Sandwichladen Eisenberg's in New York Make my Ei

Treffpunkt der Promis, Tempel der Cholesterinbomben: Das Eisenberg's ist Manhattans beliebtester Sandwichladen und feiert dieses Jahr seinen 80. Geburtstag. Ein Schnellrestaurant-Check mit Stoppuhr.
Von Sebastian Poliwoda
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Sandwichladen Eisenberg's: Kalorienbomben im Minutentakt

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José schreit in den Raum: "Two egg bacon cheese in a bread roll for the house!" Ist das bei irgendjemandem angekommen? Fünf Köche, alle im weißen Hemd, schuckeln ungerührt vor sich hin. Die Jungs. Victor etwa, aus Havanna, arbeitet seit 13 Jahren hier. José aus Puebla seit drei Jahren, so lange wie der Kubaner Richardo und Eusebio aus Mexiko. Und ganz hinten, da, wo es raucht und qualmt und scheppert, werkelt Severiano: Der Bräter, die Gelassenheit an den Eiern.

Das Eisenberg's, ein Laden wie die Stadt. Laut, schnell, eng. Aber entspannt. Eisenberg's wird dieses Jahr 80. Für New York, wo alles dreimal schneller geht, ein Datum, wie wenn in Deutschland ein Restaurant 240 Jahre auf der Pfanne hat.

Das Telefon klingelt. "Two eggs, bacon, with grits. Two time. Chicken all the way." Bestellungen zum Mitnehmen werden in den schummrigen Raum geplärrt, auf eine braune Papiertüte geschrieben und zu den Jungs weitergereicht.

Victor stülpt einen Gummihandschuh über die linke Hand, macht gymnastische Fingerübungen, und los geht's. Bread Roll, ein Brötchen groß wie ein Frühstücksteller, aus dem Toaster angeln, aufs Anrichtebrett, Butter drauf, faustgroße Kugel Hühnersalat drauf, ausstreichen, noch mal ausstreichen, irgendwie in Form bringen, Tomatenscheiben drauf, Gurken drauf, zuklappen, Serviette drum, rein in die Papiertüte, vor an die Kasse, fertig. Das Ganze in 2,18 Minuten.

Ein Stück altes New York

Vielleicht lieben es die New Yorker, weil das Eisenberg's sich 80 Jahre treu geblieben ist. Früher war rechts ein Zigarrenladen und links ein Bonbongeschäft. Heute klemmen ein steriler Jamba-Juice-Laden und eine 08/15-Klamottenklitsche das Eisenberg's ein. Doch es lebt weiter, wo die Tage für den Jumbo-Juice-Laden schon jetzt gezählt sind.

Vielleicht lieben es die Prominenten, weil es nicht auffällt. Geduckt im Schatten des Flat-Iron, des Bügeleisenhochhauses, Ecke Broadway und Fifth Avenue. Vielleicht kommen deshalb Schauspieler, Filmproduzenten, Oscar-Gewinner und Immobilienmogule. Vielleicht, weil sie hier niemand anquatscht, sondern mit ihnen redet - wenn sie wollen.

Richardo fischt Tomaten aus einer Metallschale und häckselt sie auf Fingernagelgröße. Tacktacktack. Elf Tomaten in handgestoppten 4.42 Minuten - rekordverdächtig. "Ich hab mir in drei Jahren nur zweimal in den Finger geschnitten", sagt er, zieht die Augenbraue hoch und grinst.

Salami, Käse, Matzo Balls

24 silberne, verschraubte Hocker mit verschlissenen roten Sitzflächen stehen am Granittresen. Dahinter das Chaos: zwischen drei massiven, meterlangen Anrichtebrettern, wo die Jungs zaubern, klemmen sich Stahlschränke mit Gemüse und Salaten, Toaster, Kuchenplatten, Wasserspender, wuchtige Metallschalen voller Bacon - der ist so knusprig, dass er beim Reinbeißen in 20 Teile bricht.

Da thronen neben einer Hügellandschaft aus Salami und Käse ganze Eimer voller Teebeutel, Gurken und Matzo Balls: faustgroße Hefeklöße, in Hühnersuppe serviert, mit denen man auch kegeln könnte.

Eine klassenlose Futtergesellschaft sitzt auf den Hockern an der Theke: Ein Mann im Nadelstreifenanzug und gewienerten Schuhen liest das Wall Street Journal, rechts von ihm sitzt einer mit Nietenjacke und tätowierten Fingergelenken, links eine Koreanerin im kleinen Schwarzen und Plateauschuhen. Daneben ein blonder Surfer mit tiefbraunen Unterarmen und Wolle-Petry-Freundschaftsband.

New York ist Stress

Das Telefon klingelt, die Jungs wuseln. Richardo stammt aus Matanzas, Kuba. Seit 1965 hat er die doppelte Staatsbürgerschaft. Der kurzrasierte Mann trägt ein blaues Longsleeve unter dem weißen Hemd, das die muskulösen Arme bedeckt.

Seit vier Jahren lebt er in New York, nur alle fünf Jahre schafft er es mal nach Hause. "New York ist Stress!", sagt er. Dann werden seine großen braunen Augen ganz müde. "In zwei Jahren bin ich raus hier. Bei dem Stress kriege ich graue Haare. Kein Wunder, dass hier überall Kerle mit Glatze rumrennen. Das ist die Stadt."

Das Eisenberg's ist ein kleiner Laden mit einer großen Karte: sieben Suppen, 42 Sandwiches, diverse Burger, elf Eiergerichte, zehn kalte Platten und Salate, sieben Hauptgerichte, vom Hackbraten bis zur koscheren "Knockwurst" mit Bohnen. Kuchen, Donuts, Pfannkuchen, Puddings. Bevorzugt sind Sandwiches mit Pastrami, Thunfischsalat oder Matzo-Ball-Soup. Abnehmen kann man woanders.

An der Kasse sitzt Josh Konecky. Der 55-Jährige führt die Geschäfte. Ein Einbauschrank von einem Mann mit basedowschem Dackelblick und dunklem Pferdeschwanz. Er trägt ein Riesenhemd mit Figuren drauf, Geige spielende Katzen und Gänse mit Briefen im Schnabel. Es erinnert an ein Kinderschlafzelt. Die ersten drei Knöpfe am Zelt stehen offen, am vierten steckt seine Lesebrille.

Model-Fotos an der Wand

Hinter Josh hängen Bilder prominenter Gäste, von Schauspielern und Models und solchen, die einmal welche werden wollen. "Das mache ich denen zuliebe", sagt Josh. "Hier kommen so viele wichtige Leute vorbei, vielleicht gefällt einem eines der Gesichter."

Caroline Eckman ist eins der Gesichter. Sie ist 24, hat in zwei Web-Seifenopern mitgespielt und ihr Ziel ist es, "wenn es das Konto erlaubt", in einem Jahr einen eigenen Agenten zu haben. "Ich bin an 'nem miesen Tag ins Eisenberg's gekommen und fühlte mich augenblicklich besser." Also fing sie als Bedienung an. Manchmal arbeitet sie fünf Tage am Stück, manchmal alle zwei Wochen. "Manchmal komme ich auch nur so rein auf 'nen Kaffee." Für sie ist der Laden ein zweites Zuhause geworden. "Selbst wenn ich einmal berühmt bin, werde ich das Eisenberg's nicht verlassen."

Josh Konecky macht das hier seit 2006. "Vorher war der Laden 35 Jahre lang strikt industriell und nüchtern geführt worden. Es gab hier nur Fabriken und Büros. Und mittendrin das Eisenberg's." Ende der sechziger Jahre übernahm ein polnisches Paar den Laden, dann ein Koreaner. "Dann kam ich."

Zum Jubiläum fallen in diesem Jahr Wirtschaftskrise und Geburtstag erneut zusammen, wie damals vor 80 Jahren. Zum "Depression to depression anniversary" gibt es den Kaffee für fünf Cent. Und schwarze T-Shirts für die Köche, mit der Aufschrift: "Eisenberg's. Raising New York's cholesterol since 1929."

Altertümlicher Stil, moderner Service

"OJ for the house!" Eusebio schaut nicht auf, schenkt einen Orangensaft ein und lässt ihn über die Theke gleiten bis vor einen der Hocker. Dann stemmt er sich auf den Sandwich-Maker. Darin eingezwängt ein Corned-Beef-Sandwich, das ins Freie drängt. Verständlich, bei gut fünf Zentimeter Corned Beef plus Butter plus Zwiebeln plus Münsterkäse, die zwischen je einem Zentimeter Brot keinen Platz finden wollen.

Ein Auslieferer im schwarzen Overall und abgeschnittenen Handschuhen stürzt in den Laden, greift sich vier Papiertüten, zahlt und rennt wieder raus. Die Laufkundschaft sind das eine, die Stammgäste das andere. Bill etwa, mit Nickelhornbrille, Blazer und gestärktem Hemd. Der Anwalt hat seine Kanzlei sechs Blocks weiter und kommt an vier von fünf Tagen. "Ich bin abhängig von dem Laden", sagt er.

Über seinem Reuben-Sandwich liest er die New York Times, trinkt sein Dr. Brown Cream Soda und findet das Eisenberg's "fancy", irgendwie schick. "Die Atmosphäre ist einfach gut. Weil es altertümlich ist, aber mit frischem Service. Und die Jungs sind wunderbar, sie arbeiten hart und mögen es trotzdem."

"Scrambled two, bacon, homefries!", ruft Richardo Severiano zu, dem Eiermogul, der das schimmernde Metall seiner verbeulten Metallpfanne hütet. Mit mexikanischer Gelassenheit ruckelt er sie Stunde um Stunde über den Flammenkranz der Gasplatte. Vorab das immer gleiche Ritual: Mit einer Hand schlägt er ein Ei auf, klemmt es auseinander, lässt es in eine Aluschale gleiten, die Schalen pfeffert er in eine Tonne, verquirlt es, befördert es in die Pfanne. In exakt 9,3 Sekunden. "Danach hab ich immer noch trockene Finger." Er lächelt stolz.