Spielerstadt Tallinn Las Vegas des Baltikums

Tourismusmagnet mit 90 Spielhallen: Bei Zockern ist die estnische Hauptstadt Tallinn inzwischen populärer als Monte Carlo. Die Zahl der Spielsüchtigen nimmt erschreckende Ausmaße an - jetzt wollen Casinogegner mit einem Denkmal Aufmerksamkeit erregen.


Tallinn - Eigentlich ist Tallinn wegen seiner schmucken Altstadt bekannt. Doch immer mehr Touristen kommen in die estnische Hauptstadt, um Spielhöllen statt mittelalterliche Bauten zu besuchen. 90 Casinos gibt es in Tallinn, und ihr enormer Zulauf beginnt die Behörden zu beunruhigen. Tausende Ausländer reisen ausschließlich in die Stadt am Finnischen Meerbusen, um ihrer Spielleidenschaft zu frönen. Einschränkende Gesetze gibt es im baltischen Las Vegas kaum.

Tallinn sei nach London und Dublin das gefragteste Ziel für Spieler in Europa und habe damit selbst das traditionsreiche Monte Carlo überholt, urteilt die Pokerzeitschrift "Bluff Europe". "Hatte die Stadt schon den Ruf als eine der besten Städte, um sich im neuen Europa zu amüsieren, ist Tallinn nun zum Muss für die Pokerelite geworden", schreibt die Zeitschrift weiter.

Seit zwei Jahren findet die schwedische Pokermeisterschaft nicht mehr in Schweden, sondern auf der anderen Seite des Meerbusens statt: im Olympic Casino, dem größten in Tallinn. Der Besitzer Armin Karu zählt zu den reichsten Esten.

Nach fast fünf Jahrzehnten unter sowjetischem Joch hat sich Estland nach seiner Unabhängigkeit 1991 einem radikalen Liberalismus verschrieben. Die Glücksspielindustrie wusste die Freiheit für sich zu nutzen und brandmarkte jede Auflage als Erbe des Kommunismus. Die Regierung drückte beide Augen zu und freute sich über den Steuersegen durch die Casinos: Vergangenes Jahr waren es 30 Millionen Euro, 17 Mal mehr als 1994.

Fälle von Spielsucht nehmen zu

Doch nach mehr als zehn Jahren Laxheit beginnt die Regierung sich nun doch wegen der Zockerleidenschaft ihrer Bürger zu sorgen. Studien zufolge ist bereits fast ein Prozent der 1,3 Millionen Esten spielsüchtig, weitere 16.000 sind auf dem Weg in die Abhängigkeit. Binnen zwei Jahren ist die Zahl der Spielsüchtigen um 30 Prozent gestiegen. "Und die Zahlen steigen weiter, wir müssen dringend etwas dagegen unternehmen", sagt der stellvertretende Bürgermeister von Tallinn, Jaanus Mutli.

Das Finanzministerium arbeitet bereits an einem Gesetz, wonach alle Spielstätten die Zahl der Besucher registrieren müssen. Außerdem sollen nur noch Casinos mit mindestens 40 Spielautomaten genehmigt werden. Auf diese Weise sollen die kleinen Spielhöllen aus den ärmeren Vierteln verbannt werden, in denen viele Esten ihr letztes Geld verspielen. In manchen Gegenden sollen Casinos ganz verboten werden. Im Rathaus von Tallinn erhofft man sich damit, Spiellokale aus der Umgebung von Schulen verbannen zu können. Außerdem sollen die Casinos wenigstens einige Stunden am Tag schließen - bislang sind sie rund um die Uhr geöffnet. Noch im Herbst soll der Gesetzentwurf dem Parlament vorgelegt werden und dann bereits am 1. Januar 2009 in Kraft treten.

Die estnische Glücksspielindustrie ist in die Defensive geraten und leistet keinen Widerstand gegen die Pläne. "Ich gebe zu, dass wir ein ernsthaftes Problem mit der Spielsucht haben, und ich begrüße alle Maßnahmen, um das Glücksspiel besser zu regulieren", sagt Tonis Ruutel, Präsident des Verbandes der Casinobetreiber.

Den Gegnern des Glücksspiels geht das Gesetz hingegen nicht weit genug. "Die Spielsucht ist eine Krankheit, die nicht geheilt werden kann", sagt Leonhard Puksa. Bis vor sieben Jahren hat er selbst gespielt, jetzt leitet er eine Hilfsorganisation für Süchtige. Puksa fordert, dass all jenen der Zutritt zu Casinos verwehrt wird, die selbst darum gebeten haben. Und um die Bevölkerung zu warnen, wollen die Casinogegner ein Denkmal errichten - für all jene, die das Glücksspiel in den Selbstmord getrieben hat.

Von Anneli Reigas, AFP



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