Salzburg Sieg über die Mozartkugel

2006 ist das Jahr des 250. Geburtstags von Wolfgang Amadeus Mozart. Salzburg ehrt die Unsterblichkeit ihres Genies, das der ganzen Welt gehört und doch eng mit der Geschichte der Stadt verbunden ist. Ein Rundgang zu Schauplätze und Stationen des Musikers.

Von Kristof Magnusson


Schon zu Mozarts Zeiten wurde er in das Felsgestein gehauen, der kurze Tunnel, der unter dem massigen, grauen Mönchsberg hindurch aus der Salzburger Altstadt in den Stadtteil Riedenburg führt. Kühl und feucht ist es hier, in einer Ecke tropft es sogar. Dieser Tunnel ist eine atmosphärische Schleuse: Auf der einen Seite liegt das Salzburg des 21. Jahrhunderts, auf der anderen fühlt man sich in Rokoko- und Barockzeiten versetzt.

Lange Reihen von alten Bürgerhäusern ziehen den Besucher immer tiefer in die Altstadt, kein einziges modernes Gebäude zerstört die in sich geschlossene Illusionswelt. Der Weg führt am Wilhelm-Furtwängler-Garten vorbei auf den Universitätsplatz. Hier, in der Kollegienkirche, wurde 1769 Mozarts Messe in d-Moll uraufgeführt.

Fotostrecke

4  Bilder
Salzburg: Glückwunsch, Amadeus!

Heute ist Wochenmarkt. Zwischen den Gemüse- und Käseständen überall im Angebot: die berühmten, mit Schokolade überzogenen Marzipankugeln, von deren Verpackung Wolfgang Amadeus Mozart weiß bezopft und milde lächelnd dem Treiben der Touristen zusieht. Viele von ihnen werden heute noch das Patrizierhaus betreten, dessen mit gelbem und orangefarbenem Rokoko-Stuck verzierte Rückseite hinter dem Markt aufleuchtet.

Mitten im Getümmel hält eine Reiseleiterin eine Sonnenblume in die Luft, um die sich eine Gruppe von Siebtklässlern sammelt. "Hier wurde am 27. Jänner 1756 Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart geboren. Fast die Hälfte seines Lebens hat er hier gewohnt", erklärt sie. "Ihr kennt ja sicher die Mozartkugel. Aber wusstet ihr, dass es auch Mozartparfüm gibt, Mozartschnaps und Mozartzigaretten?". Dann erinnert sich die Reiseleiterin daran, dass sie zu einer Horde von Dreizehnjährigen spricht und fügt mit mütterlichem Lächeln hinzu: "Aber da müsst ihr noch drei Jahre warten."

Schon für Familie Mozart muss es eng gewesen sein im dritten Stock der Getreidegasse 9, doch nun drängeln sich durchschnittlich eintausend Menschen pro Tag durch diese Räume, bestaunen Mozarts Clavichord, die Kindergeige, die Briefe. Von den sieben Kindern, die Anna Maria Mozart zur Welt brachte, überlebte neben Wolfgang nur seine ältere Schwester Maria Anna Walburga. Vater Leopold, der nicht nur Musiker, sondern auch ein angesehener Pädagoge war, erkannte bald das Talent seiner beiden Kinder und sorgte dafür, dass Wolfgang und "Nannerl" einen großen Teil ihrer jungen Jahre auf Konzertreisen zwischen London, Paris und Italien verbrachten.

Specereyen in Mozarts Geburtshaus

Neben dem Fürsterzbischof Schrattenbach war Lorenz Hagenauer, Vermieter und Freund der Familie Mozart, ein großzügiger Förderer dieser aufwändigen Reisen. Im Parterre des Hauses in der Getreidegasse 9 führte er die "Alte Hagenauerische Specereywarenhandlung", Salzburgs erste Adresse für Delikatessen, Kaffee und Gewürze.

Die kulinarische Welt der Hagenauers lebt bis heute bei Ludwig Rigaud weiter. Dessen Vorfahren kauften vor mehr als 100 Jahren Mozarts Geburtshaus. Dort betrieben sie in Hagenauers Nachfolge ein Feinkostgeschäft. 1994 war es nicht mehr möglich, sich auf der Getreidegasse gegen die Konkurrenz von Nordsee und McDonald's zu behaupten. So führt Rigaud die Tradition in einem Bistro in der ruhigeren Sigmund-Haffner-Gasse fort. Hier, bei "Scio's Specereyen" steht jetzt der Zahltisch aus weißem Marmor, an dem schon Hagenauer seine Geschäfte tätigte. "An dem Klang, den die Münzen machten, wenn sie auf diesen Tisch fielen, wurde überprüft, ob sie echt waren", sagt Rigaud.

Frische Austern, Knödelsuppe und Gulasch stehen bei "Scio's" auf der Speisekarte. Daneben auch Produkte, die ihren Ursprung in Mozarts Zeit haben, beispielsweise ein Vorläufer der Mozartkugel aus Maronenpüree und Nougat. Dass diese mit dunkler Schokolade überzogenen halbrunden Pralinen "Venusbrüstchen" heißen, ist eine Frivolität, die wohl auch Mozart gefallen hätte.

Aber wie ist es denn nun, in Mozarts Geburtshaus zu wohnen, das jedes Jahr doppelt so viele Menschen besuchen wie Salzburg Einwohner hat? Ludwig Rigaud stört das nicht: "Man muss nur daran denken, unten zuzusperren, sonst stehen die Leute auch in unserer Wohnung."

Auf der Getreidegasse wird schlagartig klar, was Rigaud meinte: Links Russen, rechts Japaner, englische, deutsche Sprachfetzen fliegen umher. Jemand spielt auf einem Digitalklavier die "Kleine Nachtmusik" so holzhackerhaft grob, als müsse eine Armee dazu marschieren. Die Geschäfte, die noch nicht zu großen Ketten gehören, verkaufen Mozartdirndl oder "Nannerl Liqueur" - Mozartkugeln verkaufen ohnehin alle. Nirgendwo ist sie so spürbar wie hier, die oft monierte millionenfach reproduzierte Allgegenwart des Komponisten.

Lack und Federn für die Mozart-Hommage

Doch was geschieht, wenn jemand ein anderes Bild von Mozart entwirft? So geschehen auf dem Ursulinenplatz am Rande der Altstadt, für den der deutsche Künstler Markus Lüpertz eine Skulptur entwarf, die im Auftrag der Salzburg Foundation frischen Wind in das Weltkulturerbe der Altstadt bringen sollte. Was gründlich gelang: Ein nackter Körper steht nun da, mit breitem Becken und weiblichen Brüsten. Auf dem Kopf eine typische Rokokoperücke, allerdings in gelb. Wer aus der hochbarocken Markuskirche tritt, läuft unmittelbar auf die unbekleidete Vorderseite dieser Figur zu - für streng katholische Geister ist das schon Provokation genug, selbst wenn auf dem Sockel nicht noch das Wort "Mozart" stünde. Dennoch hätte man das in den meisten Großstädten wohl einfach hingenommen.

Anders in Salzburg: Obwohl der Künstler betonte, dass es sich nicht um eine Mozart-Darstellung, sondern um eine "Hommage" handele, beschmierte der selbst ernannte Sittenwächter Martin Humer die Figur mit Lackfarbe und federte sie, um "wenigstens einen Papageno" daraus zu machen. Die Folgen: Restaurierungskosten von über 30.000 Euro und eine Anzeige wegen Sachbeschädigung für den "Pornojäger". Heute hat wieder jeder die Möglichkeit, sich die inzwischen entfederte Figur anzusehen und über Salzburgs Verhältnis von Tradition und Moderne nachzudenken.

"Das Salzburger Land ist das Herz vom Herzen Europas. [...] es liegt in der Mitte zwischen Süd und Nord, zwischen Berg und Ebene, zwischen dem Städtischen und dem Ländlichen, zwischen dem Uralten und dem Neuzeitlichen, dem barocken Fürstlichen und dem lieblich ewig Bäuerlichen; Mozart ist der Ausdruck von alledem. Das mittlere Europa hat keinen schöneren Raum und hier musste Mozart geboren werden", schrieb Hugo von Hofmannsthal. Und wie war das Verhältnis von Mozart zu dieser Stadt an der Salzach, die sich so gern mit seinem Namen schmückt?

Häufig wird diese Frage aus Mozarts Briefen beantwortet. So schrieb er im Januar 1779: "ich schwöre ihnen bey meiner Ehre daß ich Salzburg und die ihnwonner (ich rede von gebohrnen Salzburgern) nicht leiden kann; - mir ist ihre sprache - ihre lebensart ganz unerträglich". Wer sich mit Mozarts Briefen etwas genauer beschäftigt, stellt allerdings fest, dass Mozart nicht nur gerne übertrieb, sondern sich zum Teil auch widersprach. So kommt die Stadt in einem Brief vom Dezember 1780 besser weg: "mir wird bey meiner Ehre nicht Salzburg - sondern der Fürst - die stolze Noblesse alle tage unerträglicher - ich würde also mit vergnügen erwarten, daß er mir schreiben liesse, er brauche mich nicht mehr".

Der "Fürst", über dessen "stolze Noblesse" Mozart sich hier beschwert, ist Hieronymus Graf Colloredo, seit 1772 Fürsterzbischof von Salzburg, dem Mozart als Konzertmeister und Hoforganist diente und mit dem er immer wieder in Streit geriet. Dabei fiel Mozart meist die Rolle des verkannten Genies zu und Colloredo die des absolutistischen Ausbeuters. Doch stimmt das wirklich? Oder passt diese Geschichte von dem Feudalherrn und seinem unterdrückten Bürger einfach nur gut in unser Bild von der Welt vor der Französischen Revolution?

Angesehene Musikhochschule im Mozarteum

Egal wie ernst man die in Mozarts Briefen geäußerte Abscheu gegenüber seiner Heimatstadt nimmt: Es war keinesfalls so, dass Colloredo an "seinem" Mozart festhielt, während sich der Rest der musikalischen Welt um ihn riss: Weder in Mannheim, noch in München oder Italien gelang es ihm, dauerhaft Fuß zu fassen. Besonders die lukrativen Opernaufträge, die Mozart sich so sehr wünschte, blieben rar. Da Salzburg kein spezielles Opernhaus hatte, war der Anreiz für Mozart, hier zu bleiben, schon aus diesem Grund gering. Aber ein Tyrann war Colloredo nicht. "Er war ein aufgeklärter Herrscher, der sich bemühte, die Staatsfinanzen zu sanieren und eben auch bei den großen musikalischen Aufführungen sparte", sagt Dr. Josef Wallnig, Professor für Operninterpretation an der Universität Mozarteum, der sich aus Leidenschaft für die Geschichte seiner Heimatstadt in der Freizeit zum staatlich geprüften Fremdenführer ausbilden ließ.

Hinter der grauen Jugendstilfassade des Mozarteums sind nicht nur kostbare Autographen untergebracht, sondern auch eine der angesehensten Musikhochschulen Europas. Seit einem Jahr gehört auch Michiko Watanabe zu den Studenten von Professor Wallnig. Die junge Sopranistin hat in Osaka und Tokio studiert und sich dann für ein Postgraduiertenstudium am Mozarteum beworben. Nur am Mozarteum. "Ich habe immer eine besondere Beziehung zu Mozart gehabt. Mein Bühnendebüt habe ich 1999 in Osaka als Fiordiligi in "Così fan tutte" gegeben", erzählt die Japanerin in einem Deutsch, das verrät, dass sie sich schon lange mit deutschsprachiger Musik beschäftigt hat. "Man muss in Europa sein, um europäische Musik richtig zu studieren", sagt Michiko. Gerade die Omnipräsenz des Historischen und das Salzburger Traditionsbewusstsein schätzt sie sehr. Dann schmunzelt sie und fügt hinzu: "Nur, dass sonntags die Geschäfte geschlossen sind, finde ich nicht so gut."

Als Wolfgang langsam erwachsen wurde, beschloss sein Vater, dass die Kinder nun nicht mehr "wie die Soldaten [...] unter einander" im selben Zimmer schlafen sollten. 1773 ließ die Familie sich auf der anderen Seite der Salzach nieder, keine 200 Meter vom heutigen Mozarteum entfernt. Damals muss diese Wohnlage im Gegensatz zur Betriebsamkeit der Altstadt paradiesisch ruhig gewesen sein. Diese Ruhe hat sich, im Vergleich zu Mozarts Geburtshaus, bis heute erhalten.

Besonders im geräumigen Tanzmeistersaal lassen sich die Besucher Zeit, um die historischen Musikinstrumente zu betrachten. Ein Audioguide gibt einen kurzen Eindruck von ihrem Klang, wobei auch Werke zu hören sind, die Mozart hier komponierte, wie das "Lodron-Klavierkonzert". Das "Jeunehomme-Klavierkonzert" und Teile der Oper "Idomeneo" entstanden ebenfalls in diesem Räumen. Doch dies war auch der Ort, an dem Leopold und Nannerl 1778 erfuhren, dass die Mutter, die Wolfgang nach Paris begleitet hatte, an der Seine verstorben war. Und es war die Zeit, in der Mozarts Unmut über seine Arbeitsbedingungen immer weiter wuchs.

Mozartwein, Mozarttorte, Mozartkugel

Als Mozart im November 1780 nach München reiste, um die Uraufführung von "Idomeneo" vorzubereiten, wusste er noch nicht, dass er nicht nach Salzburg zurückkehren sollte. Nach der Uraufführung Anfang 1781, die nicht so erfolgreich verlief, dass Mozart auf einen Folgeauftrag hoffen konnte, reist er von München nach Wien, um seinen Dienstherrn Colloredo zu dessen Antrittsbesuch bei "Reformkaiser" Joseph II. zu begleiten. Joseph II. war ein großer Musikliebhaber, der allein zu seiner Hochzeit zwei Opern aufführen ließ.

Der aufgeklärte Monarch betrieb einen energischen Kampf gegen das hierarchische Denken. Diese Tatsache sowie die Musikbegeisterung, die in Wien von den Adelsfamilien bis in die untersten Schichten reichte, bestärkte Mozart in der Hoffnung, in Wien endlich das Leben als freischaffender Künstler führen zu können, von dem er schon in München träumte. Als es im Mai 1781 zum Streit mit Colloredo kommt, setzt Mozart alles auf eine Karte: Er bleibt in Wien.

Ziemlich genau sechzig Jahre nach diesem Abschied feierte Salzburg 1842 die Einweihung von Ludwig von Schwanthalers Mozartdenkmal auf dem Mozartplatz steht. Schon damals begann mit Mozartwein und Mozarttorte die Vermarktung des Meisters. Die Mozartkugel gibt es bereits seit 1890. Aber sollte man solchen Souvenirs wirklich Geringschätzung entgegen bringen? Ihr Erfolg ist doch der beste Beweis dafür, dass die Kraft der Musik Mozarts so groß ist, dass allein sein Name die profansten Dinge zu Devotionalien erheben kann.

Es gibt keinen Ort, an dem die Ausstrahlung von Mozarts Musik so spürbar ist wie im Salzburger Dom. Gleich links, im nördlichen Seitenschiff, steht das von Löwen getragene Bronzebecken, in dem Mozart getauft wurde, und im Dom wurden auch seine Eltern getraut. Ein großer Teil seiner Kirchenmusik erklang hier zum ersten Mal. Es reicht, sich auf einer der Kirchenbänke niederzulassen, um im Geiste Mozarts Musik hören zu können, sich vorzustellen, dass jeden Moment die große Orgel erklingen könnte, an der einst ein Hoforganist namens Mozart seinen Dienst verrichtete.

Selbst der Tourist mit der piepsenden Digitalkamera kann die Stimmung nicht zerstören. Durch die Ostfenster fällt das Abendlicht in den barocken Kirchenraum. Der genius loci hat über die Mozartkugel gesiegt.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.