Spanien Arabisches Erbe

Granada - Feinste Stuckarbeiten, elegante Säulenhallen, prächtige Gärten und anmutige Wasserspiele: Die Zierden bedeutender Baudenkmäler des spanischen Mittelalters tragen die Handschrift arabischer Künstler.


Diese Erbstücke stammen aus der Zeit, als noch die Mauren über den größten Teil der Iberischen Halbinsel herrschten. Heute gehören die Prachtbauten der islamischen Fürsten zu den bekanntesten Touristenattraktionen, die Spanien zu bieten hat.

Von der Moschee zur katholischen Kirche: Die Mezquita in Cordoba gilt als größter Besuchermagnet der Stadt
Foto: GMS

Von der Moschee zur katholischen Kirche: Die Mezquita in Cordoba gilt als größter Besuchermagnet der Stadt

Die Burganlage von Granada zum Beispiel gilt als das mächtigste islamische Bauwerk jener Epoche in Europa. Sie entwickelte sich zum Besuchermagneten ersten Ranges, seit der US-amerikanische Schriftsteller Washington Irving Mitte des 19. Jahrhunderts mit seinen "Erzählungen von der Alhambra" die Neugierde historisch Interessierter weckte. Heerscharen von Touristen ziehen auch durch die Mezquita - die Moschee - von Córdoba. Das Gotteshaus, das nach der christlichen Eroberung zur Kathedrale umgebaut wurde, gilt als zweitwichtigstes Monument der fremden Herren aus dem Morgenland.

Vor allem in Andalusien blieben steinerne Denkmäler erhalten. Hier lagen die Zentren der Mauren, aus denen später die Städte Granada, Córdoba, Sevilla und Almería wurden. Doch auch in anderen Gegenden und Städten Spaniens findet der Besucher Relikte aus der islamischen Epoche, und wenn sie sich nur auf Reste arabischer Bäder beschränken.

Im Frühjahr 711 hatte ein Heer aus Nordafrika die Straße von Gibraltar überquert und war an der Südküste der Iberischen Halbinsel gelandet. Innenpolitische Gegner des Westgoten-Königs Roderich hatten sie gerufen, um an die Macht zu kommen. In der ersten großen Schlacht fiel der Herrscher, das desolate Reich ließ sich schnell erobern. Die Muslime drangen bis zu den Pyrenäen und an der Mittelmeerküste weiter nach Frankreich vor. Erst bei Poitiers wurden sie gestoppt. Spanien unterstand für einige Jahrzehnte als Provinz dem Kalifen in Damaskus, bis mehrere unabhängige Emirate entstanden.

Erst sieben Jahre später organisierte sich ernsthafter Widerstand der Christen, und es begann die so genannte Reconquista. Diese Rückeroberung dauerte bis zum Fall der letzten maurischen Bastion Granada im Jahr 1492. Die Muslime hatten also Zeit genug, Städte von Weltgeltung zu errichten. Sie wurden zum Treffpunkt von Gelehrten aus Ost und West, es entstanden Bibliotheken und Lehrstätten.

Unterwegs am Rio Guadalquivir: Der "Goldturm" von Sevilla diente früher vor allem zur Verteidigung des Hafens
Foto: GMS

Unterwegs am Rio Guadalquivir: Der "Goldturm" von Sevilla diente früher vor allem zur Verteidigung des Hafens

Eine besondere Blüte erlebte Córdoba, das eine Zeit lang die Hauptstadt von el-Andalus war, wie die Araber Spanien nannten. Es existierte eine Infrastruktur, die im Vergleich mit dem tristen Leben in den damals schmutzigen mitteleuropäischen Städten sensationell anmutete: Ein Leitungswassersystem versorgte die Häuser, die auch über Bäder verfügten, im Zentrum gab es sogar eine reguläre Straßenbeleuchtung. 1236 nahmen christliche Truppen Córdoba ein und verwandelten die größte Moschee Europas mit dem gigantischen Gebetsaal baulich in eine Kathedrale, die heute zahlreiche Touristen anzieht.

Nur zwölf Jahre länger als Córdoba behauptete sich Sevilla als maurisches Königreich. Auf den Grundmauern der Moschee errichteten die neuen Herren die mächtige gotische Kathedrale. Als Glockenturm nutzten sie das Ende des zwölften Jahrhunderts gebaute Minarett - die Giralda wurde zu einem Wahrzeichen der christlichen Stadt. Bestehen blieb auch der Orangenbaumhof mit dem Brunnen, der den Muslimen für rituelle Waschungen vor den Gebeten diente. Maurische Baumeister entwarfen auch den wuchtigen zwölfeckigen Turm am Ufer des Flusses Guadalquivir ("Torre de Oro"), der den Hafen von Sevilla schützte.

Prachtbau vor der Kulisse der Sierra Nevada: Die Alhambra beherrscht bis heute das Stadtbild von Granada
Foto: GMS

Prachtbau vor der Kulisse der Sierra Nevada: Die Alhambra beherrscht bis heute das Stadtbild von Granada

Jaén, Malaga, Ronda, Jerez de la Frontera, Almería, Valencia - in all diesen Städten haben die Mauren ihre Spuren hinterlassen. Ihr Baustil beeinflusste auch nach dem Ende ihrer Herrschaft die Architektur. Viele Muslime blieben zunächst in Spanien, so wie auch Christen unbehindert zuvor unter dem Zeichen des Halbmondes leben konnten. Die Vertreibung der "Ungläubigen" setzte erst 1609 ein.

Viele Nordafrikaner, vor allem aus Marokko, sind heute längst wieder in Andalusien ansässig - als Studenten und zum Geld verdienen. Ein Beispiel ist Granada, wo sich die größte islamische Gemeinde Iberiens befindet, zu der auch viele Spanier angehören. Von der Alhambra, die der letzte Maurenkönig Boabdil am 2. Januar 1492 kampflos den "Katholischen Königen" Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon übergab, blickt man auf den Albaicín, das alte Viertel der Muslime mit seinen kleinen weißgetünchten Häusern und verwinkelten Gassen. Hier lebten auch die Fürsten, ehe 1238 der erste König der Nazriden-Dynastie auf dem Berg gegenüber eine alte Burg zur prachtvollsten Residenz Europas ausbauen ließ - die Alhambra.

Seitdem Mitte der neunziger Jahre die Unesco den Albaicín zum Weltkulturerbe erklärt hat, geht es mit dem seit fünf Jahrhunderten kaum veränderten Viertel wieder bergauf. Baufällige Häuser werden restauriert, nicht selten hört der Besucher Arabisch. Teehäuser finden sich häufiger als Kneipen. Spanische Muslime haben den Bau einer neuen Moschee finanziert. Die alten Bethäuser sind schon lange katholische Kirchen - wie überall im einst maurischen Spanien.

Horst Heinz Grimm, gms



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.