Subway New Yorks dunkles Herz

New Yorks Subway ist Legende. Morsch, überfüllt, chaotisch, chronisch verspätet, unfallgefährdet: Über nichts regen sich die Leute lieber auf. Und doch ist die U-Bahn das Herz der Millionenstadt. Reporter Marc Pitzke geht in den Untergrund.


New York - Als Erstes trug uns Professor Topping auf, "das Biest zu bändigen", wie er es ausdrückte. "Jeden Tag U-Bahn fahren", befahl Seymour Topping, Ex-Kriegsreporter, Veteran der "New York Times" und damals Vorsitzender des Pulitzerpreis-Komitees. "U-Bahn fahren, Block mitnehmen, mitschreiben. Nirgendwo sonst findet Ihr bessere Storys. Nirgendwo sonst findet Ihr das Herz von New York."

Über 13 Jahre ist das her. Es war meine erste Woche in New York City und mein erster Tag an der Journalism School der Columbia University. Topping war unser Drill-Sergeant. Ein Jahr lang würde er uns malträtieren, kritisieren, anfauchen und - selten - loben, um versiertere New Yorker aus uns zu machen und vielleicht sogar versiertere Journalisten.

Doch als Erstes schickte er uns in die U-Bahn.

Viel hat sich seither verändert. Topping ist heute emeritiert. New York ist sicherer und sauberer, gestorben und wieder auferstanden. Die Subway ist teuer geworden - zwei Dollar kostet eine Fahrt jetzt - und hat ihr geliebtes Markenzeichen abgeschafft, den Token.

Ansonsten aber ist die Mutter aller U-Bahnen die Gleiche geblieben, die einzige Konstante in dieser Megastadt, die täglich neu mutiert: laut, modrig, stinkend, rattenverseucht, klapprig, morsch, überfüllt, chaotisch, chronisch verspätet, bedrohlich, unfallgefährdet, nervenzerreißend, toll, und all das rund um die Uhr. Verflucht und geliebt, Zumutung und Faszinosum. Topping hat Recht behalten: Nirgendwo gibt es mehr Geschichten zu finden. Hier, irgendwo zwischen Gehweg und Grundgestein, schlägt das Herz New Yorks.

"Touristen!"

Rushhour am Times Square. Eine Familie quetscht sich in den Wagen. Vater, Mutter, zwei Teenager, vier Koffer. Akzent und Blässe nach zu urteilen aus Großbritannien. Der Vater dirigiert, die Subway-Faltkarte in der feuchten Faust. Die Mutter hat Panik im Blick. Es folgt ein lautes Hin und Her über den richtigen Weg zum Airtrain, der Hochbahn-Verbindung zum Kennedy-Flughafen. Der Vater rempelt, flucht, wünscht sich die Londoner "Tube" herbei. Die Leute beginnen, mit ihm zu diskutieren. An der Penn Station steigt die Familie entnervt aus.

Eine exquisit frisierte Dame mit Gucci-Tasche murmelt hinterher: "Touristen!" Ein Punk stimmt ihr zu: "Fucking Touristen!" Beide zwinkern sich zu. Upper East Side meets Lower East Side. Die Subway, die große Gleichmacherin: Hier einen sich Klassen.

Vor zwei Jahren feierte die U-Bahn ihren 100-jährigen Geburtstag. Das Alter merkt man ihr an: Die meisten der 468 Bahnhöfe sind mindestens 75 Jahre alt. Viele rosten und rotten. Trotz endloser Renovierungsarbeiten, die allein in den letzten zwei Jahrzehnten 26 Milliarden Dollar verschlungen haben. Rolltreppen, Aufzüge oder ähnliche Innovationen gibt es nur selten. Meist muss man sich über klebrige Steintreppen drängeln.

"Ich bring dich um", murmelt der Strubbelkopf mit stumpfem Blick. Er sagt das zu niemandem im Besonderen, sondern ins Leere hinein, zu einem imaginären Gegenüber. Er steht mitten im Waggon, trägt einen feinen, dunkelblauen Ausgehanzug, die Hosen etwas zu kurz. Seine Schuhe sind gebohnert. Er ist unrasiert. "Ich bring dich um, du Schwein", wiederholt er. Die Leute rücken diskret von ihm ab, keiner sagt was, keiner guckt hin. "Warte bloß, ich bring dich um." An der 96th Street steigt er aus. Die Tür schließt sich hinter ihm, und man widmet sich wieder seinen eigenen Gedanken.

Ein paar Stunden in der Subway präsentieren einem alle Facetten der Stadt auf engstem Raum. Der Betrunkene, der in den Waggon pinkelt. Bürgermeister Mike Bloomberg auf dem Weg ins Büro. Die Nutte auf dem Weg zur Anschaffe. Der Wall-Street-Broker auf dem Weg zum Geld. Die Sopranistin, die auf dem Bahnsteig gegen den Lärm ankämpft. Der Magier im spitzen Hut, der von einer Dame geohrfeigt wird, als er ihr spielerisch hinters Ohr fasst. Schüler mit Gameboys, Mütter mit Kinderwagen, Mönche mit Rosenkranz. Gestern landete ich in einem Waggon des B-Trains, in dessen Mitte sich ein Mann auf dem dreckigen Boden niedergelassen hatte und auf einem elektronischen Keyboard "Yesterday" spielte.

Seelenruhig auf die Gleise gestiegen

Ed, der Subway-Cop, nimmt mich mit auf Streife. Und zwar im größten unterirdischen Bahnhofnetz New Yorks, dem Knotenpunkt zwischen Wall Street und City Hall. Ein Dutzend Linien bündeln sich hier in einem gruseligen Gewirr aus Tunneln, Stiegen, Durchgängen, Geheimtüren, Kavernen und Katakomben. Überall tropft es. Stalaktiten hängen von den Decken. In der düstersten Ecke wartet ein Friseur auf Kundschaft.

"Die meisten fragen mich, ob ich den ganzen Tag U-Bahn fahre", grinst Ed, dessen kurze Uniformärmel mächtige Bizeps entblößen. "Dabei verbringe ich damit die wenigste Zeit."

Stattdessen jagt Ed Taschendiebe, Säufer, Kiffer, Irre. Er sucht nach Obdachlosen, die in den Tunneln übernachten - die Erben der mythischen "Mole People". Oder hilft alten Ladys die Treppe hoch. Neulich, sagt er, sei ein Chinese seelenruhig vom Bahnsteig auf die Gleise gestiegen, um Papiere aufzusammeln, die ihm aus der Tasche gefallen seien. Dann sei er ebenso seelenruhig wieder zurückgeklettert - Sekunden bevor der Zug einfuhr.

"Komm mit", sagt Ed und führt mich zu einem entlegenen Plattformende der Fulton Street Station. Ölpfützen schimmern im Neonlicht. Ein Poster warnt: "Vorsicht, Rattengift!" Ed weist auf eine dunkle Ecke, die nur aus der Nähe einsehbar ist. Auf dem Boden liegen Bierdosen - und zwei benutzte Kondome. "Manchmal", sagt Ed, "erwischen wir sie auf frischer Tat."

Als Manhattan am 11. September 2001, nicht weit von dieser Stelle, in Schutt und Asche versank, fuhr die Subway weiter. Die Station unter dem World Trade Center wurde zerstört, doch niemand kam dort um. Der Bahnhof ist teils wieder geöffnet, auch wenn er bisher nur zu einer Baugrube führt. Ein alter Durchgang wurde liebevoll restauriert, ein paar Meter, samt Orginal-Kacheln und Bodenfliesen. Wie ein Memorial, durch das Passanten hetzen. Die Haltestelle heißt bis heute World Trade Center, und so heißt auch die Endstation des E-Trains.

Coney Island, 0.41 Uhr: Pünktlich rollt der N-Train in die nagelneue, überirdische Station an der Stillwell Avenue. 300 Millionen Dollar hat der Glaspalast gekostet, er sieht aus wie ein europäischer Schnellbahnhof. Der Stolz der Subway: vier Bahnsteige, ein Solarzellendach, von Flutlicht illuminiert. Eine Fata Morgana zwischen den Rummelplatz-Bruchbuden. "Passt gar nicht zu uns", sagt Ingenieurin Cosema Crawford von der Betriebsgesellschaft NYC Transit. "Sieht gar nicht aus wie das, was man erwartet, wenn man an die Subway denkt."

Der rockende Rabbi

Dass New Yorker bei der Subway an Chaos, Pannen und Pleitewirtschaft denken, liegt an alltäglicher Erfahrung. "Entgleist", betitelte das Magazin "New York" einmal eine Cover-Story über den desolaten Zustand des Systems.

Da hatten die U-Bahn und wir, die wir darauf angewiesen sind, ein hartes Jahr hinter uns. Regengüsse überfluteten die Tunnel und ließen das gesamte Netz zusammenbrechen. Eine mysteriöse Welle von Schießereien und Morden verunsicherte Passagiere. Zwei Bahnarbeiter fanden in einem Subway-Tunnel eine Mülltüte mit einem Arm und zwei Beinen. Ein Brand zerstörte eine Schaltstation und legte zwei Linien zwei Wochen lang lahm. Eine halbe Million Pendler mussten auf Busse ausweichen.

Meinen Nachbarn Billy stört das alles nicht. Billy, alias Vic Thrill, ist ein Performance-Künstler und Indie-Rockmusiker und hat ein modernes Tonstudio in Brooklyn, wo er seine Songs aufnimmt. Sein Zweitstudio ist die Subway.

Seit Jahren sammelt Billy die Töne von U-Bahn-Musikanten. Sein Ziel: Sie eines Tages zu einem Orchester zu versammeln, bei einem Galakonzert in der Haupthalle der Grand Central Station, mit Hunderten Teilnehmern. "Der Erlös kommt Obdachlosen zugute", sagt Billy, "und wir drehen einen Dokumentarfilm."

In seinem Regal hat Billy bereits Dutzende Ton- und Videoaufnahmen von Kandidaten archiviert. Die allgegenwärtigen peruanischen Panflötisten, der asiatische Erhu-Spieler, die schwarze Gospelsängerin im Rollstuhl, der Topf- und Tonnenschläger namens Tony Potts.

Phobien eines einstigen Provinzkinds

Mit meiner eigenen Musik im Ohr bin ich auf dem Weg von Inwood nach Downtown, im A-Train, den sie auch "Animal Express" nennen. Es ist spät nachts, mir gegenüber hockt der einzige andere Passagier. Der weckt alle Vorurteilsphobien eines emigrierten Provinzkinds: dunkel, hünenhaft, Goldkettchen, Seidenstrumpf ums Haar gespannt. Gang-Look, denke ich instinktiv.

Horrorszenarien irrlichtern durch mein Hirn. Erinnerungen an Bernhard Goetz, den Subway-Schützen von 1984. Wann kommt die nächste Station? Wo ist der schnellste Fluchtweg? Mein iPod glitscht mir aus den Fingern, schlittert vor seine Sneakers. Der Typ beugt sich vor, schnappt sich das Gerät - und reicht es mir lächelnd zurück: "Here, man, be careful."



insgesamt 147 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
susa27, 24.10.2006
1. mehr Gleichberechtigung im öffentlichen Raum
U-Bahn fahren ist prinzipiell eine gute Sache. Rein - Raus und schnell ankommen (wenn sie denn fahren. Was hier in Berlin nicht immer der Fall ist ;-)). Allerdings finde ich bleibt beim U-Bahn fahren das Erleben der urbanen Umwelt völlig "auf der Strecke". Auch die Orientierung innerhalb einer Stadt ist für mich nur noch sehr bedingt möglich. Deshalb: Wenn es nur irgendwelche (vergleichbaren) überirdischen ÖPNV-Angebote gibt, ziehe ich diese vor. Hinzu kommen auch ökologisch Aspekte, die sicherlich gegen einen weiteren Ausbau sprechen. Zudem wurde die Verlegung Straßenbahn in den Untergrund ja nur zu Gunsten des Autoverkehr vorgenommen - Ein Aspekt der vom Ansatz her m.E. in die völlig falsche Richtung geht: Wenn die Autos besser fahren können -> gibt es mehr Autos -> müssen weitere Verkehrsteilnehmer verbannt werden.... Darüber lohnt es sich mal nachzudenken ;-)
supernicky2006, 24.10.2006
2.
---Zitat von sysop--- U-Bahnen waren einst Symbol der Moderne und der Mobilität, heute gehören Sie weltweit zum städtischen Leben. Wie erleben Sie die internationale U-Bahnen heute? Haben Sie Lieblingsstrecken? Hatten Sie besondere Erlebnisse im urbanen Untergrund? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/reise/metropolen/0,1518,443035,00.html ---Zitatende--- Ich finde die U-Bahnen in London spaßiger als in Paris - wegen der steilen Rolltreppen. Außerdem haben sich die Londoner offenbar etwas dabei gedacht, die Dinger tiefer im Boden zu versenken, weil dann das Geschirr im Schrank obendrüber nicht immer so klappert. Ich fahre gerne U-Bahn, außer in Mailand, weil die Kontrolleure da sich nicht darauf beschränken, einen wegen Schwarzfahrens vorrübergehend zu verhaften, sondern die werden dann auch noch aufdringlich (würg.). Zu den deutschen Strecken fällt mir jetzt grad weder Positives noch Negatives ein.
wolleweis, 24.10.2006
3. Ist das wirklich so?
---Zitat von susa27--- U-Bahn fahren ist prinzipiell eine gute Sache. ---Zitatende--- Stimmt [/QUOTE] Allerdings finde ich bleibt beim U-Bahn fahren das Erleben der urbanen Umwelt völlig "auf der Strecke". [/QUOTE] U-Bahn ist urbane Umwelt - vieleicht sogar mehr "obenrum" [/QUOTE] Zudem wurde die Verlegung Straßenbahn in den Untergrund ja nur zu Gunsten des Autoverkehr vorgenommen - [/QUOTE] Falsch. Die Londoner Tube hat 1863 begonnen. Das Auto war da noch nicht einmal erfunden. [/QUOTE] Ich selbst hab U-Bahn fahren als praktisch, aber nicht noetigerweise als Erlebnis gefunden. Gerade in London ist U-Bahn zwar ganz nett wegen der verschiedenen Dekorationen in den Stationen, aber bei mir bleibt trotzdem ein grundsaetzlich ungutes Gefuehl, denn die Stationen sind weder sauber, oder uebersichtlich und ich fuehle mich nicht unbedingt sicher. Wenigstens haengen zur Zeit deutlich weniger Penner und Bettler dort rum, als es noch in den 80er Jahren der Fall war.
mfeldt, 24.10.2006
4. Kompomißbereite Kontrolleure
Eines der lustigsten U-Bahnerlebniss war sicherlich in Prag, wo wir wegen "Schwarzfahrens" von Kontrolleuren verhaftet wurden - wir hatten nicht gewußt, daß das Umsteigen zwischen den Linien mit einer Karte verboten war. Nach dieser glaubhaften Versicherung zeigten sich die Kontrolleure konzilliant: "Mach ich Kompromiß: Nur einer zahlt!" [von uns beiden]. Da wir aber keine Lokalwährung besaßen (es war 1989) und sich auch in Begleitung der Kontrolleure keine durch legalen Umtausch erlangen ließ, wurde der Kompromiß dahingehend geändert, daß wir garnicht bezahlen mußten... Schön war es auch früher in Ost-Berlin wie auch in Moskauer Bussen und Straßenbahnen, wo die Fahrkarten auf langen Papierrollen zum selberabreißen verfügbar gehalten wurden, wobei man sein Scherflein in eine danebenstehende Kasse des Vertrauens einwarf. Am allerschönsten war es einmal in einem Moskauer Bus, als die Rolle alle war und ein Fahrgaste kommentarlos ein Klappe über den Fenstern öffnete, hinter der sich ein ganzer Vorrat derartiger Fahrkartenrollen befand... m.
susa27, 24.10.2006
5.
[/QUOTE] Falsch. Die Londoner Tube hat 1863 begonnen. Das Auto war da noch nicht einmal erfunden. [/QUOTE] Das mag ja auf London und weitere Einzelfälle zutreffen. Jedoch scheint mir das bei einigen Planern immer noch die Absicht zu erkennen ist, durch die Verlegung der Schienen unter die Erde mehr Platz für den Autoverkehr zu schaffen zu wollen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.