete ich mein Handy ein und das Display kündigte das Unglück an. Sechs Anrufe in Abwesenheit - bei anderthalb Stunden Flug war klar, dass irgendwas schief gelaufen sein musste.

"Ich bin der dümmste Mensch der Welt", gestand mein Freund am anderen Ende der Leitung kleinlaut ein. Was war geschehen? Die Londoner hatten ihre Tickets online geordert, eigentlich sehr löblich, nur dass im Englischen die Städte Genua (Genoa) und Genf (Geneva) etwas ähnlich klingen. Das Ergebnis war, dass ich um 23 Uhr alleine in Genua stand und mit einem Freund telefonierte, der in Genf gelandet war. Ich beschloss, die beiden mit dem Mietwagen abzuholen. Das vorbestellte Auto bekam ich bei einem Parkwächter, da der Flughafen mittlerweile geschlossen hatte und fuhr los. Meine grobe Richtung war Turin oder Mailand, soviel wusste ich.

Ich kämpfte einen einsamen Kampf gegen die italienische Beschilderung, die Peripherie von Turin und die einsetzende Müdigkeit. Im Aostatal angekommen, war ich plötzlich allein. Kein Auto weit und breit, tiefste Dunkelheit links und rechts, die Tanknadel näherte sich unaufhaltsam dem roten Bereich und der Mont-Blanc-Tunnel, den ich auf meinem Weg durchqueren wollte, war nach der Brandkatastrophe noch immer gesperrt.

Da stand ich nun, zwischen mir und meinem Ziel lagen die Alpen. Rückwärts - Ich quälte mich im einsetzenden Regen über Landstraßen zurück und sucht die Auffahrt zum Großen St. Bernadino, meiner alternativen Route. Ich fluchte abwechselnd über den sich leerenden Tank, die Dummheit meiner Mitreisenden und wurde im Geiste zum Märtyrer. Tanken kann man ja an der Grenze - dachte ich. Dort angekommen wurde meine Hoffnung jäh zerstört. Es gab keine Tankstelle weit und breit, nur Schnee. An Stelle des ersehnten Sprits erstand ich eine Autobahnvignette und fragte den Schweizer Grenzbeamten "Wo es denn hier nach Graz ginge?" (Es war vier Uhr morgens und ich war mittlerweile etwas durch den Wind). Ich spürte die skeptischen Blicke des Grenzers in meinen Nacken, als ich die Alpen runter rollte. Kurz bevor die Tanknadel am Anschlag hängen blieb, fand ich doch noch eine Zapfsäule. Gegen sechs Uhr am Morgen erreichte ich den Flughafen von Genf, wurde von meinen beiden Freunden in Empfang genommen und gemeinsam erreichten wir am Nachmittag nach einer ruhigen Fahrt unser eigentliches Ziel: Das Ferienhaus in Ligurien.



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