Schnee in Damaskus Kinderjubel über Ausnahmezustand

Winterzauber im Wüstenland: Die schlimmste Kaltfront seit über 40 Jahren hat Syrien für kurze Zeit mit Schnee überzogen. In Damaskus juchzten die Arbeiter auf den Straßen, der Verkehr versackte im Chaos, und Satellitenschüsseln wurden mit Handtüchern geschützt.
Von Patrick Hemminger

Diese Tage ist in Damaskus alles ein wenig anders. Zum Beispiel in den Gassen der Altstadt, wo Haitham einen kleinen Laden besitzt. Dort sitzt er jeden Tag auf einem ausgeleierten Bürostuhl, trinkt Kaffee, raucht und schaut in den Fernseher, der auf der Kühltruhe mit dem Käse steht. Guter Laune ist er eher selten.

Dienstagabend aber bleibt der Fernseher unbeachtet, Haitham grinst, dass sich die Zigarette kaum zwischen den Lippen hält, und starrt durch die Glastür nach draußen. Es schneit. Seit dem Vormittag taumeln dicke Flocken aus dem grauen Himmel. Die ersten schmelzen, sobald sie den Boden berühren, aber nach einigen Stunden sind erst die Autos weiß, dann die Dächer und schließlich die Straßen. "Das ist so schön, das gab es seit Jahren nicht”, sagt Haitham.

Deshalb hält es nicht alle bei der Arbeit. Einige Bauarbeiter kratzen Schnee von den Autodächern und machen eine Schneeballschlacht, juchzen und lachen wie die Kinder.

Der Saftverkäufer an der Bab-Tuma-Straße trocknet seine Socken über der Flamme eines Gaskochers - seiner einzigen Heizung. "Seit sechs Jahren hat es nicht mehr geschneit. Und dass der Schnee liegen bleibt, das hatten wir seit 1996 nicht mehr", sagt er und zeigt auf den Qassioun, den Berg, der sich im Norden der Stadt erhebt und heute nicht schmutzig-braun, sondern weiß ist.

Kein Fernsehen bei Schneefall

Wann es denn nun das letzte Mal geschneit hat, darüber sind sich die Menschen nicht einig. Die beiden Schwestern Elias, die in ihrem Haus in der Altstadt Zimmer an ausländische Studenten vermieten, sagen: vor zehn Jahren. "Aber so viel, das gab es noch nie", sagt Therese, die Jüngere der beiden, und schüttelt den Kopf. Sie kann dem Wetter nichts abgewinnen, denn sie ist der Meinung, dass der Schnee der Satellitenschüssel auf dem Dach schadet. Deshalb wird diese in Plastikfolie und Handtücher gewickelt, und das bedeutet, dass die beiden abends nicht fernsehen können.

Eine etwas differenziertere Sicht auf das Wettergeschehen hat Isaaq, der in seinem Laden Raubkopien amerikanischer Filme und Plastikhüllen für Handys verkauft. "Noch vor 15 Jahren hatten wir jedes Jahr Schnee”, sagt er. "Die Unterschiede zwischen Sommer und Winter waren nicht so groß." Er streicht über seinen Schnurrbart, seufzt und legt die Stirn in Falten. Der vergangene Sommer sei mit Temperaturen von fast 50 Grad Celsius der heißeste seit langem gewesen, und jetzt dieser kalte Winter mit Schnee und bis zu 16 Grad unter Null, das gefällt ihm nicht.

Als es abends endlich mit Schneien aufhört, liegen fast zehn Zentimeter, und das gab es noch nie, da sind sich die Bewohner von Damaskus dann doch einig.

Verkehrsfunk statt Fairuz

Winterreifen besitzt hier niemand, und so bricht der Verkehr in der Stadt zusammen. Wer in einen der Vororte muss und auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen ist, hat zwei Möglichkeiten: Er übernachtet bei Freunden in der Stadt, oder er findet einen Taxifahrer, der bereit ist, die Fahrt zu wagen - und sich dementsprechend bezahlen lässt. Salima besitzt ein eigenes Auto, einen roten Käfer.

Sie wohnt in Mashru' Dumar, einem Vorort in den Bergen, wo sie ausländischen Studenten Privatunterricht in Arabisch gibt. Vorsorglich sagt sie allen ihrer Schüler für die nächsten zwei Tage ab. "Auf einer Strecke, für die ich sonst 15 Minuten brauche, war ich heute zweieinhalb Stunden unterwegs", sagt sie. "Mal brach das Auto nach links, mal nach rechts aus. Ich hatte solche Angst unterwegs."

Am Mittwochmorgen ist in der Stadt das meiste schon wieder geschmolzen. In der Altstadt schippen die Menschen die Schneereste von ihren Flachdächern auf die Straße, damit das Schmelzwasser nicht in die Häuser sickert. Die Schwestern Elias wickeln ihre Satellitenschüssel aus, während des Mittagessens wird wieder ferngesehen. Haitham hat wieder schlechte Laune, nur im Radio erzählen sie noch vom Schnee.

Normalerweise spielen sie jeden Morgen eine Stunde Lieder von Fairuz, einer libanesischen Sängerin und so einer Art nationalem Heiligtum in der Levante. Aber an diesem Morgen macht der Sender eine Ausnahme - und das wohl einzige Mal im Jahr gibt es nach den Nachrichten Verkehrsfunk.

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