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Singapur: Auf den Spuren der Peranakan

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50 Jahre Singapur Das Erbe der Peranakan

Singapur feiert 50 Jahre Unabhängigkeit. Was als typisch für den Stadtstaat gilt, geht auf die Kultur der Volksgruppe der Peranakan zurück - bis hin zur Stewardess-Uniform. Junge Einheimische besinnen sich nun auf ihre fast vergessenen Wurzeln.
Von Michael Lenz

Die weißen Häuser in der Blair Road strahlen im Sonnenlicht. Vor einigen stehen Topfpflanzen, vor anderen sattgrüne Frangipanibäume mit weißen, süßlich duftenden Blüten. Am Horizont ragen die glitzernden Türme aus Glas und Beton des Financial District in den blauen Himmel. Von der Hektik im wirtschaftlichen Zentrum Singapurs ist in der Blair-Straße nichts zu spüren.

Die junge Singapurerin Brenda zieht es immer wieder hierher. Weniger wegen der Beschaulichkeit, ihr haben es vielmehr die bunten Kacheln an vielen der chinesischen Shophäuser angetan. "Ich habe zu Hause eine ganze Sammlung der herrlichen Kacheln", sagt Brenda. "Aber ich muss immer wieder herkommen, um sie an Ort und Stelle zu sehen." Ihr Ehemann wartet währenddessen geduldig im klimatisierten BMW.

Die Keramikkacheln, die fast an portugiesische Azulejos erinnern, sind bis zur Höhe der Simse der Parterrefenster angebracht und zeigen in kräftigen Pastellfarben Blumen- und Vogelmotive. Vor allem aber sind sie ein untrügliches Zeichen dafür, dass diese Häuser einstmals - und manche heute noch - von Peranakan bewohnt wurden.

Die Peranakan sind Nachfahren der Chinesen, die im 18. Jahrhundert in die Gegend des heutigen Singapurs kamen, erzählt Alvin Yapp. "Damals war China pleite, und die Männer zogen zum Geldverdienen in die Welt." Der 45-Jährige, locker gekleidet in rosafarbene Bermudas und beigem Hemd, ist selbst Peranakan und öffnet sein mit Gegenständen und Fotos vollgestopftes Intan House  in der Joo Chiat Terrace gern Besuchern. Allerdings sollte man sich vorher anmelden.

Eigene Sprache, eigene Küche

Wer sich in dem Hausmuseum niederlässt, staunt über den Anblick von knallbunt emaillierten Tiffin-Lunch-Boxen, prachtvoll verzierten Porzellanvasen, kunstfertig mit winzigen Perlchen bestickten Pantoffeln und prächtig geschnitztem Mobiliar. Und er lauscht dabei den Geschichten des immer gut gelaunten Yapp.

Viele der Chinesen, erzählt er, ließen sich als Arbeiter, Händler und als Besitzer von Minen zur Ausbeutung der reichen Zinnvorkommen entlang der Küste Seestraße von Malakka nieder. Und sie heirateten Einheimische. Aus der Mischung aus muslimischen Malaiinnen und buddhistisch-taoistischen Chinesen entstand eine einzigartige Kultur mit Baba Malay als eigener Sprache, einem eigenen Kleidungsstil und vor allem einer eigenen Küche.

Vieles, was in Singapur - das am Sonntag den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiert - als typisch gilt, ist Peranakan - wie zum Beispiel die berühmte, würzige Nudelsuppe Laksa oder das Design der Uniform des berühmten "Singapore Girl", der Stewardessen von Singapore Airlines. Vor allem zeichnen sich die Peranakan durch eine extreme Bereitschaft aus, sich aus allen Kulturen, mit denen sie in Berührung kommen, das anzueignen, was ihnen gefällt.

"Die Kacheln haben sie bei den Engländern gesehen, sie dann mit Motiven nach ihrem Geschmack gestalten lassen und aus England importiert", sagt Yapp. Die Emailware kam aus Polen und der Tschechoslowakei, die bunten Perlchen für die Festtagspantoffeln aus Deutschland. Die Kebaya, die traditionelle Bluse der Malaiinnen, entwickelten Peranakan-Frauen in den Zwanzigerjahren durch die Einarbeitung westlicher Designelemente und des chinesischen Cheongsam-Stils - wieder sind Blumen und Vögel beliebte Motive - zu einem eleganten Kleidungsstück.

Zu Peranakan - einem malaiischen Ausdruck für "vor Ort geboren" - wurde die Ethnie erst in Abgrenzung zur nächsten chinesischen Einwanderungswelle im 19. Jahrhundert. Denn diese "Neuchinesen" lebten ihre Kultur weiter und vermischten sich nicht mit anderen Gruppen, sondern blieben ihren Clans treu.

Ein multikultureller Anpassungskünstler

In den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit, die am 9. August 1965 erklärt wurde, traten die Peranakan in den Hintergrund. Singapurs Gründervater Lee Kuan Yew - obwohl er selbst wie viele andere berühmte Singapurer ein Peranakan war - setzte vor allem auf die chinesische Tradition und Sprache als identitätsstiftendes Merkmal. Immerhin sind mehr als 80 Prozent der Singapurer Chinesen.

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50 Jahre Singapur: Das sollten Sie nicht verpassen

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Seit einigen Jahren aber werden die Peranakan wieder sichtbarer. Es sind vor allem junge Singapurer - wie auch die Kachelsammlerin Brenda -, die sich nach dem sagenhaften Aufstieg des Stadtstaats von einem Dritte-Welt-Ort zu einer hochentwickelten, wohlhabenden Gesellschaft nicht mehr nur über Konsum und Arbeit definieren, sondern nach ihren kulturellen Wurzeln suchen.

Die findet man am besten im Wok - das sagt zumindest Malcolm Lee, dessen Restaurant Candle Nut zu den besten, wenn auch noch wenigen Adressen für Peranakan-Spezialitäten gehört. "Essen verbindet uns mit unserer Geschichte", lautet die Philosophie des 31-Jährigen. Die Küche der Peranakan sei stark von malaiischen Kochtraditionen beeinflusst.

"Kokosnuss, Sambal und viele Gewürze kommen zum Einsatz, nur eben um einiges üppiger als bei den malaiischen Vorbildern", sagt Lee. Als echter Peranakan ist er natürlich auch als Koch ein multikultureller Anpassungskünstler: "Man muss die Geschichte und die Traditionen respektieren, aber durch eigene Kreativität auch weiterentwickeln. Nur so kommt man vorwärts."

In seiner Restaurantküche, in der acht Köche auf extrem engem Raum brutzeln und sieden, kocht Lee ein Kari Yeye, ein Curry. "Das Rezept stammt von meinem Urgroßvater", sagt der Koch stolz. Auf der Karte steht es mit Garnelen. Lächelnd sagt Lee mit seiner leisen Stimme: "Den Gästen gefällt das. Mit schmeckt es besser mit Huhn."


Yeye-Curry

Zutaten:
100 g Schalotten, 45 g Knoblauch, 5 g Garnelenpaste (Belachan), 1 grüne Chili (optional), weiße Pfefferkörner, in kleine Stücke geschnittenes Zitronengras, fein gehacktes Galangal, 2 Kaffir-Limettenblätter, 150 ml Wasser, 1/2 Teelöffel Salz

500 ml Kokoscreme, vier Hähnchenbrüste oder vier Hähnchenkeulen oder Garnelen

Für die Garnitur: geröstete Schalotten, in sehr feine Streifen geschnittene Kaffirlimettenblätter sowie ein, zwei Rispen frischer grüner Pfeffer

Zubereitung:
Die ersten Zutaten im Mixer zu einer glatten Konsistenz pürieren, zusammen mit 250 ml Kokoscreme in einen Topf geben, umrühren und eine Weile köcheln. Dann das gewürfelte Hähnchenfleisch oder Garnelen hinzugeben und garen. Den Rest der Kokoscreme hinzugeben und würzen. Das Kari Yeye in Schalen oder Suppentellern servieren, mit den grösteten Schalotten, den Pfefferrispen und mit der Julienne aus Limettenlättern garnieren. Dazu Reis.

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