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Londoner Tube: Revival von Untergrund-Stationen

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Stillgelegte U-Bahnhöfe in London Pub in der Tube

Wo sich Ratten und Spinnen tummeln, sollen künftig Kneipenbummler ihren Spaß haben. In London will ein Unternehmer stillgelegte Underground-Stationen in Pubs, Museen und Freizeitparks umwandeln. Der Bahnbetreiber hält wenig von der Idee - doch das spornt den Mann erst richtig an.

Zu einem erfolgreichen Unternehmen gehört eine gute Story, das weiß Ajit Chambers. Darum erzählt er gern, wie ihm die Idee mit den Pubs in der Londoner Underground gekommen ist. Vor einigen Jahren habe er zum Valentinstag nach etwas Besonderem für sich und seine Frau gesucht, sagt er, und er habe in ganz London nichts gefunden. Er buchte schließlich eine Ballonfahrt auf dem Land - in Exeter.

Bei seinen Nachforschungen stieß der damalige Bankberater auf einen ungehobenen Schatz: Zwei Dutzend stillgelegte Stationen der ältesten U-Bahn der Welt gammeln seit Jahrzehnten ungenutzt vor sich hin. Ein Riesenpotential, dachte Chambers und machte sich daran, einen Businessplan zu schreiben und die Old London Underground Company zu gründen. Es traf sich, dass seine Branche in der Krise steckte und er des Alltags im Finanzviertel Canary Wharf überdrüssig war.

Das neue Projekt ist auch viel aufregender: In den Hunderte Meter langen Tunneln und Gewölben der U-Bahn wäre Platz für unzählige unterirdische Touristenattraktionen, glaubt Chambers. Kneipen, Restaurants, Konzerthallen, Museen - "die Möglichkeiten sind endlos", schwärmt der 38-Jährige.

Erste Interessenten gibt es nach seinen Angaben bereits: Die Londoner Firma Castle Climbing würde gern ein unterirdisches Kletterparadies errichten, nachdem sie bereits ein ehemaliges Wasserkraftwerk erfolgreich umfunktioniert hat. Ein österreichisches Unternehmen denkt über eine Miniaturwelt mit Londoner Sehenswürdigkeiten nach. Und ein englischer Pub so tief unter der Erde hätte auch einen gewissen Neuigkeitswert.

Massagesalon in stillgelegter U-Bahn-Station

Insgesamt hat Chambers 26 geschlossene U-Bahnhöfe im Visier, die teilweise seit 70 Jahren nicht mehr in Betrieb sind. Darunter sind historische Perlen wie die Station Down Street am Hyde Park, wo Winston Churchill im Zweiten Weltkrieg einige Kabinettssitzungen abhielt, oder die bereits ansatzweise renovierte Aldwych-Station am Strand, wo Szenen eines Harry-Potter-Films gedreht wurden.

Im Straßenbild sind die Eingänge der früheren U-Bahnstationen heute höchstens noch an den glasierten Terrakotta-Ziegeln der Fassade zu erkennen. Längst sind andere Geschäfte eingezogen: In South Kentish Town in Camden etwa residieren ein Pfandleiher und ein Massagesalon. Die Katakomben darunter jedoch sind unberührt.

Seit 2009 müht sich Chambers, seine Vision Investoren, potentiellen Mietern und vor allem Londons Bürgermeister Boris Johnson nahezubringen. Der Bürgermeister ist Chef der U-Bahn-Betreiberfirma Transport for London und muss erst grünes Licht geben. Die Firma hält nichts von den Plänen. Sie hat mehrfach Sicherheitsbedenken geäußert und mitgeteilt, man habe Chambers auf die "praktischen Probleme" hingewiesen. Allein die Anforderungen an Notausgänge sind in den vergangenen hundert Jahren derart gestiegen, dass Zweifel an der Umsetzbarkeit der unterirdischen Vergnügungswelt angebracht sind.

Auch die Rentabilität ist ungewiss. Chambers kalkuliert mit anfänglichen Investitionskosten von 200 Millionen Pfund. Den Profit schätzt er auf 40 Millionen Pfund jährlich - ohne allerdings wesentliche Fakten zu kennen. Bislang hat er aufgrund des Widerstands von Transport of London die meisten Stationen noch nicht einmal inspizieren können.

Viele Underground-Kenner sehen das Vorhaben daher zum Scheitern verurteilt. "Chambers ist ein Träumer", sagt Nick Catford vom Hobbyforscher-Netzwerk Subterranea Britannica. Im Unterschied zu Chambers war er schon in vielen der stillgelegten Stationen und weiß, wie sie aussehen. "Die Idee klingt gut, aber die Kosten wären gigantisch. Bei Transport of London halten sie ihn für wahnsinnig."

Wirre Wandmalereien im Wohnzimmer

Der Unternehmer lässt jedoch nicht locker. Seine Lobby-Offensive ist sorgfältig geplant. Er ist berüchtigt dafür, bei öffentlichen Veranstaltungen den Bürgermeister vor Publikum auf seinen Plan anzusprechen. "Großartig. Ich liebe das Projekt", erklärte Johnson einmal dem Fragesteller, und fortan konnte Chambers behaupten, der Bürgermeister stehe hinter ihm.

Die Früchte von zwei Jahren unbezahlter Arbeit lassen sich in seiner kleinen Souterrain-Wohnung im Südlondoner Stadtteil Clapham besichtigen. "Dies ist meine Investorenwand", sagt Chambers und deutet auf die Tür zwischen Wohnzimmer und Küche. Die Tür ist von oben bis unten mit Namen, Zahlen, Pfeilen und Diagrammen vollgeschrieben.

Ähnlich sieht die Tür zum Flur aus, das sei die "Politikerwand", erklärt Chambers. An einer dritten Wand über dem Kamin klebt eine große Papierbahn, hier sind die potentiellen Nutzer der umfunktionierten U-Bahnhöfe verzeichnet - Clubbetreiber, Museen und andere Kultureinrichtungen. Auch 300 Visitenkarten hat er an die Wand geklebt, das sind seine wichtigsten Kontakte.

Die wirren Wandmalereien im Wohnzimmer dürften bei Investoren die Zweifel an Chambers' Geschäftsplan eher noch verstärken, doch scheint sich seine Beharrlichkeit inzwischen auszuzahlen. Im März habe er einen Termin mit Johnsons politischem Berater Anthony Browne gehabt, sagt er. Im April soll ein Treffen mit dem Bürgermeister selbst folgen. Eine Zusage über zehn Millionen Pfund Startkapital von einem anonymen Anleger habe er auch bereits. Nächste Woche wolle er sich mit weiteren Interessenten aus Saudi-Arabien treffen.

Interesse an Unterwelt ist groß

Ob Chambers tatsächlich Investoren hat, ist schwer zu sagen. Aber zumindest in der Londoner Presse macht er einigen Wirbel. Auch in der Bloggerszene hat er zahlreiche Unterstützer. "Ein Museum über das unterirdische London wäre vielleicht das Aufregendste, was je in dieser Stadt passiert ist", schrieb der Journalist Peter Watts. "Ich hätte nichts gegen ein paar Kneipen da unten", sagt Underground-Fan Andrew Smith von Subterranea Britannica. "Früher wurde sogar schon mal Bier auf Bahnsteigen ausgeschenkt."

Dass das Interesse an Londons Unterwelt groß ist, zeigen die Besucherzahlen des Transport-Museums direkt am Touristenmagnet Covent Garden. Auch die jüngsten temporären Öffnungen des Tunnelnetzes waren ein großer Erfolg. Im März 2010 wurde der erste Tunnel unter der Themse aus viktorianischer Zeit für zwei Tage geöffnet. Die Tickets waren umgehend vergriffen. Ähnlich lief es im September, als die Aldwych-Station für eine Kurzzeitausstellung zum Londoner Blitz - den Luftangriffen der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg - geöffnet wurde.

Chambers versteht daher den Widerstand von Transport of London nicht. Sämtliche Ausgaben würden von privaten Investoren getragen, versichert er. Von den Olympischen Spielen, die 2012 in London stattfinden, erhofft er sich nun den entscheidenden Impuls: Er will den Bürgermeister überzeugen, eine der alten Stationen für Touristen während des Großereignisses zu öffnen. Die Resonanz, hofft er, werde die Zweifler von seinem Plan überzeugen.

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