Graffiti-Maler in Rio de Janeiro Die Favela als Freilichtmuseum

Wer durch Pavão-Pavaõzinho streift, kann die Geschichte der Favela von den Wänden ablesen. 29 Riesengraffiti erzählen vom Alltag, von Gewalt und Willkür. Einer der Maler ist Acme, den sein Talent aus einem Teufelskreis befreite.

Klaus Ehringfeld

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Irgendwann an diesem grauen Vormittag kommt der Künstler dann doch noch zum Termin. Unausgeschlafen steht Acme an der Bergstation der "Bondinha", dem Schrägaufzug, der die Favela Pavão-Pavaõzinho mit der Stadt unten verbindet. Er murmelt eine Entschuldigung, erzählt von einem Großauftrag weit weg im teuren Viertel Barra da Tijuca. Er reicht die Hand zur Begrüßung. An den Fingern klebt die Farbe vom Vortag.

Acme ist vielbeschäftigt, seit seine Kunst ihn über die Grenzen der Favela hinaus bekannt gemacht hat. Unternehmer heuern ihn an oder, wie jetzt, Politiker im Wahlkampf, damit er seine bunten Graffiti an Häuser, Wände und Mauern in ganz Rio de Janeiro sprüht.

Der Straßenkünstler trägt schwarze Basecap, schwarzen Kinnbart und schwarzes Shirt, dazu Bermudas und Flipflops. Er ist ein Kind von Pavão-Pavaõzinho. In der Favela, die wie ein Wespennest über dem Nobelviertel Ipanema klebt, wurde er vor 34 Jahren als Carlos Esquivel geboren.

Esquivels Geschichte gleicht der von Hunderttausenden Bewohnern der Armen- und Arbeiterviertel an den Hügeln Rios: aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, Pflichtschuljahre, rumhängen, Heroin, Crack, Drogengangs. Nur die Jahre bei der Armee fallen aus dem Rahmen. Aber Acmes Leben nahm dann doch eine ganz andere Wendung. Er fand den Weg raus aus dem Teufelskreis: "Mit Hilfe der Kirche", wie er lächelnd sagt. Und mit seiner außerordentlichen Begabung.

Rio, eine Stadt der krassen Gegensätze

Jetzt stellt der Künstler seine Fähigkeiten in den Dienst seines Viertels. Er schafft "Casa Telas", Leinwandhäuser. Es sind Wandmalereien, die vom Leben in der Favela erzählen. Man könnte Acme einen etwas anderen Historiker nennen, einen Geschichts- und Geschichtenmaler. Jemand, der Erinnerung schafft und festhält.

Es sind Lebensläufe wie die seiner Eltern, die er auf Mauern und Wände bannt. Die Esquivels kamen vor rund 40 Jahren als Migranten nach Rio. Vater Carlos stammt aus Pernambuco, dem armen Bundesstaat im Nordosten, mehr als 2000 Kilometer von Rio entfernt. Mutter Maria wurde in Matto Grosso do Sul an der Grenze zu Paraguay geboren. Der Vater wollte Fußballprofi werden, doch der Traum zerschellte, nicht an mangelnder Begabung, wie Acme versichert, sondern an Carlos' Vorliebe für Marihuana.

So wie die Esquivels kamen über die Jahrzehnte Millionen Migranten in die boomende Metropole, die Arbeit und Auskommen versprach. Und fast alle ließen sich auf den grünen Hügeln rund um Rio nieder. Favelas galten lange als illegale Siedlungen, es gab keinen Strom, kein Wasser und keine befestigten Wege. Nur roher, roter Backstein, steile Treppen, enge, gewundene Gassen, Müll, Kabelwirrwarr. Unten dagegen, im feinen Ipanema etwa, die Apartments mit Whirlpool und Terrasse, die weißen Strände und teuren Boutiquen.

Ein Leben ohne wirkliche Berührungspunkte oder Austausch, sagt Acme. Geprägt von Vorurteilen und Angst. Denn viele Favelas waren - und manche sind es bis heute - Territorien von Drogenbanden. "Die Menschen glauben, dass hier oben keine denkenden Menschen leben, sondern nur Gewalttätige", sagt Acme, während er an einem Kiosk einen Saft und ein "Salgadinho", eine Tüte mit gelben salzigen Snacks kauft.

Erinnerungen erhalten mit Graffiti

Um diese Vorurteile aufzubrechen, gründete der Künstler mit Freunden 2009 das "Museu de Favela". Das Favela-Museum existiert zwar auch als Raum mit Bücherei und Kinderkrippe, aber vor allem ist es eine Idee, ein Konzept zum Erhalt der Geschichte des Viertels. "Die ganze Favela ist ein Freilichtmuseum", sagt Esquivel.

Erzählen, Erinnern und Erziehen - umgesetzt in 29 Wandgemälden, die meisten gezeichnet von Acme, aber auch anderen Straßenkünstlern auf Grundlage von Berichten der Bewohner. So erzählen die Wandbilder von den Regionen, aus denen die Menschen stammten, welche Religion sie hatten, welcher Rasse sie angehörten und als was sie arbeiteten. Vor allem aber erzählen die Casa Telas von den Beschwernissen des Lebens in einer Favela.

In einem schmalen Gang in Cantagalo bleibt Acme vor einem grauen Gemälde stehen. Es zeigt eine Frau mit einem Kanister auf dem Kopf. "Die Bewohner mussten für jeden Tropfen Wasser den steilen Abhang zu Fuß runter und wieder hoch. Das Wasser zweigten sie meist in den feinen Apartmenthäusern ab, wo Nachbarn und Freunde als Portiers arbeiteten", sagt der Künstler.

Erst in den Achtziger- und Neunzigerjahren kamen auf Initiative des damaligen Gouverneurs von Rio, Leonel Brizola, allmählich Wasser und Strom nach Cantagalo und Pavão. Heute wird sogar der Müll gesammelt und mit der "Bondinha" nach unten gefahren.

Wer mit Acme durch den Favela-Komplex spaziert, wird freundlich gegrüßt, hier und da fachsimpelt man mit dem Fremden über Fußball. Schwer vorstellbar, dass ein solcher Rundgang vor ein paar Jahren noch lebensgefährlich war.

Seit die Regierung von Rio 2008 mit Blick auf WM und Olympische Spiele begann, die Favelas zu befrieden, sind die Drogengangs vertrieben oder verhalten sich still. Statt bewaffneter Banden patrouillieren nun schwer bewaffnete Polizeikommandos durch die engen Gassen. Etwa jedes zehnte Armen- und Arbeiterviertel Rios ist befriedet. Offiziell sind Einheiten der "Unidade de Polícia Pacificadora", der Befriedungspolizei UPP, in 40 Favelas stationiert.

Gerechtigkeit für DG

Zu der Arbeit der UPP möchte sich Acme eigentlich nicht äußern, schließlich sei sie für den Tod eines Kumpels von ihm verantwortlich. Douglas Rafael da Silva Pereira, genannt DG, wurde Ende April auf einer Polizeiwache in Pavão-Pavãozinho tot aufgefunden.

Er sei Drogenhändler gewesen und auf der Flucht zu Tode gestürzt, behauptet die UPP. Er habe mit Drogen nichts zu tun gehabt und sei von der Polizei ermordet worden, sagen die Anwohner und protestierten mit Barrikaden und Sprengsätzen. Die Bilder gingen sechs Wochen vor Beginn der WM um die Welt. Acme hat für seinen toten Kumpel ein Graffito gemalt, ganz in der Nähe, wo er gefunden wurde, "Justiça Douglas DG" steht da drauf.

Dann verabschiedet sich der Künstler, holt eine Tüte mit mindestens 20 Spraydosen von daheim und fährt mit der "Bondinha" in die Stadt runter. Dort taucht er dann für ein paar Stunden wieder in das Rio der Reichen und Schönen ab und macht ihr Leben ein bisschen bunter.

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