Tokio Asimo und die Manga-Maids

Humanoide Roboter, sprechende Dinos - wer sich in Tokio langweilt, hat selbst Schuld. Im Hightech-Land Japan sind Museen keine verstaubten Asservatenkammern, sondern auf dem neusten Stand der Technologie.


Tokio - Artig sitzen die Kinder vor der Bühne und starren gebannt auf eine kleine Tür rechts neben dem Podest. Dahinter drängen sich die Erwachsenen. Wer weiter hinten steht, hält sein Fotohandy mit ausgestrecktem Arm über die Köpfe der vor ihm Stehenden und wartet. Mit theatralischem Zischen öffnet sich die Tür, und es erscheint mit staksigen Schritten: Asimo, der humanoide Roboter. Tagtäglich trägt sich im National Museum of Emerging Science and Innovation von Tokio diese Szene zu.

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Tokio: Für Hightech-und Manga-Fans

Asimo und seine Kollegen gelten als Symbol für technischen Fortschritt und machen die Japaner stolz. So gibt es kräftigen Applaus, als die Maschine die zwei Stufen auf die Bühne bewältigt. Nach ein paar Minuten verschwindet Asimo wieder, und die Besucher erkunden das Museum, das zum Mitmachen einlädt.

In kleinen Gruppen dürfen sich Kinder zum Beispiel daran versuchen, selbst kleine Roboter zusammenzubauen. Im Labor gegenüber üben sich derweil ihre Eltern in chemischen Experimenten. In einer anderen Ecke lenken schnatternde Besucher die Aufmerksamkeit auf einen runden Glaskasten - darin liegt Paro. Auf den ersten Blick sieht Paro aus wie ein gewöhnliches Stofftier, wie eine Robbe von Steiff etwa. Dann greifen besonders Neugierige in den Kasten und streicheln das "Tier" - woraufhin Paro die Glasaugen verdreht. Unter seinem Kunstfell ist Paro bestückt mit Sensoren, die es auf Umwelteinflüsse reagieren lassen.

Das mag europäischen Besuchern verspielt oder gar albern vorkommen. Doch diese Freude am Spiel erleichtert den Japanern dem Anschein nach den Umgang mit technischen Neuerungen, dient Paro doch als Anschauungsobjekt für Ubiquitous Network. Und diese Allgegenwart von netzwerkfähigen Chips wird irgendwann auch in Deutschland Wirklichkeit sein.

Mit Handheld zum Dino

Wie das Nationalmuseum liegt das Panasonic Center in dem erst wenige Jahre alten Stadtteil Odaiba, der auf einer künstlich aufgeschütteten Insel in der Bucht von Tokio entstanden und über die fast 1000 Meter lange Rainbowbridge mit dem Zentrum Tokios verbunden ist. Im Panasonic Center sind keineswegs nur die neuesten Produkte des Elektronikherstellers zu sehen. Auch hier erleben Besucher, wozu Ubiquitous Network eingesetzt werden kann.

Schon am Eingang verteilt eine Hostess in himmelblauem Kostüm Handhelds. Mit den um den Hals gehängten Minicomputern geht es in die "Dinosaur Factory", einer Art Lagerhalle der Archäologen. Hier werden - immer noch im Panasonic Center - Fundstücke aus der Ära der Dinos ausgestellt. Wird der Handheld an einen Sensor gehalten, bekommt der Besucher über Kopfhörer die zum Ausstellungsstück passenden Informationen.

Am Ende des Rundgangs führt die Hostess die erschöpften Besucher in einen abgedunkelten Raum, wo sie sich dankbar in den Lounge-Möbeln fläzen. Mit raumgreifenden Gesten präsentiert die junge Frau die plötzlich erleuchtete Wand. Die "Digital Wall" mit Maßen von rund vier mal zwei Metern ist eine Art riesiges Multimediasystem, wie es sonst nur superreiche Bösewichte in einem James-Bond-Film vorweisen können. Auf eine kurze Handbewegung hin erklingt Musik, werden E-Mails abgerufen oder die Displayfläche für die TV-Darstellung vergrößert.

Manga-Maid im Szene-Café

Verkäuflich ist die "Digital Wall" noch nicht. Es gibt sie auch nicht in Akihabara, obwohl in diesem Viertel mit seinen unzähligen Elektrogeschäften fast alles zu haben ist, was mit Technik zu tun hat - von der Leuchtdiode bis zum Plasmafernseher. Akihabara ist die Heimat kleiner Läden, die dicht gedrängt in Nachbarschaft zu Manga-Händlern und infernalisch lauten Patschinko-Spielhallen den unübersichtlich, wuseligen Charakter des Viertels ausmachen.

In Akihabara trifft sich auch die Manga- und Animeszene. Besonders auffällig sind die so genannten Cure-Maids. Wie die Animefigur im Zimmermädchenkostüm gekleidet, bedienen junge Frauen in so genannten Cure-Maid-Cafés die Gäste mit ausgesuchter Freundlichkeit. Davon sind vor allem die so genannten Otakus angetan - extreme Fans von Manga und Anime, den japanischen Comics und Zeichentrickfilmen.

Schräg geht es auch im Tokioter Katastrophenschutzzentrum zu - allerdings auf eine andere Weise. Hier steigen die Besucher in quietschgelbe oder neongrüne Regenkleidung, um sich im Taifunsimulator gegen Sturm und waagerechten Dauerguss zu behaupten. Man fühlt sich, als hätte man einen ganz schlechten Tag an der Nordsee erwischt.

Aber das ist nichts gegen das, was ein Stockwerk tiefer passiert. Auf einer Bühne steht die Nachbildung einer durchschnittlichen japanischen Küche. Freiwillige vor, heißt es. Jeder bekommt eine Aufgabe: Wenn es losgeht, Tür aufreißen, Herd ausmachen und so weiter. Plötzlich ist es so, als verlöre man das Gleichgewicht. Die Lampe an der Decke schwenkt wild hin und her. Ein Küchenschrank, Gott sei Dank aus weichem Leder bestehend, fällt um. Und die anfangs Wagemutigen kauern nach wenigen Sekunden auf dem Boden. Sie sind einem Beben ausgesetzt, wie es 1995 die Stadt Kobe verwüstet hat.

Gerüttelter Martini

In Tokio ist ein großes Beben statistisch gesehen längst überfällig. Damit die Stadt am Tag X nicht wie eine Ansammlung von Kartenhäusern zusammenklappt, müssen Neubauten gewisse Anforderungen erfüllen. Wie diese umgesetzt werden, können interessierte Besucher zum Beispiel im Nobelkaufhaus Roppongi Hills mit seinen mehr als 200 Geschäften und Restaurants erfahren.

Wer eine Führung durch den Gebäudekomplex wünscht, meldet sich am Empfang. Dann geht es unter anderem aufs Dach des Kinos, wo die erdbebensichere Bauweise erläutert wird: Auf dem Lichtspielhaus hockt mit 3650 Tonnen Gewicht ein Garten, der die durch ein Beben verursachten Schwankungen des Gebäudes ausgleichen soll. Die Gedanken an die drohende Katastrophe lassen sich beim Shoppen in den Boutiquen von Roppongi Hills vertreiben. Wer es sparsamer mag, findet bestimmt eine Bar, um dort den Abend mit einem Martini zu beginnen, gerührt, nicht geschüttelt.

Von Sven Appel, gms



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