Stadtführer in Berlin Der Blickwinkel macht's

Ein Stadtführer muss kreativ sein. Immer wieder neue Geschichten, immer wieder neue Touren. Gerade in einer Metropole wie Berlin. Peter Eichhorn ist kreativ - und er nimmt die Touristen der Hauptstadt immer wieder mit auf eine neue Reise: Zum Beispiel auf den Rundgang "Metropole des Verbrechens".

Berlin - Der 34-Jährige steht am Hausvogteiplatz und erzählt vom Bestechungsskandal um die Brüder Sklarek in der Weimarer Republik. Später, am Schlossplatz, berichtet Eichhorn von Bruno Lüdke, der 1943 Dutzende von Frauenmorden gestand, ohne einen einzigen begangen zu haben, in der Klosterstraße schließlich von einem Verbrechersyndikat mit dem irreführenden Namen "Klub der Harmlosen".

Seine Gruppe lauscht gebannt, denn zu sehen gibt es auf der Tour zwar einiges, aber kaum Originalschauplätze. Die Handelshäuser am Hausvogteiplatz, die Reichskriminalpolizei am Schlossplatz und die düsteren Kaschemmen rund um die Klosterstraße sind einem größeren Verbrechen zum Opfer gefallen: dem Zweiten Weltkrieg. Die Tour zählt trotzdem zu Eichhorns Verkaufsschlagern. Zwei andere tragen zur Sicherheit einen Warnhinweis im Namen: "Die alten Tore gibt's nicht mehr" und "Die alten Brücken gibt's nicht mehr". Eichhorn nennt das "Phantomführungen". Natürlich hat er auch Anschaulicheres im Angebot.

Boomender Berlin-Tourismus bringt Stadtführern neue Kunden

Vor einem Jahr hat der studierte Historiker seine Agentur "Berlinbetrachtungen" gegründet, und die Geschäfte laufen so gut, dass er über Verstärkung nachdenkt. Der boomende Berlin-Tourismus hat den Stadtführern viele neue Kunden zugeführt. Im ersten Halbjahr wurde ein Plus von 18,6 Prozent bei den Ankünften inländischer und von 29 Prozent bei den Ankünften ausländischer Gäste verzeichnet. "Das wird das beste Jahr, das wir je hatten", sagt Natascha Kompatzki vom Tourismusbüro Berlin Tourismus Marketing (BTM).

Zum Standardrepertoire der großen Anbieter zählen Touren rund ums Brandenburger Tor, zu den Hackeschen Höfen und ins ehemalige jüdische Viertel. Doch wer im immer größer werdenden Angebot auffallen und in die Veranstaltungskalender der örtlichen Zeitungen aufgenommen werden will, muss sich etwas Originelles einfallen lassen. Schließlich zählt der Verband der Berliner Stadtführer rund 300 Mitglieder.

Da gibt es spezielle Führungen für Nachtschwärmer, Frauen, Schwule und Lesben, Kieztouren durch Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Wedding, Wanderungen entlang des Mauerstreifens, der Karl-Marx-Allee oder auf den Spuren von Filmstars wie Marlene Dietrich. Der Preis liegt üblicherweise bei acht Euro für zwei Stunden. "Das Angebot ist schier endlos", sagt Kompatzki. Ein besonderes Alleinstellungsmerkmal hat sich der promovierte Philosoph Olaf Kappelt geschaffen, indem er seine Kunden im Kostüm Friedrich des Großen mit Säbel, Dreispitz und falscher Hakennase über den Boulevard Unter den Linden geleitet.

Während Kappelts Kostümierung bei Regen schon einmal leidet, sind die Ausflüge des Vereins Berliner Unterwelten wetterfest. Sie machen sich den Umstand zu Nutze, dass bis zu 40 Prozent der Berliner Bauwerte unter der Erde liegen und Bunkeranlagen auf viele eine morbide Faszination ausüben. Drei Touren sind in diesem Winter im Angebot. Erstmals wird auch der Untergrund des Alexanderplatzes erkundet, in dem neben den Fundamenten eines nie vollendeten Hochhauskomplexes eine Tiefbunkeranlage aus dem Jahr 1941 zu sehen ist.

Entdeckungstour im U-Bahn-Cabrio mit rund 35 Stundenkilometern

Ganz ziviler Natur sind die rund anderthalbstündigen Wanderungen, die die Berliner Verkehrsgesellschaft BVG durch ihre U-Bahn-Tunnel anbietet. Die Entdeckungstour lässt sich auch ohne Muskelkraft in einem etwa 35 Stundenkilometer schnellen U-Bahn-Cabrio absolvieren. Allerdings erfreuen sich diese nächtlichen Fahrten solcher Beliebtheit, dass für 2004 alle Termine ausgebucht sind.

Überhaupt ist die Palette der motorisierten Stadtführungen kaum weniger abwechslungsreich als die der fußläufigen. Eine Angebotslücke hat die Agentur Zeitreisen ausgemacht und eine Video-Bustour für 17,50 Euro ins Leben gerufen. Da sich das Stadtbild in seinem jetzigen Zustand nicht von selbst erklärt, werden den Teilnehmern parallel zur Besichtigung auf vier Monitoren Bilder des alten Berlin gezeigt. "Es gibt zwar viele Bustouren und viele Archivaufnahmen. Aber beides zusammen gab es bislang nicht", sagt Geschäftsführer Arne Krasting. Zusätzlich zu einer Überblicks- und einer Mauertour ist derzeit ein Programm zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Vorbereitung.

Ein Mittelding zwischen aktiver und passiver Fortbewegung bilden die Trabi-Safaris, die im Zwei-Stunden-Takt am Gendarmenmarkt starten. Die Teilnehmer fahren dabei selbstständig einem Führungsfahrzeug hinterher, aus dem heraus sie per Funk über die Sehenswürdigkeiten am Wegesrand informiert werden. Die Kosten variieren je nach Anzahl der Passagiere zwischen 20 und 30 Euro.

Unter den zwei angebotenen Routen hat sich jene durch den "wilden Osten" als Renner erwiesen. Dabei knattert die Klassiker-Kolonne unter anderem stilecht über die neoklassizistische Karl-Marx-Allee. Veranstalter Rico Heinzig war mit den Trabi-Safaris in Dresden an den Start gegangen, aber erst in Berlin haben sie sich als durchschlagender Erfolg erwiesen: "Die Ostalgie-Welle hat uns großen Zulauf beschert. Viele wollen einmal im Leben einen Trabant gesteuert haben."

Während es in dem kleinen Vehikel zumindest bei voller Besetzung auch im Winter nicht unangenehm kalt wird, sind bei den geführten Wanderungen warme Kleider einzuplanen. Für die Stadtführer selbst kommt es aber auch noch auf ein anderes Accessoire an: gute Schuhe. "Ich verschleiße rund vier Paar im Jahr", sagt Stadtführer Peter Eichhorn. Sein Versuch, seine bevorzugte Marke als Sponsor zu gewinnen, schlug allerdings fehl. Offenbar haben noch nicht alle die Chancen des aufstrebenden Berlin-Tourismus erkannt.

Tobias Wiethoff, gms

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