Steiermark Kunst und Kastanien

Steirischer Herbst - ein Begriff, der zwei Welten meint. Die eine verheißt Most und Kastanien. Die andere stellt alles auf den Kopf: mit einem internationalen Kunst- und Avantgarde-Festival.

Von Hanne Egghardt


Steiermark - Graz, die Hauptstadt der Steiermark, ist eine Stadt, in der der Charme des Südens und die Bodenständigkeit des Nordens aufeinander treffen. In der größten erhaltenen Altstadt Mitteleuropas fließt das Leben gewöhnlich eher in unauffälligen Bahnen.

Uraufführung in der Hauptstadt der Steiermark: Die Revue "Sapporo"

Uraufführung in der Hauptstadt der Steiermark: Die Revue "Sapporo"

Bis auf wenige Wochen im Herbst. In dieser Zeit ist plötzlich alles anders. Dann startet die Stadt für ein paar Wochen in die Zukunft der Kunst durch. In die Avantgarde. In die Konfrontation. Und in die oft schonungslose Auseinandersetzung.

Seit der "steirische herbst" vor rund 20 Jahren gegründet wurde, sorgte er immer wieder für Aufregung. Er war oft Stein des Anstoßes, löste Emotionen aus, Kopfschütteln, heftige Empörung bis hin zu Skandalen - so wollte Peter Handke einmal mit einem Polizisten über Kunst "diskutieren" und landete dafür wegen Beamtenbeleidigung im Gefängnis.

Inzwischen hat sich das aufmüpfige Kulturfestival als fixer Bestandteil der österreichischen Kunstwelt etabliert. Mit einer Fülle von Veranstaltungen, die jedes Jahr auf dem Programm stehen: Schauspiel, Musik- und Tanztheater, Performances, Medienkunst, Design, Architektur, Musik, Literatur und Film.

Außer Kultur bietet die Steiermark gerade im Herbst eine attraktive Ferienlandschaft
Steiermark Tourismus

Außer Kultur bietet die Steiermark gerade im Herbst eine attraktive Ferienlandschaft

Zu den Highlights dieses Jahres zählt das Stück "pad / der sturz" von Biljana Srbljanovic mit seiner Erstaufführung im deutschsprachigen Raum am 20. Oktober. Die junge Belgrader Autorin, die schon mit ihren beiden ersten Theaterstücken "Belgrader Trilogie" und "Familiengeschichten. Belgrad" der Psychopathologie der Menschen in ihrer Heimat auf der Spur war, versucht auch in ihrer neuen Arbeit, die historische Dimension des Schicksals der Jugoslawen szenisch zu reflektieren.

"OBS/ESSION" ist ein Theatererlebnis mit der katalanischen Performance-Truppe La Fura dels Baus in der Waagner-Biro-Halle. Bei der Erstaufführung im deutschsprachigen Raum am 25. Oktober entführen die Katalanen in eine postapokalyptische, techno-archaische Welt, deren Bewohner von ihren Träumen, Ängsten und Begierden getrieben sind.

Ausgerüstet mit polarisierten Brillen für 3D-Projektionen und in ständiger Bewegung, werden die Zuchauer in ein Spiel von Macht und Ohnmacht gezogen, in dem Helden zu Verbrechern werden und Verbrecher zu Königen.

Das Manifest der Kommunistischen Partei wird im Grazer Orpheum poppig aufbereitet

Das Manifest der Kommunistischen Partei wird im Grazer Orpheum poppig aufbereitet

"Sapporo", eine Revue von Marlene Streeruwitz, wird am 26. Oktober in den Räumlichkeiten Next Liberty am Grazer Opernring uraufgeführt. Aufregung ist vorprogrammiert, denn es handelt sich um eine hoch politische, provokante Arbeit.

"Marx-Engels-Werke" erzählt in der Uraufführung am 31. Oktober im Grazer Orpheum die Geschichte des "Manifests der Kommunistischen Partei" von 1848, eines der folgenreichsten deutschen Texte, mit den Mitteln der Pop-Musik. Stark vertreten ist auch die Medienkunst. Nach dem Event "Rudi Gernreich: Fashion will go out of fashion", das am 7. Oktober im Grazer Künstlerhaus über die Bühne ging, konzentriert sich das Interesse nun auf "hers", das vom 27. Oktober bis 10. Dezember im Landesmuseum Joanneum läuft. Thema ist das Video als weibliches Terrain.

Die Künstler setzen dabei den konventionellen und zugleich immer auch Konventionen schaffenden Angeboten der Unterhaltungsindustrie ihre eigenen widerständigen Bilder und Botschaften entgegen.

Die herbstlichen Kunstaktivitäten beschränken sich nicht nur auf Graz. Die "muerz werkstatt" und das "kunsthaus muerz" in Mürzzuschlag sind ebenso Schauplätze von Veranstaltungen und Events wie der "Kulturstock 3" in der alten Schuhfabrik im Gewerbeparksiedlung Pischelsdorf.

Wer sich in diesen Wochen schon einmal dazu entschlossen hat, Graz und das ganze, oft laute und manchmal doch schwer verdauliche Kunst-Spektakel zu verlassen, der tut gut daran, einen Ausflug in die südliche Steiermark einzuplanen.

Nahezu senkrecht abfallende Steilhänge, darauf die schnurgeraden Reihen der Rebstöcke, ein warmer Wind, der nach gebratenen Kastanien und süßen Trauben duftet, das ist ebenso der steirische Herbst.

Video als weibliches Terrain?

Video als weibliches Terrain?

Kitzeck, Gamlitz, Leutschach, Ehrenhausen, Stainz, das sind klingende Namen in der reizvollen Landschaft südlich von Graz, die zu Recht die "steirische Toskana" genannt wird. Man wandert von Buschenschank zu Buschenschank, isst "Brettljausen" von gigantischen Ausmaßen, trinkt dazu Most oder Sturm, süßen, gefährlichen, noch nicht ausgegorenen Wein.

Oder ein Glas jener gepflegten steirischen Weine, die in den letzten Jahren einen nahezu kometenhaften Aufschwung erlebt haben: einen spritzigen Welschriesling, einen lieblichen Müller-Thurgau oder einen feinblumigen Weißen Burgunder.

Vielleicht gar einen Schilcher, die Spezialität der Steiermark schlechthin. Er kommt in keinem anderen Land der Erde vor, darf auch nirgends sonst angebaut werden und zeichnet sich durch eine besondere Wirkung auf das Gemüt des Zechers aus, der er auch seinen Namen "Rabiatperle" verdankt. Ungeachtet dessen hat er sich zu einem Modewein entwickelt.

Der "rosarote Essig", der beim ersten Schluck Gänsehaut erzeugt, aber spätestens nach dem zweiten nach mehr verlangt, hat europaweit auch in Spitzenrestaurants seinen fixen Platz erobert. So gut wie in seiner südsteirischen Heimat allerdings schmeckt er nirgends. Nur dort kann es passieren, dass man nach ein paar Schlucken nicht mehr so recht weiß, ob man noch auf der Erde ist oder schon im Himmel.



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