Tokio Eine Nacht im Sarg

Japan gilt als eines der teuersten Länder der Welt, Übernachtungskosten in Tokio lassen vielen Reisenden die Haare zu Berge stehen. Dabei gibt es eine preisgünstige Alternative: das Kapselhotel, eine futuristische Mischung aus Bienenstock, Odyssee im Weltraum und Schullandheim.

Von Moritz Honert


"Die Schuhe stellen Sie bitte dort in das Schließfach. Den Schlüssel bewahre ich hier an der Rezeption für Sie auf", haucht die fast unterwürfig freundliche Empfangsdame. Jedenfalls lässt es sich vermuten, dass sie etwas in der Art meint. Ihr Phantasie-Englisch, das von einer Menge Handzeichen und noch mehr reizenden Verbeugungen unterstützt wird, ist schwer zu deuten. Die Verständigung funktioniert trotzdem. Nach einigem Hin und Her gibt es im Austausch für den Schließfachschlüssel einen Spindschlüssel, und der Bezug des Kapselhotels, dessen Name sich von den im Inneren wabenartig gestapelten Minizimmern ableitet, kann beginnen.

Im zum Schlüssel gehörigen Schrank finden sich ein Safe, zwei Handtücher und ein "Yukata", ein Baumwoll-Kimono, der in den folgenden Stunden als Hausuniform getragen wird. Die Größe des Spinds, der etwa den Stauraum eines deutschen Schwimmbadschranks aufweist, macht allerdings sofort deutlich, für wen die Kapselhotels in der Hauptsache gedacht sind. "Touristen mit Gepäck sind bei uns die Ausnahme", kann der Interessierte vom Personal erfahren. "Die meisten Gäste sind Geschäftsleute, die ihre letzte Bahn verpasst oder in der Stadt einen über den Durst getrunken haben. Wir bieten billig alles, was man dann braucht: Bett, Dusche, Zahnbürste."

Für konkurrenzlos günstige 3000 bis 4000 Yen (rund 21 bis 28 Euro) die Nacht bieten die Kapselhotels jedoch nicht nur einen Ort, um einen Rausch auszuschlafen, sondern in der Regel auch Zugang zu einem Ruheraum mit Comicbibliothek, diversen Videospiel- und Essensautomaten sowie einem vollausgestatteten "Sento" - einem japanischen Badebetrieb mit angeschlossener Sauna.

Nackte Waschbären

"Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass alle nackt sind?", fragt Bade- und Hausmeister Ryu etwas besorgt am Eingang des mit dicken Wasserdampfwolken verhangenen Badebereichs. Die Information, dass in Europa nackte Haut sogar in gemischten Saunen Alltag ist, überrascht ihn. "Frauen haben bei uns keinen Zutritt, und auch in den wenigen Etablissements, die für beide Geschlechter offen stehen, sind Männer und Frauenbereiche getrennt."

Während er das erzählt, sitzen hinter ihm, wie an der Perlenschnur aufgereiht, zehn runde Männer auf winzigen Hockern vor einem riesigen Spiegel und schrubben erst mit Waschlappen und Seife sich selbst und später mit bereitgestellten Einmalzahnbürsten ihre Zähne. Wie gemütliche nackte Waschbären sehen sie dabei aus, und die Stimmung und das Gelächter haben etwas von dem unbeschwerten Spaß eines Schullandheimausflugs.

In der Sauna schwitzt derweil ein beschwipster Geschäftsmann, der erfreut von einem Besuch des Münchner Oktoberfestes anno 1986 erzählt. Außerdem habe er gerade, gesteht er grinsend, eine Flasche Bier am Pförtner vorbeigeschmuggelt. "Hier gibt es zwar Automaten, aber die sind so teuer." Nach so viel für Japaner untypischer Offenheit plötzlich besorgt, bittet er allerdings um Verschwiegenheit.

Das erste, vom japanischen Architekten Kurokawa Kisho entworfene Kapselhotel (japanisch: kapuseru hoteru) eröffnete 1979 in Osaka. Heute sind die Einrichtungen im ganzen Land alltägliche Erscheinungen. In den größten stapeln sich auf mehreren Stockwerken gar bis zu 700 Waben. Beim Blick in die Schlafsäle werden Erinnerungen an die futuristische Funktionalität von Raumschiffmodellen aus Science-Fiction-Filmen aus den 1960er Jahren wach. In Zweierreihen türmen sich links und rechts entlang der Wand die Schlafkammern, deren Maße von rund zwei Metern Tiefe, einem Meter Breite und 1,20 Meter Höhe den Hotels den Spitznamen "Sarghotel" einbrachten. Trotz des Kompaktformats enthalten die Zimmerchen alles, was für eine ruhige oder schlaflose Nacht gebraucht werden könnte. Die Matratze ist weich, das Laken klinisch sauber. Dazu gibt es Licht, Radio, Wecker und TV.

Unterwäsche aus dem Automaten

Vielleicht liegt es an dem wenig einladenden Spitznamen, das sich die Idee in Europa noch nicht durchgesetzt hat. Lediglich in Basel und London stehen vergleichbare Hotels, die allerdings weder im Preis noch in der Zimmergröße mit den japanischen Vorbildern konkurrieren können.

Im Selbstversuch erweist sich die Schlafwabe trotz aller Bedenken als durchaus heimeliger Aufenthaltsraum. Von Klaustrophobie oder Beklemmung keine Spur. Die einzige Überraschung der Nacht ist die Erkenntnis, dass die berühmte japanische Selbstkontrolle noch nicht im Schlaf- und Schnarchverhalten der trunkenen Gäste verankert ist.

Am nächsten Morgen herrscht rege Betriebsamkeit. Nicht wenige Besucher kommen wegen der kurzen Nacht schwer aus den Federn und hetzen verschlafen zu ihren Spinden. Trotzdem bestimmt die für Japan typische Mischung aus Hochgeschwindigkeit und Präzision die Abläufe. Während junge Männer in ihre T-Shirts springen, kauft ein runder Geschäftsmann frische Wäsche aus einem im Flur stehenden Automaten. Selbst bei Kleidung kennt die japanische Freude an Automaten, aus denen landesweit rund um die Uhr alles gezogen werden kann, kein Pardon. Weiße Hemden, blaue Socken und Unterwäsche stehen in jeweils drei Größen zur Verfügung, so dass sich die Kundschaft in sauberer Kleidung in den Arbeitstag stürzen kann.

Der Weg zurück führt wieder vorbei an der Rezeption. "Vielen Dank für ihren Besuch", flötet die Empfangsdame beim Auszug und wünscht einen erfolgreichen Tag. Jedenfalls hofft man, dass sie etwas in der Art meint. Sicher sein kann man leider nicht. Ihr Lächeln jedoch macht Hoffnung.



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