Turmhotel in Bologna Gala-Dinner im Gefängnis

Quadratisch, praktisch, hoch - die Geschlechtertürme von Bologna haben in ihrer Strenge so gar nichts Romantisches. Es sei denn, man übernachtet in den mittelalterlichen Mauern. Turmhotelier Giovanardi kreiert in seinem Torre Prendiparte eine ganz besondere Atmosphäre.

Von Jochen Schönmann


Matteo Giovanardi hat ziemlich stramme Oberschenkel. "Berufskrankheit", witzelt der Turmhotelier. Sein Reich: einer der für die mittelalterliche Stadt Bologna charakteristischen Geschlechtertürme, deren rotbraune Ziegel seit 900 Jahren in den azurblauen Himmel über der Stadt ragen. In seinem 65 Meter hohen Torre Prendiparte sorgt Giovanardi ganz alleine für seine Gäste.

Die Türme waren einst Zeichen für den Reichtum und den Einfluss der herrschenden Familien im Bologna des 13. Jahrhunderts, damals ein gewaltiges Handelszentrum der alten Welt. 180 davon wurden in dieser Zeit gebaut, etwa 20 prägen noch heute das moderne Stadtbild – einer schiefer als der andere. 137 Jahre lang war der 94,5 Meter hohe "Torre degli Asinelli", der noch heute steht, das höchste Gebäude Europas.

Der "Torre Prendiparte" dagegen ist in mehrfacher Hinsicht etwas ganz Besonderes. Denn hier können sich Touristen einen exklusiven Traum erfüllen: Turmherr spielen für eine Nacht. Mit Luxus und Komfort. Ein Blick von der Spitze zeigt die eigenwillige Schönheit einer Stadt, die manchmal auch gerne das "Anti-Florenz" genannt wird: Hier bestimmen die engen, mitunter düsteren Gassen des Mittelalters das Stadtbild. Das höfisch Verspielte der Renaissance war nie Sache der Bologneser.

Ungebremster Freiheitswille und kreativer Geschäftssinn

Die altehrwürdige Universitätsstadt liegt direkt an der antiken Römerstraße "Via Emilia" in der Region Emilia Romagna, ungefähr 130 Kilometer südöstlich von Mailand, etwa auf halber Strecke zwischen Piacenza und Rimini. Touristisch ist diese Gegend noch wenig erschlossen. Hier, in der uralten Handelsstadt, herrschen seit Jahrhunderten Pragmatismus und ungebremster Freiheitswille. Und nach wie vor ein kreativer Geschäftssinn.

Signore Giovanardi steht ganz in dieser langen Tradition der innovativen und gewitzten Kaufleute. 20 Jahre lang war er Großhändler für Küchenartikel. Sein Großvater hatte das Geschäft aufgebaut, und es lief lange Zeit ganz ausgezeichnet. Doch dann änderte sich die Welt. "Es lief so lange gut, bis die Chinesen angefangen haben, alles für ein Fünftel des üblichen Preises zu produzieren." Der 52-Jährige verzieht das Gesicht.

Irgendwann hatte Giovanardi einfach keine Lust mehr, den immer kleiner werdenden Handelsspannen nachzujagen. Er beschloss, sein Leben zu ändern. Wie genau, das wusste er damals noch nicht. Er wusste nur, er wollte etwas Originelles tun. Die Gelegenheit dazu ergab sich schnell: Im wurde ein Turm angeboten - und kurzerhand kaufte Giovanardi den alten "Torre Prendiparte" der ehemals einflussreichen Familie gleichen Namens und zog dort ein.

Sieben Jahre lebte er in dem herrschaftlichen Turm, richtete ihn allmählich wieder her, ein Zimmer nach dem anderen, Stockwerk für Stockwerk. Abends saß er mit einem Glas Rotwein auf der 65 Meter hohen Turmspitze und genoss den Sonnenuntergang mit der einzigartigen Aussicht, zum Beispiel auf die im Jahre 1088 gegründete älteste Universität Europas, oder schlicht den freien Blick bis hin zu den bewaldeten Hügeln der Apenninen.

Kerben der Gefangenen

An einem dieser Abende kam dann die Idee: "Ich dachte, dass das doch auch anderen Spaß machen müsste", strahlt er. Und genau so war es. Er begann klassisch mit "Bed and Breakfast", "einfach so, um mal zu sehen, wie das ankommt". Der Erfolg war überwältigend. "Ich war sofort ausgebucht", erzählt er. "Das hat total eingeschlagen."

Inzwischen ist der "Torre Prendiparte" bekannt für exklusive Cocktail-Partys in trauter Runde, mit klassischem Konzert und Gala-Dinner, falls gewünscht. Maximal zwölf Gäste finden Platz in den uralten Mauern. Übernachten können hier allerdings nur zwei bis vier Personen. Diniert wird entweder auf der Turmspitze oder im alten Gefängnis auf halber Höhe. Dort, wo noch die Kerben der ehemaligen Insassen zu sehen sind, die so die vorbeiziehenden Tage zählten. Es sind aber kaum mehr als 80 Kerben in einer Zählung zu sehen. "Früher war das einfach anders", erklärt der Turmherr. "Keiner hatte Lust, Gefangene ewig durchzufüttern, so wie heute." Was er meint, ist: Entweder man hat sie geköpft oder rausgeschmissen. Ganz pragmatisch.

Giovanardi legt übrigens Wert darauf, dass immer nur eine Gesellschaft pro Nacht im Turm logiert, ganz egal, wie klein sie ist. Nur ungestört, sagt er, lässt sich das herrschaftliche Flair dieses Ortes erfahren. Und manchmal ist die Gesellschaft ziemlich klein: "Eine Hochzeitsnacht in diesem Turm ist eines der exquisitesten Erlebnisse, die man sich vorstellen kann", schwärmt er. Und gerade die Bologneser selbst machen gerne Gebrauch davon. Wie überhaupt 85 Prozent von Giovanardis Kunden selbst aus Bologna stammen.

One-Man-Show des Türmers

Eigentlich ist es ja skurril: Wer kommt schon auf die Idee, in seiner eigenen Stadt in ein Hotel zu gehen? Giovanardi zuckt mit den Achseln. "Man kann das nur schwer erklären. Das hier ist einfach was anderes." Hinzu kommt, dass es im Torre Prendiparte äußerst menschlich zugeht. Es gibt nämlich keine Angestellten, kein Personal – es gibt nur Matteo Giovanardi. Eine One-Man-Show also: Abends im dunklen Anzug pflegt er den charmanten Small-Talk mit seinen Gästen, häufig Manager und Politiker – morgens flitzt er mit Gummihandschuhen durch den Turm und putzt die Toiletten.

Drei bis sieben Mal pro Tag nimmt Giovanardi die 350 Stufen bis an die Spitze. Und die haben es in sich: Steil wie eine Leiter und sehr schmal, windet sich die Treppe, mal aus Stahl, mal aus Holz, scheinbar endlos nach oben. Bis auf 65 Meter. Die Schinderei lohnt sich: Denn wer oben steht, im Blick die sinkende Sonne hinter der Kathedrale San Pietro auf der Via Indipendenza, ein Glas Sangiovese in der Rechten und den Turmschlüssel in der Linken, der darf sich eine Nacht lang fühlen, wie der Herzog von Bologna. Aber Vorsicht: Die Bologneser können Adlige nämlich auf den Tod nicht ausstehen.


Matteo Giovanardi
Via Sant’Alò 7
40125 Bologna BO
Tel. +39 (0)51 58 90 23
Fax +39 (0)51 58 90 23
Cell. +39 335 56 16 858
www.prendiparte.it
info@prendiparte.it

Eine B&B-Übernachtung im Doppelzimmer kostet 300 Euro, das Candlelight Dinner 150 Euro pro Person.



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