Streik in New York "Bahnhof geschlossen. Schöne Feiertage!"

Verkehrschaos in New York: Erstmals seit 25 Jahren streikt der Nahverkehr - und das mitten im Weihnachtsrummel. Bei klirrender Kälte wandern Zigtausende Menschen zu Fuß in die Innenstadt, Autos dürfen nur mit mindestens vier Passagieren fahren, Taxis werden hart umkämpft.


New York - Busse und U-Bahnen stehen still. Millionen Menschen, die alltäglich den Nahverkehr nutzen, hängen fest oder müssen sich andere Verkehrsmittel suchen. Die 33.700 Mitarbeiter der New Yorker Verkehrsbetriebe sind erstmals seit 25 Jahren in den Ausstand getreten. Bei Temperaturen unter Null waren die New Yorker gezwungen, lange Fußmärsche zurückzulegen oder um ein Taxi zu kämpfen. Sie schlossen sich zu Fahrgemeinschaften zusammen, fuhren mit dem Rad oder stapften zu Hunderten über die Brooklyn-Bridge. Auch Bürgermeister Michael Bloomberg ging zu Fuß über die Brücke ins Rathaus.

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New Yorker Nahverkehr: "Not in Service"

"Man sollte sie alle ins Gefängnis stecken", sagte ein 53-jähriger Mann voller Wut mit Blick auf die Streikenden. Er stand vor der U-Bahn-Station Times Square, die mit rotem Klebeband abgeriegelt war. "Sie hätten einfach ihre Arbeit machen sollen. Das hier macht nur alle Leute unglücklich." Ein 57-jähriger Busreiniger sagte, er verstehe den Ärger der Leute, die auf den Nahverkehr angewiesen seien. "Aber wir müssen für unsere Anliegen kämpfen." An einer Fahrkartenverkaufsstelle der U-Bahn hing ein handgeschriebener Zettel: "Streik in Kraft. Bahnhof geschlossen. Schöne Ferien!"

An den Schaltern für die Vorortzüge, die nicht bestreikt wurden, bildeten sich am frühen Morgen lange Schlangen. Auf Anordnung von Bloomberg wurden nur noch Wagen mit mindestens vier Insassen nach Manhattan zugelassen. Alle anderen mussten erst mal einen sogenannten Carpool-Platz ansteuern und dort Mitfahrer aufgabeln. Vor den Kontrollpunkten der Polizei vor Brücken und Tunneln bildeten sich kilometerlange Staus.

Grund für den Streik war das Scheitern von Tarifverhandlungen zwischen der staatlichen Transportbehörde MTA und der zuständigen Gewerkschaft TWU am späten Montagabend. "Die Beschäftigten der Verkehrsbetriebe sind es leid, gering geschätzt und missachtet zu werden", sagte TWU-Chef Roger Toussaint. Der Widerstand der TWU richtet sich unter anderem gegen Pläne der Arbeitgeber, das Rentenalter für neue Mitarbeiter auf 62 von bislang 55 Jahre anzuheben und diese für einen Teil ihrer Altersversorgung selbst aufkommen zu lassen.

Die Gewerkschaft hatte bereits am Montag zwei private Buslinien zeitweise bestreikt und Montagnacht den Streik auch für Busse und U-Bahnen für Dienstag ausgerufen. Die Behörden begannen nach der Streikankündigung damit, U-Bahn-Stationen zu schließen. Gewerkschafter bezogen Streikposten und hielten Schilder mit Parolen hoch wie: "Wir bewegen NY. Respektiert uns!" Den Bus- und U-Bahn-Mitarbeitern könnten nun Bußgelder drohen, da es ihnen als Angestellte im öffentlichen Dienst nicht erlaubt ist, zu streiken.

Bürgermeister Bloomberg und Gewerkschaftschef Roger Toussaint beschuldigten sich gegenseitig, den Streik verschuldet zu haben. Bloomberg bezeichnete den Streik als "illegal und moralisch verwerflich" und sprach von einem "feigen Versuch, die Stadt in die Knie zu zwingen". Der Streik trifft die Stadt mitten im Weihnachtsgeschäft. Daher könne die Aktion die Wirtschaft jeden Tag bis zu 400 Millionen Dollar (330 Millionen Euro) kosten, erklärte er. Anwälte der MTA und der Stadt bemühten sich vor Gericht, den Streikenden Einhalt zu gebieten und Bußgelder durchzusetzen, fügte Bloomberg hinzu.

Gewerkschaftschef Roger Toussaint rief: "New Yorker - dies ist ein Kampf für Würde und Respekt!" Die Transportarbeitergewerkschaft erklärte, bei einem Überschuss von einer Milliarde Dollar (830 Millionen Euro) hätten die Arbeitgeber auf die Lohnforderungen der Bediensteten eingehen sollen. Zum letzten Mal hatten die Beschäftigten des öffentlichen Nahverkehrs im April 1980 gestreikt. Ein Gericht verurteilte die Gewerkschaft damals für die elftägige Arbeitsniederlegung zu einer Strafe von einer Million Dollar, denn für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes gilt in New York ein Streikverbot. Wie lange der Streik diesmal dauern wird, ist noch nicht abzusehen.



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