SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. September 2014, 14:46 Uhr

Fototrips in die Vergangenheit

Ruinen, Rost, Entdeckerlust

Verlassen, verfallen, aber nicht vergessen: Industrieruinen faszinieren Fototouristen mit ihrem abblätternden Charme und ihrer oft bewegten Vergangenheit. Berlin ist ein Top-Ziel, doch weltweit geht die Suche nach den morbiden Motiven weiter.

Berlin - Im Kalten Krieg saßen hier die Amerikaner und lauschten Richtung Moskau. Ruinenführer Andreas Böttger leuchtet mit dem Handy-Display den Weg durch die fensterlosen Gänge. Es geht hinauf zum Turm der alten Abhöranlage auf dem Berliner Teufelsberg.

Was für ein Blick: Die Stadt liegt wie ein Meer zu Füßen des Hügels - das Olympiastadion, der Alexanderplatz, der riesige Grunewald. Von unten ist aus dem Gestrüpp das Quieken der Wildschweine zu hören. Windböen zupfen an der zerrissenen Plane des Radarturms.

Die Abhöranlage ist einer von vielen verlassenen Orten in Deutschland, die Fotografen und Entdecker anlocken. Die Patina, die Stille, der Zauber der Geschichte: Das fasziniert anscheinend immer mehr Menschen. "Am Brandenburger Tor oder den Fernsehturm zu fotografieren, ist langweilig", sagt der 39-jährige Böttger, der Touren durch Gefängnisse oder Fabriken anbietet - mit Genehmigung.

Was ist an verlassenen Orten so schön? "Das ist ein bisschen wie Urlaub, du bist in einer anderen Welt", sagt Böttger. Die erste Ruine, die ihn fasziniert hat, war seine alte Schule in Hohenschönhausen: Die Außenwände fehlten, aber im Kasten der Tafel lag noch die Kreide.

Mit den Fototouren liegt Böttger im Trend. Zeitungen sammeln Ruinenbilder von Lesern. Das Internet ist voll von Tipps und Fotos. Allein die "Verlassenen Orte in Schleswig-Holstein" bekamen mehr als 30.000 "Gefällt mir"-Daumen bei Facebook, "Deutschlands verlassene Orte" sogar an die 58.000. Bildbände zeigen die Ästhetik des Verfalls der Industrieruinen im Ruhrgebiet.

Expedition in die Geschichte

"Urban Exploration", das Entdecken der Städte, ist eine globale Bewegung. Das marode Detroit begeisterte so viele Fotografen, dass von "Ruinen-Porno" die Rede war. In Italien sind verfallene Nobel-Discos zum Motiv geworden, in Athen der aufgegebene Internationale Flughafen. Für die einen sind es Bruchbuden, für andere verwunschene Orte mit Nostalgiefaktor - eben "Lost Places".

Berlin hat einige davon zu bieten. Wie der Teufelsberg, wo sich Künstler mit Streetart und Graffiti ausgetobt haben, sind viele Orte keine Geheimtipps mehr: die alte irakische Botschaft in Pankow, das Ballhaus in Grünau, das Stadtbad in Lichtenberg oder eine verwilderte Bahnstrecke in Siemensstadt. Im Spreepark, einem stillgelegten Vergnügungspark, wütete gerade ein Feuer - Brandstiftung. Oft ist der Zutritt zu den Ruinen nicht erlaubt. Manche Häuser haben aber auch schon einen Investor gefunden.

"Verlassene Orte üben auf mich eine ganz besondere Anziehungskraft aus", sagt Lucia Jay von Seldeneck. Die 36-Jährige ist Autorin des Buches "111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss". Zum einen sei da der Nervenkitzel des Einsteigens. Und dann, wenn man die Mauer oder den Zaun überwunden habe, offenbare sich, Stück für Stück, eine Geschichte. "Man betritt eine andere Welt", sagt Seldeneck. Sie mag es, wenn an den Orten etwas Neues passiert, etwa wenn sich ein Parkdeck in einen Klub verwandelt.

Die Szene ist gemischt: Es gibt "Urban Explorer", die sich ernsthaft für die Geschichte interessieren und keine Spuren hinterlassen, aber auch Partyhorden und Schrottdiebe. Umstritten ist bei Ruinenliebhabern, ob man im Internet sagen soll, wo die Fotos entstanden sind.

Fototrip zu sibirischem Hubschrauberfriedhof

Der Fotograf Axel Hansmann distanziert sich von "Handy-Knipsern", wie er sie nennt, und verrät die genauen Standorte nicht. Er sucht auch nicht den Kick des Illegalen. Ihn faszinieren das Farbspiel der Natur, der Charme der Tristesse. "Ich brauche keinen Adrenalinschub", sagt der 60-Jährige.

Seine Ruinenleidenschaft begann 2007 in den Beelitzer Heilstätten in Brandenburg, wo früher Tuberkulosekranke untergebracht wurden. Um die 30 verlassene Orte kennt Hansmann schon. Berlin hält er für abgegrast. Bald reist er für eine Ausstellung nach Westsibirien. Er freut sich, dort ein Lager für alte Sowjethubschrauber zu erkunden.

Auch Ruinenführer Böttger denkt über Berlin hinaus. "Uns gehen die Orte nicht aus." Er zeigt Bilder aus einem verwunschenem Hotel, mit Spinnweben und verwitterten Ohrensesseln. Es sieht aus, als ob die Zeit stillstehe. Das Haus liegt im Schwarzwald. Bald soll es auch dort Touren geben. Als Böttger davon erzählt, klettern gerade Fototouristen die Treppe zur Radarkugel auf dem Teufelsberg hinauf. Sie sind begeistert, auch wenn sie hier nicht allein sind.

Caroline Bock/dpa/abl

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung