Schweiz Vom düsteren Zug der Klageweiber

Jedes Jahr an Ostern lockt das Schweizer Städtchen Romont mit seiner Karfreitagsprozession Besucherströme an. Doch wer eine für Touristen inszenierte Folkloreveranstaltung befürchtet, wird positiv überrascht.


Romont - Touristen, die an Reizüberflutung leiden, sind in Romont genau richtig. Nicht, dass es dem 4000-Seelen-Städtchen im Schweizer Kanton Fribourg an Reizen fehlen würde. Aber irgendwie hat die Lage Romonts auf das Bewusstsein der Einwohner abgefärbt.

Strenges Schauspiel: Die Prozession der Klageweiber folgt in Romont einer jahrhundertealten Überlieferung
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Strenges Schauspiel: Die Prozession der Klageweiber folgt in Romont einer jahrhundertealten Überlieferung

Vom Standpunkt des etwas außerhalb gelegenen Zisterzienserklosters La Fille-Dieu aus wächst die Siedlung wie ein Pilz aus dem Tal der Glâne, als wolle sie sich über die Eitelkeiten der Welt erheben. Die konservative Skepsis der Einwohner tut ein Übriges, dass hier oben in mittelalterlichen Mauern ein anderes, ruhigeres Tempo angeschlagen wird.

Einmal im Jahr ergießt sich ein größerer Besucherstrom in das katholische Städtchen, angelockt durch die Karfreitagsprozession "Les Pleureuses", die nur im Tessin ihresgleichen findet.

Doch während die Osterprozession im italienischen Teil der Schweiz mit bunten Kostümen und Laiendarstellern aufwartet und den Besuchern ein gefälliges Schauspiel bietet, verweigern sich die Romonteser hartnäckig allen Äußerlichkeiten. Wer eine Inszenierung zum Wohl des Fremdenverkehrs erwartet, wird enttäuscht. Touristen sind geduldet, eigentlich aber mit dem Ernst der Aufführung unvereinbar.

Die Prozession beginnt am Nachmittag in der Stiftskirche aus dem 13. Jahrhundert. Genau dann, wenn die Lesung der biblischen Passionsgeschichte bei der Trauer um Jesus angekommen ist, setzt sich der düstere Zug der Klageweiber in Bewegung.

Ora et labora: Die Schwestern des Zisterzienser-Klosters La Fille-Dieu hoch über Romont haben sogar einen Internet-Anschluss
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Ora et labora: Die Schwestern des Zisterzienser-Klosters La Fille-Dieu hoch über Romont haben sogar einen Internet-Anschluss

Sie sind schwarz verhüllt und tragen auf scharlachroten Kissen die Marterwerkzeuge Christi: Dornenkrone, Geißel, Nägel, Hammer, Zange. Ihnen voran schreiten die Jungfrau Maria und der Büßer, beladen mit einem Kreuz. Sechsmal hält der Zug an, dann erfüllt Gesang die Szene. Ansonsten huldigen die Romonteser der Stille. Nur so, glauben sie, kann der Leiden Christi angemessen gedacht werden.

Während die Prozession eher monoton daher kommt, sieht das in den Kirchen anders aus. Seit 1919 war in Romont die Künstlergruppe St-Luc aktiv, die Volk und Klerus aus ihrer Erstarrung reißen wollte. Das richtige Instrument dafür fand sie in den Glasfenstern, den Schnittstellen zwischen Kirche und Außenwelt. Die Tourismusvertreter des Städtchens haben die interessantesten Beispiele zu einem "Weg der Glasfenster" zusammengefasst, der sich mit dem Fahrrad in einem Tagesausflug erkunden lässt.

Einige der Stationen lohnen eine eingehende Betrachtung, so etwa die Kirche von Berlens mit ihrer bemalten Holzdecke aus dem 16. Jahrhundert. Der Anblick erfreut nicht nur die Augen, er soll auch deren Sehkraft schärfen - Berlens ist eine Pilgerkirche für Augenkranke.

Das Wirken von St-Luc hat in Romont noch einen anderen Niederschlag gefunden: Auf Initiative des einheimischen Glasmalers Yoki wurde 1981 das Schweizerische Museum für Glasmalerei gegründet. Es ist im savoyischen Schloss untergebracht, dessen dicker, gemütlicher Rundturm über die Altstadt wacht.

Unter fremder Flagge: Der Käse aus Romont vergrößert den Ruhm des Nachbarstädtchens Greyerz
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Unter fremder Flagge: Der Käse aus Romont vergrößert den Ruhm des Nachbarstädtchens Greyerz

Im Inneren ist eine umfangreiche Glasfenster-Sammlung aus acht Jahrhunderten zu besichtigen. Aus dem Nachlass eines Glaskünstlers hat das Museum ein Atelier eingerichtet, in dem am Wochenende von Meistern des Fachs Anschauungsunterricht gegeben wird.

Museum und Atelier, nach Angaben der Betreiber einmalig in Europa, bemühen sich nach Kräften, den Ruf Romonts über das Glâne-Tal hinauszutragen. Einer anderen Attraktion des Städtchens ist das verwehrt - sie mehrt den Ruhm eines anderen Ortes. Der in Romont hergestellte Käse wird unter dem Sammelbegriff Greyerzer vertrieben. Die Romonteser können es verkraften: "Für die Amerikaner ist ohnehin alles Emmentaler", sagt Käsemeister Leon Ecoffey.

Die ausgesprochen würzige Spezialität erhält ihr Aroma durch das regelmäßige Waschen mit Salzwasser und reift bis zu einem Jahr. Einige der Käsereien können besichtigt werden. Wer auf den etwas stechenden Geruch erhitzter Molke verzichten kann und sich lieber am Endprodukt labt, findet in den Gässchen Romonts spärliche, aber gastliche Möglichkeiten zur Einkehr.

Hier relativiert sich dann auch der religiöse Rigorismus wie er in der Prozession der Klageweiber zum Ausdruck kommt. Romonteser und Gäste sitzen bei Käse und Wein zusammen - und lassen den lieben Gott einfach einen guten Mann sein.

Informationen:
Verkehrsbüro Romont, Rue de Château 112, CH-1680 Romont, Tel. 0041/26/652 31 52

Tobias Wiethoff



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