Roms Nachtleben "Süß ist es auszurasten"

Komasaufen, Glücksspiel, wilde Sexpartys: Schon vor 2000 Jahren wussten die Römer, dass die Nacht nicht nur zum Schlafen da ist. Horaz und Ovid beschrieben, wie sie zechten, zockten, hurten. Heute gilt Rom als brav und bieder - ist es aber nicht.

Roberto Boccaccino für GEO Special

Von "GEO Special"-Autorinnen Caterina Lobenstein und


Paolo trägt nichts, nur ein paar Socken. Er rekelt sich im Kunstnebel, der über die kleine Bühne wabert. Über ihm lässt eine eingeölte Blonde ihren Hintern kreisen, rotiert tiefer und tiefer, hinein in den rot angeleuchteten Dunst, grinst ins Publikum und setzt sich auf Paolos bestes Stück. Höfliches Klatschen. Für 70 Euro Eintritt - Kondome kosten extra - bekommt man fast alles im Swingerklub "Why not".

Zwei weitere Männer bittet die "Tänzerin" auf die Bühne, dann eilen die aufgeheizten Paare in den Keller, wo fünf dunkle Zimmer auf sie warten, mit Betten groß wie Hochsprungmatten. "Sie hält den Rekord", sagt der Besitzer des Klubs, ein Grauhaariger mit Haifisch-Grinsen, und zeigt auf eine Dame, die an der Bar lehnt: "15 Männer in knapp drei Stunden. Ihr Gatte hat zugeschaut."

Das "Why not" in der Via dei Quattro Cantoni ist der einzige Sexklub weit und breit, im Bezirk Monti, nur wenige Straßen vom Kolosseum entfernt. Genau hier lag einst die Subura, das berüchtigte Armen- und Vergnügungsviertel des antiken Rom. Hier drang aus düsteren Kaschemmen das Gegröle der Betrunkenen, hier berauschten sich Tagelöhner am Wein der Billigschänken, hier warteten in schwülen Hinterzimmern die Dirnen, ein Beischlaf kostete so viel wie zwei Laibe Brot.

Für fast alles gibt es in Rom steinerne Zeugen. Das Pantheon erzählt vom Reich der Götter, das Trajansforum von der Ruhmsucht der Kaiser, die Engelsburg von der Macht der Päpste. Doch wer heute durch die Gassen der einstigen Subura streift, hört die Rollkoffer der Touristen rattern. Bordelle sind in Rom seit 1958 verboten, Privatklubs werden misstrauisch beäugt, um zwei Uhr beginnt im Zentrum die offizielle Sperrstunde. Was wurde aus dem derben Treiben der alten Römer? Wie dekadent sind ihre Nachfahren?

Bußgeld für zu kurze Röcke

Wer das Erbe der Subura sucht, muss hinausfahren, gen Süden, vorbei an den Caracalla-Thermen, die Via Cristoforo Colombo entlang, bis die Fahrbahn sechsspurig wird, bis Bürotürme und Werbetafeln die Straße säumen. Bis am Seitenstreifen Gestalten wie Samantha auftauchen.

Auf High Heels stolziert sie, die eigentlich ein Er ist, vor einer Tankstelle auf und ab, die Taille mit einer Korsage abgeschnürt, die Silikonbrüste groß wie Pampelmusen. 1999 kam Samantha aus Venezuela, seither verkauft sie ihren Körper auf dem Transvestitenstrich. "Läuft ganz gut", sagt sie, "aber du kannst das nur machen, wenn du dich frei fühlst." Sie deutet auf ihr Stückchen Freiheit, einen silberfarbenen BMW, geparkt am Seitenstreifen.

Geschätzte 60.000 Damen warten an den Ausfallstraßen Roms auf Freier, sie kommen aus Rumänien, Nigeria, Brasilien, viele von ihnen sind Dienerinnen höchst zwielichtiger Herren. Aber das Bordellverbot kippen, die Prostitution zurück in die Sicht- und damit Kontrollierbarkeit holen? Undenkbar in der Stadt des Papstes. Stattdessen verhängte Roms neofaschistischer Bürgermeister Gianni Alemanno für Samanthas Gewerbe jüngst ein Bußgeld bei zu kurzen Röcken: Damit die Autofahrer auf die Straße schauen, nicht auf nackte Schenkel.

Die Dirnen der Antike trugen transparente Kleider, sie warteten im Zentrum Roms auf Kundschaft. Jeder durfte sehen, wenn ein Bürger das Bordell betrat. Die Mächtigen bestellten sich Prostituierte in ihre Privatpaläste, genau wie heute, und auf dem Esquilin luden Patrizier zu Gelagen, die mehrere Nächte dauern konnten. Sie ließen sich eisgekühlten Wein aus Kannen mit phallusförmigen Tüllen einschenken, rekelten sich auf Speisesofas, auf denen sie liegend gebackene Schweinezitzen, Flamingozungen und safttriefende Feigen vertilgten. Mit Zahnstochern aus duftendem Mastixholz erfrischten sie ihren Mund, ehe sie sich auf die Lippen junger Knaben stürzten.

Spanische Tänzerinnen ließen ihre lasziven Hüften kreisen und geilten die Gäste ohne Ende auf, notierte der Dichter Martial. Und der Schmähschreiber Catull drohte einem unliebsamen Nebenbuhler, er werde ihn "bei angewinkelten Beinen und offenem Pförtchen mit Rettichen und dickköpfigen Fischen durchbohren".



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
janne2109 12.04.2011
1. und was gibt es darüber zu
diskutieren? Fein abgeschrieben aus dem neuen Geo-Heft ROM. Etwas weniger süss hätte mir vor ein paar Wochen schon gereicht in Rom. Hier laufen die unfreundlichsten Italiener herum die ich je in Italien getroffen habe. Hatte eigentlich eher an leicht, lustige, lockere Italiener gedacht und wusste nicht, dass ich mich erst ausziehen muss um die dann in einer Kaschemme zu treffen, grins
groovebuster, 12.04.2011
2. Über was es so alles Artikel gibt...
Mich wundert ehrlich gesagt mal wieder, aus was manche Journalisten so alles eine Story machen, wenn es anscheinend sonst nichts Bewegendes zu berichten gibt. Da wird über eine "Party-Szene" berichtet, die es eigentlich in jeder größeren Stadt gibt, in der sich die ganzen durchgeknallten Leute wieder finden, die meinen, dass der Sinn des Lebens darin besteht sich mit zügellosen Parties, Tabubrüchen sowie Sex und Drogenexzessen das Gehirn zu frittieren. In Rom ist das jetzt aber was besonderes? Warum? Wieso? Weshalb? Diese Leute gab es zu jeder Zeit, in jeder Kultur. Das ist nichts Neues, aber wir machen mal einen Artikel daraus... Den könnte man einfach so lassen und die Namen einfach z.B. durch Berliner Orte ersetzen und Bilder au Berlin rein kleben. Es würde wahrscheinlich keiner merken, dass er recycelt wurde... Ich konnte mit der Art des Homo Particus supralatus noch nie was anfangen, auch schon nicht als Jugendlicher. Bei den meisten ist es nur der Ausdruck der Suche nach Bedeutung in einem sinnentleerten und taub machendem Alltagsleben. Als netter Nebeneffekt sind diese Leute in der Regel extrem laut und egozentrisch und scheren sich einen Scheißdreck um ihre Mitmenschen und ihre Umwelt. Man ist ja zu beschäftigt selbst Spaß zu finden, da kann man sich nicht noch damit belasten, dann man anderen mächtig auf die Klötze geht. Bevor jetzt falsche Verdächtigungen aufkommen... ich bin weder spießig noch bieder, schon gar nicht prüde. Und ich kann eine Menge Spaß haben; ohne Drogen und ohne Exzesse. Man, muss wir langweilig sein! Ist mir noch gar nicht aufgefallen!
paoloDeG 12.04.2011
3. Roms Nachtleben !
In Rom, wie auch überall in Italien, für Geld bekommt man alles, auch Nonnen und Priester! Politiker und Kirchendiener haben aus Italien ein "pimp and drug-dealer State gemacht!
Peter Sonntag 12.04.2011
4. Spätrömische Dekadenz ?
Zitat von janne2109diskutieren? Fein abgeschrieben aus dem neuen Geo-Heft ROM. Etwas weniger süss hätte mir vor ein paar Wochen schon gereicht in Rom. Hier laufen die unfreundlichsten Italiener herum die ich je in Italien getroffen habe. Hatte eigentlich eher an leicht, lustige, lockere Italiener gedacht und wusste nicht, dass ich mich erst ausziehen muss um die dann in einer Kaschemme zu treffen, grins
Das sind wohl Erscheinungen, die der unverdiente Wohlstand mit sich bringt. Hier trennt sich dann die Spreu vom Weizen, aber das bringt die ganze Gesellschaft auch nicht mehr weiter.
peterbruells, 12.04.2011
5. Nicht alles ist abgeschrieben
Zitat von janne2109diskutieren? Fein abgeschrieben aus dem neuen Geo-Heft ROM. Etwas weniger süss hätte mir vor ein paar Wochen schon gereicht in Rom. Hier laufen die unfreundlichsten Italiener herum die ich je in Italien getroffen habe. Hatte eigentlich eher an leicht, lustige, lockere Italiener gedacht und wusste nicht, dass ich mich erst ausziehen muss um die dann in einer Kaschemme zu treffen, grins
Wie kann man es es abschreiben nennen, wenn oben früber "Von "GEO Special"-Autorinnen Caterina Lobenstein und Julia Stanek" steht?
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