Büste, projiziert via VR-Brille, bei der Viaggio nei Fori, also der »Reise durch die Foren« in Rom

Büste, projiziert via VR-Brille, bei der Viaggio nei Fori, also der »Reise durch die Foren« in Rom

Sightseeing 2.0 in Rom Augen auf und durch

In der Ewigen Stadt schicken immer mehr Veranstalter Touristen mit moderner Technik auf Zeitreise durch die Monumente. Wie war das eigentlich damals in der Antike? Und was passiert, wenn man eine VR-Brille aufsetzt?
Aus Rom berichtet Dela Kienle

Da preschen sie heran, die Pferdegespanne – vier prächtige Rösser vor einem wendigen Rennwagen! Gerade sind sie aus ihren Startboxen geschnellt. Jetzt müssen sie sieben Runden absolvieren. Hoffentlich bauen die Fahrer an den Wendemarken keinen Unfall, hoffentlich werden sie nicht gleich durch den Arenasand geschleift.

Ich stehe mittendrin im Circus Maximus und sehe alles ganz deutlich vor mir. Nein, es gibt (noch) keine Zeitmaschine, die meine Familie zurück ins römische Kaiserreich gebracht hat! Wahrscheinlich wäre ich auch zu feige, um eine solche Reise zu wagen. Stattdessen probieren wir heute die »Circo Maximo Experience«  aus – und spazieren mit VR-Brillen vor den Augen zurück in die Vergangenheit.

Wunder auf der Wiese: Mit VR-Brille den Circus Maximus entdecken

Wunder auf der Wiese: Mit VR-Brille den Circus Maximus entdecken

Foto: Dela Kienle

Es tut sich nämlich etwas in der Ewigen Stadt: Immer mehr Veranstalter in Rom entdecken moderne Techniken wie Virtual Reality. Sie kann tatsächlich ein riesiges Plus beim Sightseeing sein – gerade wenn man Kinder oder Jugendliche im Schlepptau hat.

Natürlich ist Rom fantastisch, wenn man einfach nur durch die Gassen bummelt. Und selbstverständlich braucht niemand Hightech, um Ehrfurcht zu verspüren, wenn er das Kolosseum oder Forum Romanum betrachtet: Ist doch irre, wie alt diese Bauwerke sind! Seit knapp zwei Jahrtausenden stehen sie hier, trotzig und gleichgültig, ob nun gerade Togaträger, Barbaren oder Touristen mit Selfiesticks um sie herumwuseln. Viele Zeugnisse der Antike sind in Rom erstaunlich gut erhalten – und doch benötigt man viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Stadt in ihrer Glanzzeit ausgesehen haben mag.

Schöne alte Welt: Der Circus Maximus durch die VR-Brille betrachtet

Schöne alte Welt: Der Circus Maximus durch die VR-Brille betrachtet

Wo heute auf dem Forum Klatschmohn wuchert, wurden damals aufwendige religiöse Zeremonien abgehalten. Das Gerippe der Trajansmärkte beherbergte früher ein quirliges, gigantisches Einkaufszentrum. Überhaupt gab es nicht nur Tempel, Thermen und Basiliken, wie die Überreste heute suggerieren, sondern auch mehrstöckige Mietshäuser, schummrige Werkstätten und öffentliche Kloanlagen. Doch weil man so wenig vom Alltag sieht, finden Kinder die Ausgrabungen und Museen schnell eintönig.

Wohl niemand weiß das besser als wir. Weil wir Verwandtschaft in Rom haben, sind wir regelmäßig hier. Wahrscheinlich hatten unsere Kinder noch Windeln an, als wir zum ersten Mal mit ihnen durchs Forum spaziert sind. Später habe ich Römer-Bilderbücher für sie gekauft und beim Sightseeing möglichst anschaulich erzählt, was ich selbst noch aus dem Geschichtsunterricht wusste.

Dass die Römer sich etwa beim Thermenbesuch einölten und dann Schweiß und Dreck mit einem »Strigilis«-Eisen abschabten. Oder dass Gebäude und Statuen damals wohl nicht weiß waren, sondern knatschbunt. »Das wissen wir doch schon!«, antworten meine 12- und 14-jährigen Teenager heute, oder sie geben etwas wie »Hmpf!« von sich. Überhaupt wollen die beiden lieber Erdbeer-Mango-Eis, als noch mehr »Ruinen« anzuschauen.

Aber mit VR-Brille zum Circus Maximus? Darüber lässt sich reden! Es ist auch eine großartige Idee, dieses Monument mit Virtual Reality zum Leben zu erwecken, denn die Überreste sind besonders mickrig. Ich kann mich noch gut an meine Enttäuschung erinnern, als ich vor Jahrzehnten erstmals vor dem Circus stand: Wo einst die größte Sportarena der Menschheit stand, sieht man heute vor allem eine vergilbte Rasenfläche.

Nur am südlichen Ende sind noch Reste der gewaltigen Tribünen vorhanden, die früher bis zu 250.000 Besucherinnen und Besucher fassten, die ihre Lieblingsmannschaft anfeuerten und die Gegner mit Fluchgebeten verwünschten.

Ich buche telefonisch ein Familienticket, und tags darauf bekommen wir klobige, weiße VR-Brillen überreicht. Die trägt man von Station zu Station, hält sie sich vor die Augen – und schon verwandelt sich der Circus. So sah also die »Spina« aus, als sie die Rennstrecke in zwei Hälften teilte! Und dort hinten hingen die sieben Marmordelfine, die den Zuschauern verrieten, wie viele Runden die Rennfahrer bereits hinter sich hatten! An einer Station müssen wir den Kopf weit in den Nacken legen: Hier stand früher ein riesiger Triumphbogen. Dank VR-Brille bekommen wir ein Gefühl dafür, wie hoch und breit er eigentlich war.

Virtueller Cäsar im Forum Augusto

Virtueller Cäsar im Forum Augusto

Den Kindern gefallen die Geschäfte, die sich damals unter den Tribünen verbargen. Wir sehen eine Taverne, Lebensmittelläden und eine Wechselstube, in der die römischen Wettfüchse sich Sesterzen leihen konnten – nur, um sie beim nächsten Rennen wieder zu verlieren. Der Audioguide erwähnt, dass es sogar ein Bordell in der Arena gab. »Das zeigen sie uns natürlich nicht. Ist ja typisch!«, scherze ich. Hahaha, Elternhumor. Die Teenager rollen mit den Augen.

Mich fasziniert besonders die letzte Station: Die zeigt, wie es mit dem Circus Maximus nach der Römerzeit weiterging. Ab dem 19. Jahrhundert wurde die Arenafläche nämlich industriell genutzt, und so wachsen vor meiner VR-Brille plötzlich Schornsteine und Gasometer in den Himmel. Die ließ Mussolini wieder abreißen und errichtete stattdessen faschistisch-protzige Ausstellungspavillons, während er von der Wiedergeburt des Imperium Romanum träumte.

Room-Tour bei Kaisers

Nicht nur der Circus Maximus setzt neuerdings auf VR-Brillen. Sie werden beispielsweise auch in Neros größenwahnsinnigem Palast benutzt, im Domus Aurea . Wer die unterirdischen Überreste betrachten will, muss zwar eine klassische Führung buchen. Doch in einigen Räumen kommt auch Virtual Reality zum Einsatz und zeigt, welchen Luxus sich der Kaiser gegönnt hat. Nach einer Schließzeit eröffnet der Domus Aurea im Laufe dieses Monats mit einem neuen Ausstellungsschwerpunkt.

Das Forum Augusto bei der Viaggio nei Fori, also der »Reise durch die Foren« in Rom

Das Forum Augusto bei der Viaggio nei Fori, also der »Reise durch die Foren« in Rom

Ein tolles Erlebnis sind die Veranstaltungen von »Viaggio nei fori« , also »Reise durch die Foren«. Sie finden nur in den Sommer- und frühen Herbstmonaten statt, und zwar abends, wenn die Sonne verschwunden ist. Dann bekommen Besucherinnen und Besucher Headsets, aus denen sie Erklärungen in ihrer Sprache hören. Beim Augustusforum sitzen sie währenddessen wie in einem Freiluftkino auf Bänken und betrachten Projektionen, die auf antike Wände geworfen werden.

Abwechslungsreicher ist die zweite Tour im Caesar-Forum: Dann bleibt man nämlich nicht an einem Ort, sondern spaziert mit einer Gruppe zwischen den dunklen Ruinen umher, die angestrahlt und durch Projektionen zum Leben erweckt werden.

Wo man vorher nur verfallene Steinbögen sieht, sitzen plötzlich römische Schüler mit ihrem Lehrer. Traurige Säulenstümpfe verwandeln sich durch Lichtzauber in vollständige Tempel. Auch die Rückseite der »Curia Iulia« wird zur Leinwand und erlaubt Einblicke in eine Senatsversammlung von damals – bis das Gebäude plötzlich in Flammen aufgeht. Natürlich nur virtuell, nicht, wie tatsächlich geschehen, im Jahr 283 nach Christus.

Dass prächtige Gebäude zerstört wurden, war im Lauf der Geschichte keine Seltenheit. Dann recycelte man die Steine oder baute auf dem Schutt wieder etwas Neues. Heute ähnelt der Untergrund Roms deshalb einer archäologischen Schichttorte, und niemand ahnt, welch Schätze unter der jetzigen Bebauung ruhen.

Nur an einigen Stellen kann man einfach in den Untergrund hinabsteigen – beispielsweise gleich neben der verkehrsumtosten Piazza Venezia. Dort sollte unter dem Renaissancebau Palazzo Valentini eine Tiefgarage gegraben werden. Doch bei den Arbeiten hat man im Untergrund die Villen zweier reicher Patrizierfamilien aus dem 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus entdeckt. Diese »Domus Romane«  kann man mit einer Führung besichtigen.

Der Eingang zu den »Domus Romane« ist neben der bekannten Trajansäule

Der Eingang zu den »Domus Romane« ist neben der bekannten Trajansäule

Foto: Dela Kienle
In den Gewölben des Palazzo Valentini

In den Gewölben des Palazzo Valentini

Foto: STEFANO CARLETTI / Eigentum der Verwaltung der Hauptstadt Rom

Ich finde es ziemlich dunkel, als wir im Gänsemarsch ins Kellergewölbe marschieren. Auch die Glasbrücken, über die wir laufen, sind mir nicht ganz geheuer, denn unter uns gähnt ein Abgrund. Doch plötzlich … Scheinwerfer, Licht, sonore Erklärstimme. Auch hier gibt es eine Multimediashow, die uns zurück ins alte Rom versetzt.

Mal wird die kostbare Marmorverkleidung eines Wohnzimmers angeleuchtet, mal eine Prachttreppe, die ins erste Stockwerk der Villa geführt hat. Ein zerstörter Mosaikboden wird – mit klassischer Musik untermalt – per Lichtprojektion wieder vervollständigt. Und auf die Wände geworfene Filme zeigen uns, wie früher frisches Wasser ins Badezimmer strömte, wie man im Esszimmer auf Speisesofas lümmelte und wie prächtig die Innenhöfe der Stadtvillen früher waren. »Hier würde ich auch gerne wohnen«, flüstert mein Sohn mir zu.

Als ich die Teenies hinterher frage, wie ihnen der Multimediabesuch gefallen hat, sind beide sehr angetan. Ein Eis haben sie sich trotzdem verdient, finden sie. »Virtuelles oder echtes Eis?«, frage ich. Augenrollen. Elternhumor.