San Francisco Das etwas andere Amerika

Keine Stadt der Vereinigten Staaten gibt sich weniger amerikanisch als San Francisco. Die wunderschöne Metropole des Westens ist weltoffen, unkonventionell und tolerant - und die San Franciscans sind froh, dem Dotcom-Boom entronnen zu sein.

Die Bewohner San Franciscos sind selig. Selig, dass sie ihre Stadt zurückerobert, ja den Fängen der Dotcom-Jungmillionäre entrissen haben. Einheimische sprechen heute über die Boom-Jahre wie über eine Heuschreckenplage: die astronomischen Preise, die Wohnungsknappheit, die überfüllten Restaurants, das Verkehrschaos - endlich ist es vorbei, freuen sich die San Franciscans mit der Heiterkeit der Davongekommenen.

Nur wenig ist noch zu spüren von der Katerstimmung, die sich nach den Eruptionen in der New Economy wie ein Mantel über die Stadt des Goldstaubs und der gehetzten Silizium-Träumer gelegt hatte. In San Francisco ist es fast wieder normal geworden. So normal wie es eben werden kann im Zentrum der experimentierfreudigen Lebensentwürfe, diesem Reservat für Weltverbesserer.

Heute können die Einwohner der bergigen Goldgräberstadt wieder schwärmen. Von der herrlichen Lage am Pazifik, der atemberaubenden Aussicht von einem der sieben Hügel. Von der Skyline, die mal im goldenen Licht der kalifornischen Sonne schimmert, mal schemenhaft im Nebel auszumachen ist, der in anachronistischer Renitenz ausgerechnet immer im Hochsommer wie von Furien gehetzt die Hänge herunterzufegen wagt.

Von der weichen Luft, die nach Sonne, Pazifik und Kirschblüten riecht. Von der Golden Gate Bridge, deren Anblick etwas Berauschendes hat. Auch nach dem tausendsten Mal. Von den kulinarischen Draufgängern, die sich inspirieren lassen von Alice Waters' "köstlicher Revolution", die die legendäre Köchin vor 33 Jahren in ihrem Restaurant "Chez Panisse" im benachbarten Berkeley ins Rollen brachte.

Und alle schwärmen sie vom Reichtum der Einflüsse aus allen Himmelsrichtungen. "An einem Nachmittag kann man hier ganze Länder - ach was, Kontinente - durchqueren", sagt Debra Lande, während sie an der Bar in der Tapas-Bar "Bocadillos" im Finanzviertel ein Jamón-Brötchen verspeist. Sie zog es vor 30 Jahren in die Küstenstadt, die aus der amerikanischen Ferne wegen ihrer Toleranz gegenüber Hippies und Homosexuellen argwöhnisch oder herablassend beäugt wird.

Wie alle hier hat die Managerin beim renommierten Verlagshaus Chronicle Books eine Schwäche für die insulare Weltoffenheit, mit der sich die 49 Quadratmeilen an der Bay vorsätzlich vom Rest des Landes abheben. Dieses "subtile, aber untrügliche Gefühl, den USA entronnen zu sein", wie der Journalist HL Mencken über seine Ankunft in San Francisco schrieb.

Die zwei Seiten von Chinatown

Im lärmigen, bunten Mission District und Valencia-Korridor sind Spanischkenntnisse von Vorteil, obwohl sich in diesem Wohn-, Einkaufs- und Ausgehviertel längst die Boheme mit ihren Cafés, Restaurants und Klamottenläden unter die hispanischen Einwanderer gemischt hat. In den schlichten, authentischen Restaurants der asiatischen Immigranten im Tenderloin wiederum wäre Hindi, Urdu oder Vietnamesisch hilfreich, während in Teilen des Richmond District Russisch die Verkehrssprache ist.

Das Interesse am Unbekannten zieht auch Debra Lande selbst nach all den Jahren immer wieder an Orte wie Chinatown, wo mitten in einer US-Stadt Straßenschilder und Bankautomaten in Mandarin beschriftet sind und sechs chinesische Lokalblätter einen Zeitungskrieg austragen. Wie fast jedes gut besuchte Stadtviertel verfügt Chinatown über zwei Versionen: eine für Besucher, eine für San Franciscans.

Auf den Trampelpfaden an der Grant Avenue entlang, wo in jedem Laden der gleiche Ethnokitsch verramscht wird, drängen sich Touristenhorden fast von den Gehsteigen. Einheimische weichen in eine Straße westlich aus, wo man auf der Stockton Street im bunten Gewühl einkaufender Chinesen zwischen Kräutershops, Fisch- und Gemüseläden herumstöbern kann. Hier wird alles verhökert: von lebenden und gedörrten Schildkröten und Fröschen über Ginseng und Bok-Choy bis hin zu angeblich lebensverlängernden Wurzeln.

"Wer sich in die Seitengassen wagt, findet versteckte Tempel, Fabriken, wo die in San Francisco erfundenen Fortune Cookies gebacken werden und China-Restaurants, in denen vorwiegend Chinesen essen", rät Lande. Nicht nur Chinesen. In den fünfziger Jahren schon fanden sich Schriftsteller und Beat-Poeten wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Charles Bukowski auf der Washington Street bei Sun Hung Heung oder Sam Wo zum Mitternachtsmahl ein. Diese unverwüstlichen Restaurants sind auch heute noch angesagte Treffpunkte in der größten Chinatown außerhalb des Reichs der Mitte.

"Kopf, Herz und Atem des literarischen San Francisco"

Die Beatniks waren vor allem in North Beach zu Hause, dem italienischen Viertel, das direkt an Chinatown grenzt. Dort wo heute noch Italienisch parlierende, gestikulierende Alte auf Gartenbänken und in Cafés sitzen, Schach spielen und die vorbeiziehenden Touristen beäugen. Das Epizentrum der Beat-Generation und von North Beach liegt an der Columbus Avenue, die zur TransAmerica-Pyramide führt und eine der wenigen Straßen ist, die schräg durch die Stadt schneidet.

An der Hausnummer 261, Ecke Jack Kerouac Alley, findet man ihn, den weltberühmten City Lights Bookstore: "Kopf, Herz und Atem des literarischen San Francisco", sagt Bill Morgan, Autor und Allen-Ginsberg-Foto-Archivar. Seit seiner Gründung vor 51 Jahren ist der Buchladen eine Hochburg für politischen Dissens. Unter der Leitung des mittlerweile 85-jährigen Mitgründers und Poeten Laureate Lawrence Ferlinghetti erleben regimekritische Beat-Stimmen in der Bush-Ära eine Renaissance.

Wenn man ergriffen aus der geschichtsträchtigen Bücher- und Verlagshalle tritt, muss man sich entscheiden. Rechts ein paar Häuser die Columbus Avenue hinunter, zum historischen Sentinel Building, Heimat von Francis Ford Coppolas Filmstudio American Zoetrope und seinem etwas eigenwilligen Hobby, dem "Café Niebaum-Coppola". Oder links runter, vorbei am "Washington Square Bar & Grill", wo Barkeeper Mike McCourt aus Limerick, Bruder von Frank McCourt ("Die Asche meiner Mutter") seit Jahrzehnten die Gäste besingt für Suchende Papierservietten mit Namen und Plätzen voll kritzelt.

Vorbei also an dem altehrwürdigen Saloon, zum Washington Square. Mit einem Picknick vom Delikatessengeschäft Molinari auf der Grasdecke des Platzes sitzen, der von Lawrence Halprin, dem Vater der amerikanischen Landschaftsarchitektur, mit gekonntem Understatement entworfen wurde. Wer der Columbus Avenue bis fast zur Bay folgt, landet in San Franciscos hektischster Touristenmeile, dem Fisherman's Wharf. Einheimische erblassen beim Gedanken an die überlaufenen Docks, die den Charme eines Vergnügungsparks haben.

"Die Souvenirläden, billiges Food und die Zugnummern für den Massentourismus haben diese einmalige Lage verschandelt", schimpft Yves Béhar. Der prominente Vertreter der internationalen Designerszene lebt seit zehn Jahren in San Francisco und muss es wissen: Béhar gilt als Lieferant zielsicherer Ästhetik. Béhars Empfehlung für einen ungetrübten Blick auf die Bucht, die Formenvielfalt des Nebels, Alcatraz und die Golden Gate Bridge heißt Crizzy Field.

Die Distanz mildert architektonische Malheurs

Auf elf Hektar renaturierten Gezeitenmarschlandes, über Sandstrand, Dünden und Wiesen kann man hier am Wasser entlangschlendern, radeln und joggen, immer in Richtung Fort Point, das im Schatten des rot gestrichenen Wahrzeichens San Franciscos kauert. Keine Meute, kein Stress, und auf halber Strecke begrüßt einen die "Warming Hut". Wo sich früher Piloten aufwärmten, serviert heute keine Geringere als Alice Waters günstige Snacks.

San Francisco ist eine Stadt, sagen viele, der man sich am besten vom Wasser her nähert. "Vom Wasser aus versteht man die Topografie und Romantik der Stadt an der Bay am besten", erklärt Zahid Sardar, Architektur-Kritiker beim Sonntagsmagazin des "San Francisco Chronicle". "Vom Boot aus kann man den unterschiedlichen Charakter der Hügel erkennen - und die Distanz mildert so einige architektonische Malheurs." Zu den Pannen zählt der gebürtige Bombayer den Union Square, den die Stadt im Bauboom auf der Höhe der Internet-Euphorie zu einer Betonwüste mit Busstation-Charakter verunstaltete.

"San Franciscos berühmtester Platz ist schauderhaft geworden und bietet weder Verschnaufmöglichkeit noch Schatten", beanstandet Sardar. Auch das neue Baseballstadion SBC Park im einstigen Niemandsland China Basin hält er für einen Stil-Rückschritt, ein "Zugeständnis an die Nostalgie". Immerhin bietet es von den oberen Rängen einen herrlichen Rundblick auf die Stadt, die Bay Bridge und das Wasser.

Sardar wartet nun gespannt auf die für Oktober 2005 geplante Wiedereröffnung des De Young Museum. Das Prestigeobjekt im Golden Gate Park stößt allerdings nicht nur auf Begeisterung, während Renzo Pianos Konzept für das bis 2008 umgebaute Naturkundemuseum - nur ein Steinwurf vom De Young entfernt - rundum begrüßt wird.

Kapitale der Tofu-Alfalfa-Sprossen-Sandwiches

Saniert wurde auch das Ferry Building, das am Ende der Market Street und an der herausgeputzten und mit Palmen begrünten Uferpromenade, dem Embarcadero, liegt. Das 1898 errichtete Fährgebäude, lange Jahre ein unansehnliches Bürohaus, ist seit 2003 nicht nur wieder Knotenpunkt für Fährgäste, sondern ein kulinarisches Zentrum. Viermal in der Woche findet vor dem lang gestreckten Bau der Farmers Market statt.

Täglich werden in fast 40 Geschäften und Restaurants Austern aus dem Pazifik, Käse, Pilze und Olivenöl aus dem nördlich von San Francisco gelegenen Marin County sowie Biofleisch und -gemüse und zahllose andere Köstlichkeiten feilgeboten. Und weil wir in San Francisco sind - das ja auch Kapitale der Tofu-Alfalfa-Sprossen-Sandwiches und Weizengras-Säfte, der Yoga-Studios und Zen-Zentren ist, kurzum eine Zweigstelle von Aschram-Indien - werden im Ferry Building nur Erzeugnisse aus ökologischer Landwirtschaft verkauft.

Und weil wir immer noch in San Francisco sind, finden sich unter den Ladenbesitzern geläuterte Dotcommer wie Meg Ray und Caitlin Williams. Die beiden haben das Platzen der Internet-Blase und ihrer Karrieren genutzt, um sich den Traum von der eigenen Patisserie zu erfüllen. Täglich backen die Inhaberinnen der Miette Patisserie mehrere hundert Petit Fours, Makronen, Madeleines, Lavendel-Butterkekse, Schokoladentörtchen und andere Pariser Spezialitäten - selbstredend mit Butter, Mehl und Eiern aus sauberer Produktion.

"Während des Booms wollten wir die Welt verändern. Nun sind unsere Ansprüche bescheidener geworden, dafür aber verursachen meine Produkte heute Glücksgefühle", sinniert Meg Ray, während sie auf die Bay hinausblickt, die spiegelglatt in der Sonne funkelt.

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