Salzburg und die EM "Endlich ist hier mal was los"

Salzburg ist während der Europameisterschaft nicht nur Anlaufstelle europäischer Fußballfans: Mit gewohnter Contenance und gefegtem Straßenpflaster empfängt die Mozart-Stadt Touristen aus der ganzen Welt. Die EM-Stimmung steckt an.

Von , Salzburg


Morgens, frühmorgens in Salzburg. Die komplette Altstadt ist fest in der Hand von Touristen. Und es werden immer mehr: Busseweise werden Amerikaner, Italiener und Spanier angekarrt, auch der zum Klischee geronnene deutsche Studienrat mit hochgeklappter Sonnenbrille auf "Studiosus"-Bildungsreise macht sich alles andere als rar.

Kein Wunder, dass schon morgens um halb neun die Überreste der Feierlichkeiten vom Vorabend beseitigt sind. Keine Bierdose, kein Pappbecher stört die Touristenschar, denn die wandelt lieber auf den Spuren Mozarts als auf senfbefleckten Wursttabletts.

Salzburg zieht kein Massenpublikum an, sondern Menschen, die Wert auf ein gepflegtes Äußeres legen. In der Regel kommen gut betuchte, aber neugierige Bildungsbürger. Ihren Nippes kaufen sie dennoch - nur wird die Bonbonniere mit den Mozartkugeln in der Konfiserie und nicht am Souvenirshop erstanden.

Eine Stadt wie ein Museum

Salzburg hat nicht nur weltbekannte Opern, Theater und andere Etablissements der Hochkultur zu bieten. Die ganze Innenstadt mit ihren Barockbauten wirkt wie ein einziges gut konzipiertes Museum. Wer mit halbwegs funktionierenden Antennen für seine Umgebung ausgestattet ist, versteht, warum sich hier die meisten Menschen dezent und ruhig verhalten.

Es soll jedoch Fußballfans geben, die bei der Ausübung ihrer Leidenschaft andere Prioritäten setzen. Doch das hat bislang hier noch nicht zu größeren Kulturkämpfen geführt. "Ist doch schön, wenn die jungen Leute sich amüsieren", sagt eine ältere Dame. Und ihre Freundin fügt hinzu: "Ist aber auch schön, wenn sie wieder gehen." Eine Punkerin, die etwas verloren am Fuß eines Brunnens sitzt, sieht das anders: "Endlich ist hier mal was los."

Cathy und ihre "IM"

Auch wer von der Nacht übrig geblieben ist, wie ein Schlachtenbummler aus Bern, kann nur Gutes über die Salzburger berichten. Tolerant und freundlich seien die Leute hier. Der Mann hat jetzt genug gesagt, wie er mit einer verlegenen Geste unterstreicht. Schwer zu ermitteln, ob das gerade das bislang letzte Bier vom Vorabend oder das erste vom Tag war.

Cathy aus Wisconsin ist mit ihrem Mann schon früh auf den Beinen. Seit Jahren spart das ältere Ehepaar für die Europa-Reise, die sie bislang nicht bereut haben. Salzburg sei außer Barcelona und Rom einer der ersten Fixpunkte der von langer Hand geplanten Reise gewesen, berichtet sie, "ich schwärme von Mozarts Opern, seit ich ein kleines Mädchen bin". Ihr Mann Edward hält es eher mit Bach. Nächste Woche wollen sie deshalb nach Leipzig weiterfahren. Dazwischen Heidelberg. Wo kein Komponist mit Weltrang wirkte, tut es auch ein Hölderlin.

Am ersten Tag nach ihrer Ankunft in Österreich haben sich die beiden gewundert. Denn plötzlich zogen unterhalb ihres Hotelzimmers immer mehr bunt gekleidete junge Männer vorbei. Laut seien die gewesen, sagt Cathy, aber auch ungeheuer freundlich. Sie sei dann einfach nach unten gegangen und habe sich nach den Gründen des Aufruhrs erkundigt: Es sei "IM", hat sie erfahren, ein wichtiges Turnier im "Soccer", wenn sie das richtig verstanden habe. Seitdem ist Cathy noch begeisterter von Europa. So viele verschiedene Sprachen, so viele Kulturen. Und dennoch verstehen sich offenbar alle irgendwie.

Mitgefühl mit deutschen Fans

Szenenwechsel: Im Café unweit des Toscanini-Platzes ist das Spiel Deutschland-Kroatien Gesprächsthema. Wer sich als Deutscher zu erkennen gibt, erntet eine besorgte Nachfrage. Ob man den Schock schon überwunden habe? Als Österreicher sei man ja Niederlagen gewohnt. "Aber ihr Deutschen …"

Was die freundliche Mittzwanzigerin nicht sagt, schreiben die Gazetten. Dass der "selbsternannte Favorit" von den Kroaten "abgeschossen" worden sei, ist in der "Kronen Zeitung" zu lesen. Und auch wenn das nicht ganz stimmt - im DFB-Camp waren alle Beteiligten intelligent genug, sich nicht zum alleinigen Favoriten zu ernennen - so hat der Eindruck der Arroganz doch nicht nur den Grund, dass man damit gut Schlagzeilen machen kann. Nein, der deutsche Anti-Knigge aus dem Hause Springer hatte es sich laut "Kronen Zeitung" nicht nehmen lassen, von einem "deutschen Freilos bis ins Finale" zu schreiben.

Dass mit den Deutschen so pfleglich umgegangen wird, mag aber auch an der Larmoyanz des ein oder anderen Spielers liegen. Schließlich hatte Bastian Schweinsteiger sich darüber beschwert, von der kroatischen Bank habe es doch tatsächlich "böse Sprüche" gegeben. Und das, wo Fußballer doch gemeinhin auf Latein oder Alt-Französisch kommunizieren. Komisch nur, dass Jens Lehmann bei seiner täglichen Suche nach dem Sündenbock diesmal weniger originell als sonst zu Werke ging und den Schiedsrichter anging, den er wie viele seiner Kollegen noch nicht mal aus der Champions League kenne.

Kopf aus dem Matsch gezogen

Dass so viele innige Umarmungen zwischen deutschen und österreichischen Fans zu beobachten waren, könnte aber auch einen anderen Grund haben als die Weinerlichkeit einiger Nationalspieler. Mit den Resultaten sind sich beide Nationen auch fußballerisch näher gekommen. Während die Deutschen vom Ross fielen, zogen die Gastgeber erstmals den Kopf aus dem Matsch, in dem sie sich vorher geradezu masochistisch gesuhlt hatten.

Und so merkt derzeit scheinbar der fußballinteressierte Teil eines ganzen Landes, dass ihre Nationalmannschaft im Gegensatz zu den Griechen offenbar doch die gleiche Sportart betreibt wie die anderen 14 EM-Teilnehmer. Kein Wunder, dass langsam, aber sicher auf den Fanmeilen auch größere Gruppen von Einheimischen gesichtet werden. 70.000 rot-weiß gewandete Fußballverrückte sorgten beim Spiel gegen Polen dafür, dass die Wiener Fanmeile kurzzeitig wegen Überfüllung geschlossen werden musste. "In der Mehrheit Österreicher", wie der "Kurier" ganz ohne Ironie nachschiebt.

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