Sardiniens Norden Urlaub im Römersteinbruch

Kaum sechzehn Kilometer trennen den Nordostzipfel Sardiniens von der Südküste Korsikas. Im touristischen Vergleich mit seinem Nachbarn ist das italienische Gegenüber die Ruhe selbst.

Von Frank Schneider


Dörfliche Idylle in Costa Smeralda
Frank Schneider

Dörfliche Idylle in Costa Smeralda

Karge Hügellandschaften, wettergegerbte und meist kahle Gebirgszüge sowie ursprüngliche Dörfer im Landesinnern, so präsentiert sich die Nordhälfte der zweitgrößten Mittelmeerinsel Sardinien. Industrie, die diese Bezeichnung verdient, gibt es fast nur im Süden rund um Cagliari. Nicht nur Porto Cervo, der noble Ferienort der Schönen und Reichen an der Ostküste, stemmt sich seit je her mit Erfolg einer Ausweitung des Tourismus entgegen.

Zwar präsentiert sich der kleine Hafenort mit Boutiquen aller teuren Nobelmarken, große Hotelanlagen, wie man sie von anderen Mittelmeerzielen kennt, sucht man in dieser Gegend jedoch vergebens. Kein Wunder, sind doch Motoryachten und teure Segelschiffe bevorzugte Unterkünfte der gehobenen Gästeklasse, die es tagsüber in die umliegenden Buchten zieht.

Halbinsel Capo Testa

Die Costa Smeralda bei Porto Cervo verdankt ihren Namen dem türkisblauen Wasser vor ihren Stränden. Sardinien galt schon immer als eine der saubersten Gewässerregionen im Mittelmeer. Wassersport wird daher überall groß geschrieben. Ob Segler rund um das kleine Maddalena-Archipel oder Surfer an der Costa Paradiso an der Nordküste: Urlaub in Sardinien heißt Urlaub mit dem Wasser.

Rund um die Halbinsel Capo Testa bei dem Städtchen Santa Teresa di Gallura haben die Taucher ein festes Revier. In der Passage zwischen Korsikas Kreidefelsen und den Granitblöcken der fast kreisrunden Halbinsel herrschen zuweilen starke Strömungen - beste Chancen für die Begegnung mit Zackenbarschen oder anderen Großfischen. Santa Teresa ist zudem ein Zentrum für die Schmuckverarbeitung der Roten Koralle, die von Korallentauchern in großen Tiefen geerntet wird. In der Nähe des Fährhafens nach Korsika sind dann ebenfalls kleinere Hotels und Ferienwohnungen zu finden.

Einsame Buchten

Auf der Halbinsel Capo Testa wurde in der Antike Granit abgebaut
Frank Schneider

Auf der Halbinsel Capo Testa wurde in der Antike Granit abgebaut

Vor zweitausend Jahren diente Capo Testa als Steinbruch. Der gleichmäßig rötliche Granit wurde von den Römern abgebaut und noch am Ort zu Säulen und Blöcken verarbeitet. In der Bucht zum Festland zeugen unzählige Amphorenscherben im Wasser von einem antiken Ankerplatz. Beim Wandern durch die Felsenlandschaft sieht man noch heute Spuren der Keile, mit denen größere Granitblöcke vom Mutterfelsen abgesprengt wurden sowie grob behauene Säulen.

Nur eine Straße führt an den wenigen Häusern und in den Hügeln versteckten Ferienbungalows vorbei zum Leuchtturm der Halbinsel. In die Schluchten hinter dem Ende der Straße ziehen sich immer wieder mal ein paar Aussteiger in Naturhöhlen zurück. Immer wieder stößt man auf Capo Testa auf kleine Buchten, die zum einsamen Baden und Sonnen einladen. Urlaub am Rande des antiken Steinbruchs.

Katalanische Kolonie

Von der Halbinsel Capo Testa aus an der Costa Paradiso vorbei Richtung Westen führt der Weg nach Alghero. Die einzig größere Stadt im Nordwesten Sardiniens geht auf katalanische Ursprünge zurück. Noch heute spricht man zum Teil katalanisch, und wer sich die Architektur der Altstadt Algheros genau anschaut, wird auch hier die Wurzeln erkennen.

Nicht weit von Alghero bietet die Steilküste ein einzigartiges Schauspiel. Steil stürzen die Felsen des Capo Caccia ins Meer. Eine Treppe führt hinunter zur Grotta di Nettuno. Allerdings bleibt die Neptunsgrotte "bei schlechtem Zustand des Meeres geschlossen", wie ein Schild ausweist. Dann nämlich donnert tosend das Meer gegen den Berg und lässt Neptun zornig grollen.

Nuraghen und Schafherden

Rätselhafte Kultstätten
Frank Schneider

Rätselhafte Kultstätten

Das Gegenteil erwartet den Feriengast abseits der Küsten: Ruhe total. Verstreut im stillen, hügeligen Hinterland finden sich Reste der rätselhaften Nuraghen. Ob die meist kreisrunden, nicht allzu hohen Steintürme Kultstätten aus der Bronzezeit, Wehranlagen oder Unterkünfte waren, ist unklar. Auf jeden Fall, sagen die Sarden, waren sie immer schon da. Und verschlafen die Zeit.

Auch heute noch treiben die sardischen Schäfer ihre Herden durch die meist karge Landschaft. Viel Verkehr gibt es nicht abseits der Hauptstraßen, die Zeit scheint wirklich zu stehen, Sardinien für sich geblieben. Viele Eroberer kamen auf die Insel - und gingen wieder, weil sie von der Insel selbst besiegt wurden. Erst Anfang der Sechziger wurde mit Hilfe des Aga Khan der Malaria der endgültige Garaus gemacht. Voraussetzung, um überhaupt dauerhaft Urlauber hierher zu lotsen.

Aber wie seit jeher hat auch diese Welle Sardinien nicht erschüttern können. Vielleicht liegt darin der Grund, warum man auf der stillen Mittelmeerinsel keine ernsthaften Anstalten macht, irgendeine Form der Unabhängigkeit zu erlangen. Man hat sie längst.



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