Ski-Alpin in Skandinavien Winter im Reich der Elche

Trotz Ski-Idolen wie den Schweden Ingemar Stenmark und den Norweger Lasse Kjus ist den Mitteleuropäern Skandinavien als Ziel für einen Winterurlaub weitgehend fremd. Doch die etwas längere Anfahrt aus Deutschland lohnt sich.


Wilde Abfahrten in einem weiten Land: Steile Pisten in Norwegen
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Wilde Abfahrten in einem weiten Land: Steile Pisten in Norwegen

Sälen/Trysil - Skandinavien als stressfreie Zone - das hat etwas mit der Weite zu tun. Schweden zählt kaum zehn Millionen Einwohner, die Norweger bringen es auf nicht mal die Hälfte. Und anders als in den Alpen gibt es hier keine markigen Massive oder engen Täler. Durch tief verschneite Wälder geht es in Skandinavien hinauf auf schier endlose Hochebenen.

Am Horizont buckeln sich die kahlen Kuppen ferner Gipfel. Nur gelegentlich tupfen Ortschaften das rostige Rot oder pastellene Gelb ihrer Holzhäuser in die stille weiße Landschaft. Skandinavien im Winter hat viel von einem Märchenland, und manchmal rechnet man beinahe sicher damit, gleich einem Troll im Walde zu begegnen.

Das Wintersportgeschehen verteilt sich: Den einzelnen Bergen muss nicht auch noch der letzte Meter Piste abgetrotzt werden, und die Taktzahl der Abfahrten muss auch nicht immer weiter nach oben geschraubt werden. Man kann ja bequem in der Nähe die nächste Piste eröffnen, ohne dass sie in der Weite weiter auffallen würde. Das ist gut für das ökologische Gewissen des Besuchers, bringt aber auch rein egoistisch betrachtet Vorteile: Nicht mal an den Liftanlagen herrscht Gedränge.

Der Südwesten Skandinaviens
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Der Südwesten Skandinaviens

Die Behauptung, in Skandinavien gebe es keine gescheiten Abfahrtshänge ist schlicht falsch. Richtig ist, dass die Pisten selten in Höhen jenseits der 1200 Meter beginnen, doch ihre Länge beträgt im Schnitt drei bis vier Kilometer. Die dabei zurückgelegten Höhenunterschiede liegen zwischen 300 und 800 Metern. Für Snowboarder wird ebenso gesorgt wie anderswo, Halfpipes findet man allenthalben. Und weil die Tage um Mittwinter kürzer sind als im alpenländischen Süden, wird ein Teil der Alpinanlagen kurzerhand beleuchtet.

Die Auswahl an Zielen für Wintersportler ist groß. Die Orte ziehen sich in Schweden wie Perlen an der Schnur entlang jenes etwa 1500 Kilometer langen Gebirgszuges, der Schweden und Norwegen bis hoch hinauf in den Norden voneinander trennt. Da gibt es zum Beispiel Sunne, noch auf der Höhe Stockholms gelegen, Branäs, Sälen und Stöten, Idre und Funäsdalen, Vemdalen und Storlien.

Urlaub in einer Blockhütte in Skandinavien als besonderes Wintererlebnis
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Urlaub in einer Blockhütte in Skandinavien als besonderes Wintererlebnis

Äre besitzt die mit 6,5 Kilometern längste Abfahrt Skandinaviens, und schließlich ist da noch Tärnaby, die Heimat des großen Ingemar Stenmark, nahe an der Grenze zu den unendlichen Weiten Lapplands. Dort, noch ein ganzes Stück jenseits des Polarkreises, liegen im Reich der Samen und der Rentierherden mit den Ortschaften Riksgränsen und Björkliden die Anlaufstationen für die gänzlich Unerschrockenen.

Noch größer ist die geografische Vielfalt in Norwegen. Von Oslo aus erreicht man zum Beispiel in gut zwei Stunden mit dem Auto Lillehammer, den Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1994. Dank der damaligen Anstrengungen verfügt die Metropole des Gudbrandstals über eine moderne Infrastruktur. An den Hängen von Kvitfjell und Hafjell warten die wohl anspruchsvollsten Alpinski-Pisten Skandinaviens auf ihre nichtolympischen Bezwinger.

Erste Schritte im Schnee: Skifreuden für die gesamte Familie
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Erste Schritte im Schnee: Skifreuden für die gesamte Familie

Bei den Norwegern selbst mindestens genauso populär sind aber die traditionsreichen Wintersportgebiete im Herzen des bauchigen Südens. Geilo etwa, am Nordrand der Hardangervidda gelegen, gehört mit 18 Liftanlagen und 35 Pisten zu den größten Wintersportzentren im Land. Die Vidda selbst, Europas größte Hochebene, reizt vornehmlich Skiwanderer, die tagelang von Hütte zu Hütte unterwegs sein können.

Etwa 50 Kilometer weiter nordöstlich zweigt vom Städtchen Gol aus das Hemsetal ab, ein vor allem von der Jugend wieder entdeckter Klassiker norwegischer Alpinkultur. Weiter nördlich erhebt sich bereits das Zentralmassiv des Jotunheimen, und wer den Sprung über das Dovrefjell in Richtung Trondheim wagt, kommt nach Oppdal, das als Winterziel erst in den vergangenen Jahren so richtig aufgeblüht ist.

Fällt die Entscheidung zwischen Schweden und Norwegen schwer oder soll einfach beides mitgenommen werden, empfiehlt sich eine Reise ins schwedische Sälen oder das norwegische Trysil. Die Ortswahl bleibt "hipps wie hopps", wie das die Einheimischen ausdrücken, denn der ständig pendelnde Bus von hüben nach drüben braucht nicht mal eine Stunde.

Mit dem Hundeschlitten durch die Einsamkeit
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Mit dem Hundeschlitten durch die Einsamkeit

Man kann also immer wieder die Seite wechseln. Beide Gebiete haben ihre Vorteile. Schweden ist je nach Tageskurs vielleicht etwas günstiger - für Alkohol gilt das in jedem Fall. Dafür kann man auf der norwegischen Seite beim Brötchen holen womöglich auf Prominenz treffen: Langlauf-Star Björn Dählie hat hier ein Feriendomizil, in der Nachbarschaft residiert auch Formel-1-Pilot Michael Schumacher.

Abwechslung abseits allen Skisports wird reichlich geboten: Ob mit dem "Snowscooter" oder auf dem Schlitten hinter einem Hundegespann - für Ausflüge in die weite Landschaft sollte auf jeden Fall ein Tag Zeit genommen werden. Auch Kurse für angehende Schneeschuhläufer gehören zum Angebot. Der neueste Clou ist "Schlittschuhwandern": Auf Kufen geht es dabei stundenlang über die gefrorenen Flächen der zahlreichen Seen und Bachläufe hinein in die Einsamkeit.

Und wer die nötige Geduld aufbringt, kann sich von Einheimischen zeigen lassen, wie und wo man am besten Löcher ins Eis bohrt, um ein paar fangfrische Fische für das Abendessen zu angeln. Die Beschäftigung mit der Angelschnur passt prima in das Land der Stille und Weite, und wer Glück hat, entdeckt zwischen den Bäumen am Ufer vielleicht noch einen Troll - oder wenigstens doch einen Elch.



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