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Macau: Asiens Spielerparadies

Foto: ? Bobby Yip / Reuters/ REUTERS

Touristen-Boomstadt Macau Die wollen nur spielen

Mit Dutzenden Casino-Palästen macht Macau Milliardenumsätze, um unglaubliche 42 Prozent stiegen die Einnahmen im vergangenen Jahr. Laut Experten hat die Stadt sogar Las Vegas eingeholt - und ein Ende des Touristenbooms ist noch lange nicht in Sicht.

Es geht fröhlich zu an dem Baccara-Tisch, an dem Croupier Natalie die Karten verteilt. Alle Plätze sind besetzt, der Spieler in der Mitte mit der Zigarette Marke Panda im Mund riskiert mehr als andere: Er setzt 10.000 bis 15.000 Hongkong-Dollar pro Spiel - und er hat das Glück auf seiner Seite. Natalie muss ihm immer wieder Chips im Wert von jeweils 1000 Hongkong-Dollar (rund 96 Euro) zuschieben. Rund ein Dutzend Zuschauer kommentieren seine Glückssträhne mit lautem Hallo.

Es ist ein ganz normaler Donnerstagvormittag im Casino Venetian von Macau. Der Spielsaal ist gut gefüllt, an den meisten der über 200 Tische wird gezockt. Baccara und Black Jack sind besonders populär.

Die Kundschaft will so gar nicht zu dem prunkvollen Interieur unter ziegelroter Decke passen: Die Spieler sind einfach gekleidet, viele kommen in Trainingshosen und Sportschuhen. Es wird geraucht, geflucht, gelärmt. In Macau ist Spielen keine vornehme Angelegenheit. Das gilt auch für jene Winkel des Casinos, in denen die Einsätze pro Spiel schon mal bei fast 30.000 Euro liegen, Schilder mit der Aufschrift "Hoher Einsatz" weisen darauf hin.

Einst durften solch hohe Summen nur in Separées gesetzt werden, abgeschieden vom normalen Publikum. Doch die amerikanischen Manager des Venetian, das dem erzkonservativen Las-Vegas-Milliardär Sheldon Adelson gehört, wollen noch mehr Kunden anlocken - indem sie den Kitzel für ein breites Publikum erhöhen. "Den Massenmarkt erschließen", lautet das Stichwort.

Sie meinen damit den "Massenmarkt" auf dem chinesischen Festland, jenseits der Grenze der ehemaligen portugiesischen Kolonie Macau. Die chinesische Regierung hat ein gespaltenes Verhältnis zum Glücksspiel: Einerseits verbietet sie Werbung für die Casinos von Macau, das auch nach seiner Rückkehr unter Pekings Herrschaft 1999 als "Sonderverwaltungsregion" eigene Regeln und Gesetze hat. Andererseits verdient sie kräftig mit an den Casinos und lässt deshalb zu, dass immer mehr Volksrepublikaner nach Macau strömen.

"Der Strom des Geldes scheint endlos"

Inzwischen machen die Besucher aus China circa 60 Prozent aus. Insgesamt kamen 2011 knapp 25 Millionen Touristen in das Spielerparadies, über zehn Prozent mehr als im Vorjahr. In Macau selbst leben nur rund eine halbe Million Einwohner.

Die 34 Casinos sind eine Goldgrube. 33,9 Milliarden US-Dollar flossen 2011 in die Kassen der Betreiber, 42 Prozent mehr als im Vorjahr. "Der Strom des Geldes scheint endlos", heißt es in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "macau business".

Zwischen den beiden Hauptinseln Macaus, Taipa und Coloane, liegt ein schmaler Landstrich, der immer weiter aufgeschüttet wird, um Platz für noch mehr Amüsierbetriebe zu schaffen. Auf dem sogenannten Cotai-Strip entstand auch das Venetian - ein gewaltiger Bau mit originalgetreuen Nachbauten des Dogenpalastes und der Rialto-Brücke. Innen können die Besucher bei Adidas, Dolce & Gabana oder Cartier einkaufen und sich auf Gondeln durch einen künstlichen "Canale Grande" paddeln lassen. Die weiblichen und männlichen Gondolieri aus aller Herren Länder trällern "Santa Lucia" und "O sole mio", und das durchaus gekonnt.

Schon bald wird gegenüber dem Venetian ein neues Casino eröffnen, das sich an drei neue Hoteltürme anschließt. Aus dem Dunst ragen rund ein Kilometer entfernt die Bauten des neuen Galaxy-Casinos mit sechs goldenen Kuppeln in den Winterhimmel, ein 16.000 Quadratmeter großer Kinokomplex gehört dazu. Investition: 2,1 Milliarden US-Dollar.

Weitere Bauplätze sind hart umkämpft. Am Meer, gleich neben dem Flughafen, ist bereits ein zweiter Fährhafen entstanden, an dem alle 30 Minuten blaue Katamarane neue Spieler aus dem eine Stunde entfernten Hongkong ausspucken.

Die Grenzbeamten Macaus können an manchen Tagen den Ansturm nicht mehr bewältigen. In der Stadt werden Stimmen lauter, die den Verlust von Moral und Anstand in der heimischen Bevölkerung beklagen, deren Wohl und Wehe von den Casinos abhängt. Schon verzichten zum Beispiel viele Jugendliche darauf, einen Beruf zu erlernen oder auf die Universität zu gehen: Die Casinos suchen händeringend Croupiers und zahlen jedem mehr als tausend Euro im Monat - so viel, wie man als Buchhalter oder Krankenschwester nie verdienen würde.

Immer mehr Land für neue Casinos, Hotels und Einkaufszentren

Die Zahl der Arbeitslosen in Macau ist denn auch verschwindend gering. Möglich gemacht hat den Boom eine Entscheidung der Pekinger Regierung im Jahr 1994, dem bisherigen Casino-König Stanley Ho das Monopol abzuerkennen. Seither explodiert der Markt, immer mehr Land für neue Casinos, Hotels und Einkaufszentren wird aufgeschüttet. Selbst der alte Tycoon Ho, der sich damals mit Zähnen und Klauen gegen die Konkurrenz wehrte, hat am Ende von dem Schlag profitiert: Er macht dickere Gewinne als je zuvor.

In der "Crystal Lounge" von Hos neuem Casino Grand Lisboa, dessen Form einer Lotus-Blüte nachempfunden ist, trinkt ein rundlicher Mann mit Brille eine heiße Schokolade. Andrew Scott, 42, ist Australier, nach eigenen Angaben seit seiner Jugend Berufsspieler ("Ich setzte ab 100.000 Dollar") und als Herausgeber der Fachzeitschrift "World Gaming" mit Sitz in Macau ein intimer Kenner der Szene. "Gerade hat einer den Jackpot von 21 Millionen Hongkong-Dollar geknackt", sagt er.

Die Lounge liegt zwischen einem kleinen Lebensmittelladen, der Käse aus Deutschland, amerikanischen Schinken und italienische Salami verkauft, und dem Spielsaal, an dessen Ende sich auf einer Bühne russische Tänzerinnen an einer Stange räkeln. Niemand beachtet sie, denn, so sagt Scott: "Die Leute kommen her um zu spielen, sie wollen nichts anderes."

Dabei hatten die Casino-Betreiber einst versprochen, Macau nach dem Vorbild von Las Vegas umzuformen. Aus dem Ort der Spielhöllen und Triaden wollten sie ein Ferienziel für Familien mit Shows und Shopping formen. Doch das Konzept scheint nicht aufzugehen: Der Cirque du Soleil, der im Venetian gastierte, verließ die Stadt Mitte Februar, weil die Zuschauer ausblieben. Er war nur drei Jahre hier, ursprünglich sollte er zehn bleiben.

"Macau hat längst Las Vegas eingeholt"

Gibt es denn überhaupt so viele Spieler mit so viel Geld, dass es sich lohnte, immer mehr Milliarden in immer neue Casinos und Hotels zu investieren? Auf diese Frage kann der Australier Scott nur müde lächeln. "Macau hat längst Las Vegas eingeholt", sagt er. In Macau würden die Gäste zwar viel kürzer bleiben, aber mehr Geld riskieren als in Las Vegas. "Und es wird so weitergehen."

Schon bald werden Hochgeschwindigkeitszüge in der Nähe von Macau stoppen und noch mehr Spielverrückte heranbringen. Auf dem Cotai-Strip sei Platz für zwölf weitere Resorts, sagt Scott. Er schätzt, dass 2020 die jährlichen Bruttoeinahmen auf zweitausend Milliarden Patakas (rund 190 Milliarden Euro) steigen werden. 40 Prozent ihrer Gewinne müssen die Casinobetreiber an die Regierung Macaus abgeben, wie viel davon weiter in den Pekinger Haushalt fließt, ist unbekannt.

Die Kommunistische Partei, die einst behauptete, sie habe soziale Übel wie Ausbeutung und Glücksspiel aus China vertrieben, scheint es deshalb nicht zu stören, wenn ihre Untertanen ihr Geld verzocken, ihre Sonderverwaltungsregion zum Dorado für Gangster, Kredithaie und Prostituierte aus aller Welt geworden ist und sich hier skrupellose Tycoone und Spielmoguln die Taschen füllen. Immerhin haben die örtlichen Behörden von Macau jüngst eine Obergrenze für die Zahl der Spieltische festgelegt, um das Wachstum zu kontrollieren.

Der Australier Scott schaut auf die blinkenden Anzeigen an den Spieltischen im "Grand Lisboa", die uniformierten Croupiers und die Trauben der Spieler. Er prophezeit: "Was wir heute sehen, ist gar nichts im Vergleich zu dem, was noch kommt."

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