Türkei Küsten aus Beton

Die Türkei braucht Devisen, doch der Massentourismus an der türkischen Riviera hat negative Auswirkungen: Die Küsten werden zugebaut, die Landschaft wird zerstört und Tiere werden aus ihrem natürlichen Lebensraum verdrängt.


Zwölf Millionen Touristen stürmen dieses Jahr die Türkei
DPA

Zwölf Millionen Touristen stürmen dieses Jahr die Türkei

Istanbul - An der türkischen Südküste reiht sich Hotel an Hotel. Mehrere Millionen ausländische Touristen fliegen jedes Jahr nach Antalya und Dalaman, um die schönsten Wochen des Jahres am Strand und beim Baden zu genießen. Und die Zahl der Touristen steigt: 1996 kamen insgesamt rund 8,6 Millionen Urlauber in die Türkei. In diesem Jahr rechnet das Tourismusministerium bereits mit zwölf Millionen Touristen und zehn Milliarden Dollar (23 Milliarden Mark) Einnahmen.

Ende der achtziger Jahre sorgte ein geplanter Hotelbau in der Bucht von Dalyan in der Nähe von Dalaman für Aufregung. Das Hotel hätte auf einem Nistplatz der rund einen Meter großen Meeres-Schildkröte "Caretta Caretta" errichtet werden sollen. "Tausende Hektar Land mit touristischem Potenzial können nicht für ein paar Schildkröten geopfert werden", hatten Regierungsvertreter damals erklärt. Erst ein Hungerstreik von Umweltschützern und internationale Proteste führten zu einem Baustopp. Das Gebiet, in dem auch zahlreiche Vogelarten leben, wurde schließlich zum Naturschutzgebiet erklärt.

Doch in anderen Buchten entlang der Küste sind die Nistplätze dieser Meeres-Schildkröten weiter bedroht. Müll, in den Sand gerammte Sonnenschirme und Lagerfeuer gefährden die am Strand abgelegten Eier. Frisch geschlüpfte Schildkröten werden von Lichtquellen irritiert und finden den Weg ins Meer nicht.

Auch die Pflanzenwelt leidet: In unberührten Buchten entstehen Hotel-Komplexe mit grünen Oasen und riesigen Parks. "Viele Hotels legen Gärten mit exotischen Pflanzen an, die es dort eigentlich gar nicht gibt", sagt Emrah Bilge von der türkischen Naturschutzvereinigung. Auch Golfplätze sind - selbst wenn es auf den ersten Blick kaum auffällt - ein Eingriff in das Ökosystem. "Viele denken, das ist Ökotourismus, aber die Landschaft wird verändert".

Damit die Golfplätze grün und die Pools gefüllt sind, die Gärten blühen und die Urlauber duschen können, brauchen die Anlagen viel Wasser. "Das ist ein ernsthaftes Problem", sagt der Naturschützer. "In Hotels ist der Wasserverbrauch pro Kopf um ein Vielfaches höher als der Verbrauch der ansässigen Dorfbewohner". Dadurch könne der Grundwasserspiegel sinken, das Wasser droht zudem zu versalzen.

Doch nicht nur die Natur, auch Dörfer und Städte verändern sich durch den boomenden Tourismus. In der Hoffnung auf einen Arbeitsplatz in der Tourismus-Branche ziehen jedes Jahr zahlreiche Menschen nach Antalya. Neben den Urlaubern muss die Stadt mit ihren schätzungsweise 750.000 Einwohnern jedes Jahr Zehntausende Menschen aufnehmen, die nach Antalya umsiedeln.

Überall werden neue Apartmenthäuser hochgezogen und Straßen gebaut. Auch an vielen Küstenabschnitten lärmen Baumaschinen. Inzwischen will man das Wachstum besser kontrollieren und auch umweltschonende Projekte durchführen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Ort Cirali, etwa 70 Kilometer südwestlich von Antalya.

Dort hat die Naturschutzvereinigung zusammen mit Behörden und mit Mitteln der Europäischen Union ein Öko-Tourismus-Projekt initiiert. Statt riesiger Hotel-Komplexe gibt es Pensionen, die als Familienbetriebe geführt werden. Auf diese Weise bleibe der Dorfcharakter bestehen, und auch die Landschaft werde nicht so drastisch verändert. Bilge: "Es gibt gute und schlechte Beispiele - aber leider gibt es viel mehr schlechte".

Claudia Steiner, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.