Skurrile Bars in Helsinki Wodka auf dem Traktor

Die spinnen, die Finnen! Rentier-Bar, Trinken auf Treckern und dann einen Wodka in der Eishölle – Bars in Helsinki sind originell und abgefahren. Kein Wunder, denn zum Teil sind auch ihre Besitzer als schräge Vögel weltweit bekannt.
Von Volker ter Haseborg

Niina hat den kältesten Arbeitsplatz von Helsinki. Wohlgemerkt: im Sommer. Die 19-Jährige schuftet bei minus zwölf Grad in der "Arctic Ice Bar" von Helsinki. Finnen feiern hier schon mal eine Party. Ansonsten kippen hier vor allem Touristen ihre Drinks. Doch die Barkeeperin verdankt ihren Job der Neigung ihrer Landsleute zum Verrücktsein: Finnen messen sich im Wett-Saunieren, im Gummistiefel- und Handy-Weitwurf und darin, wie lange man nackt auf einem Ameisenhaufen sitzen kann.

Und anscheinend auch darin, wer die originellste Kneipe hat - unsere Kneipentour durch die finnische Hauptstadt soll's zeigen. Es ist Juni in Helsinki, draußen ist es warm. Und immer hell. Die Stadt liegt auf 60 Grad nördlicher Breite – von Mai bis Ende Juli gibt es hier praktisch keine dunkle Nacht. Die Finnen feiern ihren Sommer, denn der Rest des Jahres ist überwiegend dunkel und kalt.

Umso skurriler, dass die "Arctic Ice Bar" auch im Sommer Besucher findet. Wir werden vorm Eintritt in die Eishölle in einen hässlichen, grau glänzenden Wintermantel gehüllt. Hinter zwei Türen schlägt uns die Kälte entgegen. Fast alles ist aus Eis: Die gut 20 Zentimeter dicken Wände, die beiden runden Bar-Tische, die Theke, an der Barkeeperin Niina ihre Drinks mischt. Das Eis für die zehn Quadratmeter große Kammer wird aus Lappland importiert.

Die Luft riecht nach Alkohol, schließlich wird hier Wodka ausgeschenkt – pur oder als Cocktail in allen Farben. Im Eintrittspreis von zehn Euro ist bereits ein Drink enthalten. Jeder weitere kostet wieder zehn Euro. Niina begreift das als Schmerzensgeld: "Ich bin häufig erkältet", sagte sie, auch die Thermo-Weste, die Moon-Boots und die dicken Handschuhe können dagegen nichts ausrichten. Sechs Tage in der Woche arbeitet sie sieben Stunden hier. Am siebten Tag geht sie in die Sauna.

Kurzer Stopp in der Eishölle

Die Türen öffnen sich. Herein schlurft Julia, eine Mittvierzigerin aus London. "Hey, das ist mal was anderes", sagt sie. Dann fängt die Britin an, zu zittern. Sie hatte heute Flipflops als Schuhwerk gewählt. Schnell kippt sie ihren Wodka herunter und verabschiedet sich ins sommerliche Helsinki. Barkeeperin Niina ist das nur recht. Wenn keine Gäste da sind, kann sie sich in der spanischen Bodega nebenan aufwärmen. Zweieinhalb Stunden hatte es ein Gast hier mal ausgehalten – und nur zwei Drinks bei der bibbernden Niina bestellt. Auch wir gehen schnell - nach nur einer Viertelstunde.

Wir schlendern die Straße Mannerheimintie entlang. Plötzlich rumpelt die "Spärakoff" an uns vorbei – eine rollende Kneipe auf Schienen. Während alle anderen Straßenbahnen grün sind, ist die "Spärakoff" leuchtend rot. Das Konzept der Straßenbahn: durch Helsinki dümpeln und nebenher Bier trinken. Leider haben wir keine Tickets reserviert.

Aber die nächste Bar-Attraktion ist nicht weit: das "Zetor". Der Schuppen gehört den Jungs von der finnischen Kult-Band "Leningrad Cowboys". Und die Bezeichnung "Schuppen" ist hier wirklich angebracht: Wir sitzen auf ausrangierten Traktoren der tschechischen Marke "Zetor", in der dunklen Bar sind überall Landwirtschafts-Werkzeuge zu sehen. Unser Bier holen wir uns aus einem Bretterverschlag. Riesige Papp-Kühe glotzen von den Wänden. An der Bar sitzen ältere finnische Männer im Baumwoll-Hemd, starren in ihr Glas. Dass neben ihnen auf der Tanzfläche attraktive Mädchen schwofen, scheint sie nicht zu interessieren.

In einem abgetrennten Bereich gibt es finnische Hausmannskost, die man nur mit Lätzchen essen kann. Von unserem Tisch aus können wir die Geburtstagsfeier eines Finnen beobachten. Der Mann ist 39 geworden. Seine Freunde verbinden ihm kichernd die Augen und flößen ihm danach verschiedene Spirituosen ein.

Im Frack in die Bar

Auf der Rückseite des Schwedischen Theaters liegt das "Teateri" – eine eigentümliche Mischung aus Bar, Lounge und Disco. Oben, auf der Dachterrasse, wird zu Elektro-Klängen getanzt, wir bleiben unten in der Bar. Was für eine Mischung: Finnische Jugendliche, gerade mal 18 Jahre, stehen in kurzen Hosen im Outdoor-Bereich der Bar. Ältere Paare in festlichem Sonntagsstaat entspannen unter dekadenten Kronleuchtern in der Lounge. Und als es schon später ist, tauchen auf einmal Männer im Frack auf. Sie kommen vermutlich aus der Oper. Auch sie nehmen noch ein Bier, das hier in Helsinki fast überall fünf Euro kostet.

Wir flanieren über die Esplanadi, die Prachtmeile der finnischen Hauptstadt. Links taucht das "Kämp" auf, das erste Hotel am Platze, rechts liegen repräsentative Bauten aus dem 19. Jahrhundert. Es ist 23 Uhr, und ganz Helsinki scheint sich genau hier versammelt zu haben. Überall junge Menschen, die sich angeregt unterhalten oder eine Zigarette rauchen. In den Bars gilt nämlich striktes Rauchverbot. Nur in einer Kneipe, einer Sportsbar, werden Raucher nicht vor die Tür geschickt. Ein schwarzer Zylinder in Größe einer Litfasssäule lädt zum Qualmen. Doch das ist selbst den Finnen zu albern.

Plötzlich erklingt Blasmusik, vier Straßenmusiker spielen finnische Volkslieder. Spontan bilden sich unter den Jugendlichen Paare, die mitten in der Nacht einen Walzer tanzen. Wir sind fast am Hafen, können die Bucht sehen. Dort kreuzen immer noch Segelboote. Die helle Nacht kennt auch auf den Gewässern keine Pause.

Ein letzter Wodka unter dem Rentier-Geweih

Auf dem Rückweg machen wir noch einen Abstecher zur "Moscow Bar" – ein kühler Raum. Wir bekommen einen Eindruck von der Trinkatmosphäre während des Kalten Krieges. Durch die lädierten Boxen plätschern Russen-Schlager und wummert finnische Rockmusik. Auch eine Art Music-Box aus der Sowjetunion steht in der Bar. Und der inzwischen veraltete Interflug-Plan, der Flüge aus Helsinki in die sowjetische Hauptstadt anzeigt. Gleich nebenan liegt die Corona-Bar, die zwei weitere prominente Besitzer hat: die finnischen Filmemacher Mika und Aki Kaurimäki.

Unseren Absacker nehmen wir in dieser Nacht im "Poro" – einer Rentier-Bar. Der Tresen ist mit künstlichem Rentierfell umhüllt, an den Wänden hängen richtige Felle und Geweihe. Ein letzter Wodka in dieser lappländischen Umgebung – und wir sind reif für unsere Hotel-Betten.

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