Shoppen in Shoreditch Ein Bummel durch das Londoner Kreativviertel

Im Londoner East End blöken die Schafe und es glitzern Modeboutiquen und Kunstgalerien. Ein Streifzug durch Shoreditch mit dem Designer Harry Thaler - und mit Tipps für die besten Cafés, Shops und Manufakturen.

Franziska Horn

Von Franziska Horn


Und jetzt noch Mama Shelter. In der Hackney Road im Londoner East End hat im September 2019 ein Ableger der französischen Hotelkette aufgemacht, in einer langen Ausfallstraße mit schrulligen Läden, Barbershops und kleinen Cafés. Ein Indiz für den Cool-Faktor des Viertels, denn zur Strategie von Mama Shelter gehört es, eher "hip" als "posh" zu sein. Das einstige Armenhaus der britischen Hauptstadt ist längst in.

"Hackney und Shoreditch haben sich über die Jahre sehr verändert", sagt der Produktdesigner Harry Thaler, der 2008 aus Meran nach London kam und vor neun Jahren ein Studio im Bezirk Hackney gründete, zu dem der Ortsteil Shoreditch gehört. "Viele alternative Shops haben aufgemacht, doch der Boom ist fast vorbei - jetzt, wo große Labels wie Nike und die Sandwichkette Pret A Manger auf der Bildfläche erscheinen. Die wirkliche Kreativszene zieht weiter Richtung ostwärts", sagt er.

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Londoner East End: Bummel mit Designer Harry Thaler

Zurück bleiben Cafés und Galerien, Shops und Boutiquen, die manchmal nachhaltig und kreativ, und oft bezahlbar sind - perfekt für einen Bummel abseits der Oxford Street und der anderen großen Einkaufsmeilen Londons. Harry Thaler kennt dafür die besten Tipps. Der gelernte Goldschmied hat am Royal College of Art studiert und gleich mit seiner Abschlussarbeit "Pressed Chair" Erfolg gehabt. Der Stapelstuhl aus Aluminiumblech ist heute im Programm von Nils Holger Moormann, der Wert auf regionale Produktion und Funktionalität legt.

Butterbrot von Leila für 1,50 Pfund

Der 44-jährige Thaler hat in Italien Gastroprojekte wie "Pur Südtirol" gestaltet, bei denen es Regionales zu fairen Preisen gibt. Und auch in seiner Wahlheimat East London hat er ein Auge dafür. "Leila's Shop in der Calvert Avenue war einer der ersten ökologischen Läden von Shoreditch", sagt er. "Leila McAlister hat viel bewegt und ihr Pionierprojekt mit dem Café bewusst schlicht gehalten."

Mit Backsteinmauern und hell gerahmten Fenstern und Türen wirkt der Shop fast wie ein Dorfladen. Hier verkauft Leila saisonales Gemüse, getrocknete Früchte, Brot, Brownies und englischen Käse. Auf der handgeschriebenen Karte stehen wechselnde vollwertige Gerichte - ein Butterbrot für 1,50 Pfund ist immer im Angebot.

Ein Thalerscher Tipp ist auch das stylishe Ace Hotel in der High Street. Die öffentlich zugängliche Lobby hat eine Bar und Highspeed-WLAN und ist deshalb bis auf den letzten Platz voll mit Leuten und Laptops. Schnell noch einen Blick ins benachbarte Restaurant Hoi Polloi werfen, eine moderne englische Brasserie. Mit holzverkleideten Wänden und komplett in Naturtönen gehalten, wirkt der große Gastraum rundherum einladend - und ja, einfach schön.

Designfans empfiehlt Thaler die Blue Mountain School. 2018 neu eröffnet, versammelt der Conzept Store auf sechs Stockwerken ein "Best of" diverser Disziplinen: kuratierte Modekollektionen wie von Issey Miyake in der Boutique Hostem, Ausstellungsräume mit Kunst und Design, das hochdotierte Duftlabor Perfumer H und Fine Dining im Mãos.

Ins Café Albion von Terence Conran

"Ums Eck in der Old Nichol Street zeigt die Kate MacGarry Gallery moderne Kunst vom Nachwuchs oder von etablierten Künstlern", sagt Harry Thaler, "überhaupt ist die ganze Redchurch Street ziemlich lohnend." Er hat Recht: Hier reihen sich traditionelle Pubs an duftende Aesop-Shops, kleine Modeboutiquen an bodenständige Läden wie Labour & Wait.

Weil es die beiden Gründer, die Designer Rachel Wythe-Moran und Simon Watkins, leid waren, jede Saison neue Produkte entwerfen zu müssen, wollten sie einen beständigen Ort für funktionelle zeitlose Produkte schaffen. Ähnlich dem deutschem Manufactum gibt es im Labour & Wait Dinge fürs tägliche Leben, den Haushalt, Accessoires, Kleidung - und inzwischen haben die beiden sogar eine Dependance in Tokio eröffnet.

Zeit für eine Pause im nahen Café Albion in Shoreditch, von Harry Thaler empfohlen. Ein Deli und Holzofen zum Pizzabacken ergänzen die gemütliche Lokal. Das Albions gibt es viermal in London, stets mit einfacher englischer Küche auf hohem Niveau und aus biologischen Lebensmitteln. Zum von Designer Sir Terence Conran entworfenen Konzept gehören bezahlbare Menüs und ein unprätentiöses Ambiente.

Nicht weit davon stellt Unto This Last das Material Holz in den Mittelpunkt - eine offene Möbelschreinerei mit Werkraum, Showroom und Geschäft. Hier kann der Kunde seinem Möbel beim Werden zusehen, im Workshop sogar mitwerkeln. Das Entstehen eines Produkts steht hier ebenso im Fokus wie das Ergebnis - das gefällt Designern wie Harry Thaler.

Der Name Unto This Last beruht auf einer Schrift des englischen Sozialtheoretikers John Ruskin, der konträr zum wirtschaftsliberalen Kapitalismus auf einen fairen Handel setzte. Lange Transportwege? Verpackungsmüll? No, please! Jeder Käufer kann sein Möbel pur abholen. Schon der Laden mit seiner Palette aus Holztönen bringt Spaß - auch wenn keine Zeit zum Möbelbau bleibt.

Esel und Hühner für Stadtkinder

"Nicht entgehen lassen sollte man sich den Broadway Market", sagt Harry Thaler, "eine viktorianische Straße, die von London Fields zum Regent's Canal führt". Wie auf dem Dorfplatz drängen sich samstags die Marktstände vor den rund 70 Läden, Bäckereien, Cafés und Bücherläden der lauschigen Straße, deren Shops zudem täglich geöffnet sind.

Früher verlief hier der Old Porters Path, schon zu Zeiten der Römer gab es hier einen Pfad. Am Kanal selber, der Mare Street und Kingsland Road verbindet, liegt eine Laufstrecke für Flaneure und Jogger. Auch Radfahrer lieben die Wasserstraße mit ihren zahlreichen Hausbooten und Schleusen. Ländlich gibt sich auch Hackney, nur einen Steinwurf vom Mama Shelter entfernt, mit der Hackney City Farm, Stadtkinder können fast täglich Hühner, Esel und Schafen besuchen - und den Misthaufen.

Seit 2010 zieht das Café Violet Cakes Besucher in den Wilton Way in Hackney: Draußen stehen ein paar schlichte Tische, innen Theke und Backstube, eine Treppe führt zu den Plätzen im ersten Stock. Seit Claire Ptak, Inhaberin und Bäckerin aus Kalifornien, hier den Hochzeitskuchen für Prinz Harry und Meghan Markle aus dem Backofen zog, hat sich der Name ihres Cafés herumgesprochen.

Doch statt der berühmten royalen Torte mit Amalfi-Zitronen und Holunderblütensirup wählen wir original englische Scones mit clotted cream, buttrigem Rahm, der die gewanderten Stadtkilometer kalorientechnisch locker reinholt.

Grüne Beute am Samstag

"Schau im E5 Bakehouse vorbei", sagte Harry Thaler noch. Das liegt nicht weit entfernt unter den Eisenbahnbögen der Railway-Station London Fields. Gründer Ben Mackinnon hatte seine Bürolaufbahn in einem auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Unternehmen satt und wollte lieber etwas Eigenes hochziehen.

Sein 2011 gegründetes E5 besticht mit handwerklichen Backwaren in Organic-Qualität. Man kann sie im Café probieren, während eine Steinmühle im Hintergrund Mehl mahlt und viel industriellen Charme versprüht. Spezialität des Hauses sind Sauerteigbrote. Weil die sehr beliebt sind, herrscht drangvolle Enge, denn neben Frühstück, Brunch und Lunch gibt es auch Kuchen und frisch gerösteten Kaffee.

Wer sonntags durch Shoreditch streift, wundert sich über zahlreiche Menschen, die fast hinter ihren langstieligen Sträußen, Stauden und Grünpflanzen verschwinden, während sie die grüne Beute heimschleppen. Des Rätsels Lösung: der beliebte Columbia Road Flower Market in Bethnal Green. Dicht an dicht stehen hier die Händler ab acht Uhr morgens und verkaufen Grünzeug aus aller Welt, direkt von den Ladeflächen der Lastwägen, in Ständen oder in kleinen Shops.

Zu fortgeschrittener Stunde, so gegen 14 Uhr, gibt es die üppig wuchernde Blütenpracht zum Schleuderpreis. Hier, auf Londons bedeutendstem Blumenmarkt, offenbart sich die ganze Liebe der Briten zum Grün. "Schauen, schlendern, beobachten - das ist hier sonntags immer ein Genuss", sagt Harry Thaler.

Franziska Horn ist freie Autorin bei SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt von der Hotelkette Mama Shelter.

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
FiveDigitCreature 22.11.2019
1. Sauerteig im Eastend.
Mir ist der Erkenntnisgewinn hier nicht ganz klar. Geht es hier um die Bewerbung einer weiteren Hipster-Destination? Geht es um Gentrifizierung? Geht es um Nachhaltigkeit im Großstadtleben? Die Autorin hatte offensichtlich aber viel Vergnügen damit, einen bunten Bilderbogen zu spannen und sich für richtigen Journalismus warmzulaufen. ;)
FescheLola 23.11.2019
2.
Ja, Shoreditch ist in den letzten Jahren schicker und hipper geworden, dennoch immer noch cooles, urbanes flair, nette locations und ein entspannender Kontrast zum klassisch schicken London. Für mich ein must bei jedem Besuch - inkl. poached eggs im beschriebenen Café Albion.
e_pericoloso_sporgersi 23.11.2019
3.
"Geht es um... / geht es um... / geht es um..." Offensichtlich geht es um eine nette Beschreibung eines Londoner Stadtteils als Kurzurlaubs-Tipp. Danke dafür!
Abel Frühstück 23.11.2019
4.
Statt "Organic-Qualität" hätte es vielleicht auch "Bioqualität" getan, aber gut, so klingt es hipstriger und kosmopolitischer. Einladender Artikel aber, und mir gefällt die Linkliste am Ende. So ein Service fehlt bei SPON leider viel zu regelmäßig.
medwediza 23.11.2019
5. Englisch sollte man können
"Organic" ist nun mal die englische Entsprechung für "Bio". Hat nichts mit Hipster oder kosmopolitischer Bezeichnung zu tun. Sondern mit der Sprache. Würden Sie Englisch beherrschen, wüssten Sie das.
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