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29. August 2000, 13:23 Uhr

St. Petersburg

Zwischen Kunst und Zwiebeltürmen

Verfallene Fassaden und hohe Kriminalität auf der einen, weltberühmte Gemälde und prachtvolle Paläste auf der anderen Seite: Knapp 300 Jahre nach ihrer Gründung hat sich die Stadt Peters des Großen zu einer widersprüchlichen Touristenattraktion entwickelt.

St. Petersburg ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein. "Ich liebe Dich, Peters Schöpfung, liebe Deinen strengen, klaren Anblick, der Newa mächtigen Strom, ihre Ufer aus Granit", rühmte Dichter Alexander Puschkin die Zarenstadt.

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Wo sich vor 300 Jahren im sumpfigen Newa-Delta nur Moskitos zu Hause fühlten, ist eine Metropole gewachsen, die ihresgleichen sucht: ein lebendiges Museum des Klassizismus, Heimat berühmter Kunstwerke in der Eremitage, Zentrum von Musik und Kultur, Ort prachtvoller Paläste und Parks.

Daran ändert auch der an vielen Stellen sichtbare Verfall einst großartiger Herrenhäuser nicht viel. Immerhin wurden in den vergangenen Jahren einige Bauten stilvoll restauriert, sind in Seitenstraßen des Newski-Prospekt, der pulsierenden Lebensader der Stadt, geruhsame Fußgängerzonen mit Straßencafés entstanden.

Als Zar Peter der Große 1703 seine neue Hauptstadt an den Ufern der Newa gründete, stieß er auf den Widerstand der alten Adelsklasse, die Moskau nicht verlassen wollte. Italienische und deutsche Architekten hinterließen ihre Spuren. Die im russischen Stil erbaute Auferstehungskirche mit ihren bunten Zwiebeltürmen wirkt wie ein Fremdkörper zwischen den klassizistischen Bauten.

Obwohl St. Petersburg seinen 300. Geburtstag erst im Jahr 2003 feiert, putzt sich die Stadt schon jetzt heraus. Die berühmtesten Touristenattraktionen haben das nicht nötig. Sie sind schon seit Jahren das Kapital der Stadt und entsprechend gepflegt.

Wasserspiele zur Zerstreuung: In Peterhof am Finnischen Meerbusen erholten sich die Zaren vom Regierungsgeschäft
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Die Eremitage, eines der bekanntesten Kunstmuseen der Welt, ist im ehemaligen Winterpalais der Zaren am Newa-Ufer zu Hause. In mehr als 350 prachtvollen Sälen sind weltberühmte Kunstwerke zu besichtigen: 15.000 Gemälde, 12.000 Skulpturen und 600.000 Zeichnungen. Dazu mehr als 600.000 archäologische Funde sowie eine Million Münzen und Medaillen.

Kleiner, aber ebenfalls sehenswert, ist das Russische Museum im Michajlowski-Palast, das die größte russische Sammlung an Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Kunsthandwerk beherbergt. Zu den Glanzstücken zählen alte russische Ikonen.

Der Jusupow-Palast am Mojka-Kanal ist der einzige in St. Petersburg, dessen Einrichtung vollständig erhalten ist, wenn auch mit einigen Veränderungen. Die Zimmer und Säle vermitteln, wie eine der reichsten Fürstenfamilien Russlands lebte.

Bekannt ist vor allem das intime "rote" Theater im Palast, in dem Aufführungen für eine exquisite Gesellschaft stattfanden. Gruselig dagegen präsentiert sich der Keller. In ihrem verzweifelten Versuch, die Monarchie zu retten, ermordeten Fürst Felix Jusupow und seine Freunde hier im Dezember 1916 den Mönch Grigorij Rasputin.

Nördliche Metropole: St. Petersburg steht noch heute in harter Konkurrenz zur russischen Hauptstadt Moskau
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Die Sommerresidenzen Peterhof und der Katharinen-Palast in Zarskoje Selo sind die berühmtesten Schlösser in der St. Petersburger Umgebung. In Peterhof am Finnischen Meerbusen erholte sich bereits Zar Peter. Auch der dazugehörige Park mit seinen Kaskaden-Brunnen ist ein Erlebnis für jeden Besucher.

In Zarskoje Selo war auch das sagenumwobene Bernsteinzimmer, ein Geschenk des Preußen-Königs Friedrich Wilhelm I. an Zar Peter, zu finden. Die Rekonstruktion ist bis heute noch nicht abgeschlossen, und erst vor kurzem kehrten ein Mosaik und eine Kommode, die in Deutschland aufgetaucht waren, wieder an ihren angestammten Platz zurück.

Ein besonderes Kleinod bietet Oranienbaum (Lomonosow), einst die Residenz von Zar Peters Vertrautem Alexander Menschikow. Hier hat der Chinesische Palast aus der Zeit Katharinas der Großen unbeschadet den Zweiten Weltkrieg überstanden und glänzt mit einer phantastischen Innenausstattung. Menschikows ehemaliges Schloss dagegen muss noch renoviert werden.

Weiblicher Geschmack: Das Schloss Zarskoje Selo ist das Werk dreier Zarinnen
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St. Petersburg zieht Touristen aus aller Welt an. Nach Angaben des städtischen Komitees für Tourismus kommen im Jahr mehr als zwei Millionen ausländische Gäste. In Russland hat St. Petersburg jedoch den wenig schmeichelhaften Ruf "Hauptstadt des Verbrechens" zu sein.

Die Bandenkriminalität berührt, versichert der städtische Tourismusexperte Nikolai Isajew, Touristen allerdings nicht. "Bei uns ist es sicherer als in New York." Urlauber müssten aber vor Taschendieben, unseriösen Geldwechslern, Trickdieben und Nepp auf der Hut sein und sollten nachts nicht alleine in verrufenen Vierteln am Stadtrand herumlaufen.

Die Stadt Peters des Großen hat zu jeder Jahreszeit viel zu bieten. Touristische Hochsaison ist im Frühsommer, von Ende Mai bis Juli, wenn die "Weißen Nächte" der Stadt einen einmaligen Zauber verleihen. Es bleibt hell bis in den späten Abend, und danach legt sich bis zum Morgen ein seltsames, milchiges Licht über die Stadt - die beste Zeit zu beobachten, wie nachts die Brücken der Newa hochgezogen werden, um die großen Schiffe passieren zu lassen.

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