Rock'n'Roll-Hotels Drogen, Dramen und Idole

Wer ein echter Rock'n'Roll-Star sein will, der lässt es krachen. Da geht auch schon mal das Mobiliar des Hotelzimmers zu Bruch - oder Fernseher lernen zu fliegen wie bei Keith Richards Besuch im legendären Hyatt On Sunset.

Von Edgar Klüsener


"Ich hätte gern Zimmer 1015." Die junge Dame an der Rezeption des Hyatt On Sunset in Hollywood lächelt mich fröhlich an, bewegt die Maus ein wenig, schaut flüchtig auf den Computerbildschirm und sagt dann immer noch fröhlich: "Nix zu machen, das Zimmer ist schon vergeben." Schade, 1015 hätte was gehabt. Immerhin ist das das Zimmer, durch dessen Fenster einst Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards einen Fernseher auf die Straße gepfeffert hatte. Ein Beispiel, dem wenig später im selben Hotel sein Landsmann Keith Moon von The Who folgte.

Aber im Hyatt ist es eigentlich egal, in welchem Zimmer man unterkommt, weil in so ziemlich jedem irgendwann schon einmal ein Rockstar genächtigt und gefeiert und randaliert hat. Das Hyatt am Sunset Boulevard ist eben ein Rock'n'Roll-Hotel. Mehr noch, es ist der Prototyp des Rock'n'Roll-Hotels.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Hyatt kaum von anderen höherklassiges Kettenhotels. Das Interieur ist gediegen zeitgemäß, und das elegante CHI-Restaurant, dessen Miteigentümer ein gewisser Justin Timberlake ist, ist eins der besten von Los Angeles. Gebaut wurde das Hotel 1958 und war ursprünglich nach dem singenden Hollywood-Cowboy Gene Autrey benannt, bevor es 1966 an die Hyatt-Gruppe verkauft wurde.

Berühmt und berüchtigt geworden aber ist es als das Riot House. Es war das Einfallstor der britischen Popinvasion der Sechziger und Siebziger und hat so ziemlich jede Rockgruppe dieses Planeten beherbergt, die auch nur halbwegs auf sich hält. Doors-Sänger Jim Morrison hat hier eine Weile als Dauergast gelebt, während Led Zeppelin für ihre Aufenthalte gleich ganze Etagen angemietet und auf diesen dann wilde Partys gefeiert hatten.

Besonderer Service für die Rocker

Rockmusiker sind die moderne Variante der fahrenden Musikanten früherer Jahrhunderte. Jeden Tag steht eine neue Stadt auf dem Programm, ein anderes Land und nicht selten gar ein anderer Kontinent. Konzerte finden in den Abendstunden statt und enden manchmal erst in den frühen Morgenstunden. Nach dem Konzert sind sie noch bis unter die Haarspitzen voll mit Adrenalin, müssen erst langsam wieder runterkommen, wollen essen, trinken, ein bisschen feiern. Entsprechend die Anforderungen an die Hotels, in denen sie absteigen. Die Bar zum Beispiel sollte schon noch geöffnet sein und ebenso die Küche.

Das Londoner Columbia Hotel ist nicht zuletzt wegen seiner Bar die bekannteste Rock'n'Roll-Herberge der britischen Hauptstadt geworden. Die Bar hatte selbst in den schlechten alten Tagen, als auf den Inseln nach 23 Uhr gar nichts mehr lief – und schon gar nicht die Zapfhähne –, bis um 2, 3 oder gar 4 Uhr morgens an Hotelgäste Alkohol ausgeschenkt. Was das Columbia, dessen leicht herunter gekommener imperialer Schick einen melancholischen Charme ausströmt, zur ersten Adresse für fahrende Musiker aus aller Herren Länder machte.

Für das Columbia im Übrigen ein lukratives Geschäft, da für fahrende Musiker Hotels auch Inseln der Vertrautheit in der Fremde sind, sie also immer gerne wiederkommen, wenn's ihnen einmal gefallen hat. So ganz nebenbei ist der Mythos, der jedes Rock'n'Roll-Hotel umgibt, zudem gut fürs touristische Alltagsgeschäft.

Sondertarife für die Musik-Vagabunden

Von seinem Ruf als Rock'n'Roll-Hotel profitiert natürlich ebenso das Hyatt On Sunset. Weswegen es durchreisenden Bands auch Sondertarife anbietet. Und es ist längst nicht mehr die einzige Rock'n'Roll-Herberge in Los Angeles. Fast ebenso berühmt wie das Hyatt ist das Marquis On Sunset. Heute eine Nobelherberge, war es in früheren Jahren eher eine Absteige und ebenfalls berüchtigt für wilde Partys. Und selbst in unseren Tagen kann es einem dort noch passieren, dass sich in einem der Liegestühle am Pool Sänger Gene Simmons der Hard-Rock-Band Kiss fläzt, während im Foyer ein englischer Popfotograf eine Boyband ablichtet.

Das ebenfalls auf dem Sunset Boulevard gelegene Mondrian Hotel, bevorzugter Übernachtungsort von Guns N' Roses, The Who oder den Gypsy Kings, hat sogar einen deutschen Bezug. In eben diesem Hotel nämlich hatte Milli-Vanilli-Akteur Rob Pilatus 1991 versucht, sich das Leben zu nehmen, nachdem herausgekommen war, dass der Sänger gar kein Sänger war. Pilatus wollte auf Nummer sicher gehen, schluckte zunächst eine Überdosis Pillen, schnitt dann seine Handgelenke auf und machte abschließend noch Anstalten, aus dem Fenster seines Zimmers im neunten Stock zu springen. Die Polizei verhinderte den Sprung. Die Skybar im Mondrian, gestaltet von Cindy Crawfords Ehemann Randy Gerber, ist übrigens derzeit einer der heißesten Nachtclubs Hollywoods.

Rockmusiker haben oft eine besondere Beziehung zu Hotels. Manche machen sie zur ständigen Wohnstatt, wie Udo Lindenberg das Hamburger Hotel Atlantic. Andere widmen ihren Lieblingshotels Lieder oder ganze Schallplatten, wie Extrabreit dem Hamburger Hotel Monopol, in dem ebenfalls schon seit Jahrzehnten Rocker aus aller Welt absteigen. Durch ein Lied von den Eagles weltberühmt wurde das Hotel California. Ausgerechnet dieses Hotel allerdings hat nie existiert.

Rock'n'Roll-Hotel auch in Moskau

Klassische Rock'n'Roll-Hotels finden sich in vielen Großstädten. Im amerikanischen Seattle ist es das direkt ans Wasser des Seattle Sound gebaute Edgewater Inn, in dem Jimi Hendrix einst immer dann lebte, wenn er seine Familie und seine Freunde in der Stadt besuchte. Im Edgewater Inn haben auch die Beatles oft genächtigt, stets im selben Zimmer, und die Nirvana-Mitglieder der Weltpresse Interviews gegeben. Und Led Zeppelin haben sich natürlich auch im Edgewater Inn daneben benommen.

Zu eher traurigem Ruhm ist das New Yorker Chelsea gekommen, in dem die melodramatische Junkie-Liebesgeschichte zwischen Sex-Pistols-Bassist Sid Vicious und seiner Freundin Nancy ein tödliches Ende fand: Neben dem unter Drogen stehenden Sid fand man Nancy erstochen auf. Kurze Zeit später starb auch Sid, an einer Überdosis. Doch schon lange vor Sid und Nancy war das Chelsea ein Hotel, in dem bevorzugt Künstler, Freigeister und Rock'n'Roller einkehrten. Für die "New York Times" ist es schlicht einer der wenigen zivilisierten Orte in New York, eben weil in seinen Zimmern mit den hohen Decken ein Hauch von Freiheit und geistiger Unabhängigkeit zu spüren ist.

Das erste Moskauer Hotel, das Erfahrungen mit westlicher Rockkultur machte, war das inzwischen leider abgerissene Rossija. Das war zu Zeiten, in denen beim Besuch von amerikanischen Rockstars wie Bon Jovi die Behörden noch kurzerhand die Straße vom Moskauer Flughafen zum Hotel Rossija auf voller Länge für den Verkehr sperrten und die Musiker in Luxuslimousinen, eskortiert von mehreren Polizeieinheiten, direkt zum Eingang des Rossija chauffierten. So geschehen im Winter 1988. Im Sommer 1989 hatte das Rossija eine Horde von westlichen Bands zu Gast, die im Rahmen des Moscow Music Peace Festivals gegen Drogen- und Alkoholmissbrauch anspielten. Später an der Hotelbar waren die Aufrufe zur Abstinenz allerdings schon längst wieder vergessen.

"Einer der weniger zivilisierten Orte" in Köln

Ein anderes Hyatt Hotel hat sich ebenfalls einen weltweiten Ruf als ausgemachtes Rock'n'Roll-Hotel erworben. Es liegt in Köln, auf der anderen Rheinseite, genau gegenüber dem Dom, und war während der Jahre, in denen in Köln die Musikmesse PopKomm stattfand, der zentrale Anlauf- und Übernachtungspunkt für Musiker, Plattenfirmenleute, Manager, Medien und Fans. Das Hyatt ist freilich nicht das einzige Rock'n'Roll-Hotel der Domstadt. Vor allem unter englischen und amerikanischen Musikern beliebt ist auch das Hotel Chelsea, in dem an jedem xbeliebigen Wochentag mindestens eine Band, ein paar Maler und der eine oder andere Schauspieler zu Gast sind. Um ein Zitat aus der "New York Times" auf Köln zu übertragen: Das Chelsea ist einer der wenigen zivilisierten Orte in Köln.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.