Schweizer EM-Städte im Test Klarer Fall von Heimvorteil

Anpfiff zur Meisterschaft der Schweizer EM-Städte: Welche besitzt den attraktivsten Stil? Autor Markus Wolff läuft zum Test-Spiel auf und prüft, was Basel, Bern, Genf und Zürich zu bieten haben - in jeweils 90 Minuten.


Auftakt beim Titelverteidiger, schließlich gilt Zürich seit Jahren weltweit als eine der Städte mit der höchsten Lebensqualität. Und schon in den ersten Minuten ist klar, dass dies keine unangenehme Partie werden wird. Das Spieltempo ist vorbildlich: Niemand trödelt, keiner hetzt, und es scheint, als würden die Einwohner nicht nur über eine abstrus hohe Anzahl von Uhrengeschäften verfügen, sondern auch über die entsprechende Zeit. Selbst die Straßenbahnen überfahren Fußgänger hier vermutlich eher gemächlich und ohne Warngeklingel.

Entspannt spaziere ich an den sandsteinfarbenen Fassaden entlang. Großartig erhaltene Gebäude sind es, gelitten haben über Jahrzehnte hinweg wohl nur die Mieter. Denn unter den 230 teuersten Einkaufsmeilen weltweit liegt die exklusive Bahnhofstrasse inzwischen auf dem 15. Platz. 540 Franken Miete müsste ich hier im Monat zahlen – für einen Quadratmeter Ladenfläche. Vielleicht könnte ich mir den noch leisten, nur hätte ich dann kein Geld mehr für irgendwelche Waren.

Weiter zum Paradeplatz, früher Viehmarkt, heute bedeutender Sitz der Banken. Besonders auffällig, dass sich die Passanten fast ausnahmslos an einen vermutlich vom Ordnungsamt erlassenen Dresscode halten, der dunkelblaue Kostüme und Anzüge vorschreibt. Dasselbe Amt scheint sich auch um die übrigen, geradezu verstörend sauberen Straßen zu sorgen: kein Abfall zu sehen, keine Kothaufen. Das soll nicht heißen, dass Zürich tierfrei oder gar tierfeindlich ist. Da man um Lebensqualität für alle gemeldeten Einwohner bemüht ist, gibt es für die 6300 registrierten Hunde "Hundeversäuberungsplätze", wo Geschäfte ganz diskret auf Zürcher Art erledigt werden können. Obendrein kenne ich keine andere Stadt, die einen Ansprechpartner für "Hinweise zur Glühwürmchen-Beobachtung" beschäftigt. Leider kann Herr Hose, Tel. 044/4124622, von mir an diesem Tag nicht profitieren.

Halbzeitpause auf einer Rasenfläche am See, wo ich in meinem eigenen 16-Meter-Raum zwischen Blumenrabatten und Ufer zu Boden gehe. Kurz frage ich mich, ob das Mustergültige dieser Stadt nicht auch anstrengend sein kann? Und fahre deshalb dorthin, wo man früher mit Sicherheit im Abseits stand: ins ehemalige Industriequartier Zürich-West. Klassische Arbeiterkultur ist allerdings auch hier längst Ateliers und vor allem Clubs gewichen, die angeblich mehr Fläche für Tanz- und Flirtwütige bereithalten als Paris und London zusammen. Zum Schluss noch in die Gegend um die Langstrasse. Aber selbst im Milieu geht es heute kultiviert und formal korrekt zu. So sieht der Wirt einer Eckkneipe mit seiner Schürze aus, als würde er in einem Fondue-Stübchen und nicht im Rotlichtviertel arbeiten, und wenige Meter weiter hängt ein Schild: "Wegen Knie Renovation der Köchin sind von 14 bis 24 Uhr keine Speisen erhältlich."

Fazit: Champion mit gewohnt solider Leistung. Niederlage unwahrscheinlich.



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