Valencia Zum Glück aufs Land

Von Anuschka Seifert

2. Teil: Viele Geschichten im Kopf



Ausgerechnet ein esoterischer Roman hat Ventura dazu angespitzt: "Eigentlich lese ich so etwas nicht, es war Zufall. Aber dieses Buch gab den Hinweis darauf, dass sich die jüdischen Viertel meistens in der Nähe der Kathedrale, innerhalb der damaligen Stadtmauern und sehr häufig in der Nähe des Dominikaner-Ordens befanden. Denn die Mönche halfen den Juden zu konvertieren, wenn sie den Wunsch dazu hatten.

Auf der Plaza Trinidad bleibt Ventura stehen und schaut ein paar Tänzerinnen hinterher. Lächelnden Mädchen in Trachten aus Seide und Damast, die mit kostbaren Steinen besetzt und mit Goldfäden durchwirkt sind. "Sie wollen alle Königin werden. Die Auserwählte wird dann beim valencianischen Frühlingsfest, den fallas, unsere Stadt repräsentieren – und vielleicht auch noch Königin von Valencia werden."

Ventura schaut hoch zur Burg über der Stadt, dreht sich um und lässt seinen Blick über das weite Hinterland von Játiva schweifen. Grün, blau, grau ragen das Mariola-Gebirge und die Sierra de Aitana am Horizont auf. Wie verwunschen liegen die Gipfel da. Augusti Ventura, der gesprächige Archivar, ergriffen von der Schönheit seiner Heimat, die er so gut kennt, wird auf einmal ganz still.

Alpine Oase direkt am Mittelmeer

Pepito Zacares kennt jeden Pfad und jede Weide der Serra d’Aitana. Die Einsamkeit der Berge hat sein Leben geprägt. Er ist der letzte Hirte in den Bergen. "Ich habe die Serra d’Aitana nie verlassen", sagt der 62-Jährige, während er einem seiner Lämmer die Flasche gibt. Zwar geht Pepito jetzt häufiger runter ins Dorf nach Sella. Aber es gab Zeiten, da sah er manchmal drei Monate lang keinen einzigen Menschen.

Er schaut in die Ferne. "Ich wollte nicht in die Stadt. Ich kann zwar weder schreiben noch lesen, aber ich habe viele Gedichte geschrieben. Im Kopf." Pepito wird fast ein bisschen rot, er sei halt sehr romantisch, und es habe ihm schon weh getan, dass alle über ihn spotteten, vor allem die Frauen, dass er da wie ein Eremit in den Bergen hause. Dennoch: "Wenn ich mich noch einmal entscheiden müsste, ich würde es wieder so machen."

Heute bekommt Pepito häufiger Besuch. Vom Bergführer Jeroni Garcimartín zum Beispiel, der hier jedes Wochenende unterwegs ist. "Wenn ich keine Gruppe habe, dann suche ich nach neuen Wegen und markiere sie." Jeroni setzt seinen Rucksack ab und erfrischt sich mit einem Schluck Wasser. Für Pepito sind die Berge hier oben, von denen man an klaren Tagen bis zu den Hoteltürmen von Benidorm schauen kann, sein Zuhause. Für Jeroni ist die Sierra de Aitana auch eine alpine Oase direkt am Mittelmeer. "Hier wachsen der granatrote Ahorn und die europäische Eibe. Der langstielige Steinbrech da", Jeroni zeigt auf eine rosettenförmige Pflanze, "der blüht nur alle sechs oder sieben Jahre. So schön, dass er zu Recht den Namen Königssteinbrech trägt."

Pepito pfeift seine kleine Herde zusammen: "Es sind nur noch 17 Schafe und Ziegen, ich hatte mal 120. Das kommt eben davon, dass man alt wird", sagt er lächelnd. Dann hebt er die Hand kurz zum Gruß und steigt quer die Kalksteinwände hoch. Jeroni läuft über einen schmalen Pfad runter in Richtung Dorf. Erst auf dem Felsvorsprung Penya L’Endeví sieht man am Fuße der Steilwand die Häuser von Sella unten am Fluss.

Die Geschichte vom Schwarzseher

Vicente Pico steht auf dem Felsen. Der Bauer aus Sella trägt ein breites Lächeln auf dem Gesicht und einen Stock in der Hand. Die beiden Männer setzen sich und schauen versonnen über das Tal. Jeroni entdeckt zwei Habichtsadler, die weite Kreise über die gezackte Bergkette ziehen. Irgendwann fragt Vicente: "Kennst du eigentlich die Geschichte vom L’Endeví, dem Schwarzseher, nach dem der Felsen hier benannt ist?"

Jeroni schüttelt den Kopf. "Der reiche und weise Kabú Rashim aus Sella, den sie Schwarzseher nannten, kam oft hierher, um die Sterne zu beobachten. Als er eines Tages der Ketzerei beschuldigt wurde, musste er fliehen. Der alte Ginés fand im Haus des Flüchtigen eine Karte, die den Weg zu einem verborgenen Schatz wies. Nachdem der Schnee getaut war, ging er in die Berge und entdeckte die Schatztruhe. Vor lauter Habgier aber stürzte Ginés samt Truhe die Steilwand herab. Da kam ein starker Wind und fegte das Gold davon." Vicente macht eine Pause, dann sagt er: "Also ich habe die Reste der Schatztruhe hier oben noch gesehen."

"Bist du dir sicher?", erwidert Jeroni schmunzelnd. "Das ist bestimmt 400 Jahre her." Vicente denkt nach. "Ist das wirklich schon so lange her? Warum kennen aber dann die marokkanischen Immigranten diese Geschichte?" Legenden wie die von Kabú Rashim sterben nicht, sie werden bei Christen wie Muslimen von einer Generation zur nächsten weitergegeben.

Die beiden Männer laufen zwischen Wacholdergebüsch, Steineichen und über Bergwiesen hinunter nach Sella, das sich mit seinen geweißten Häusern an den Fuß des Gebirges schmiegt.

"Mein Vater war Abenteurer und Müller"

Amable Gracía lebt unten am Fluss in einer 900 Jahre alten Wassermühle, die schon seit Urzeiten seiner Familie gehört. Nach dem Spanischen Bürgerkrieg und während der Franco-Diktatur mahlte Amable Gracía hier mit seinem Vater täglich bis zu tausend Kilo Getreide. "Einst gab es hier in den Bergen 21 Wassermühlen", erzählt Amable, der heute über 60 Jahre alt ist.

"Die Leute kamen aus den Bergdörfern herunter, aus Alcoy, Benilloba, Benimantell, und auch von der Küste hoch aus Villajoyosa. Sie liefen vier, fünf Stunden, manchmal einen ganzen Tag bis zu uns. Damals unter Franco war das Getreide rationiert. Die Leute hatten Hunger, stritten sich oft bis aufs Blut um eine Handvoll Mehl. Jeder klaute, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst die Seile, mit denen die Mehlsäcke transportiert wurden. Aber man darf nicht vergessen, dass das zu einer Zeit war, als die Hälfte der Kinder hier im Tal starben."

Ende der sechziger Jahre drehte sich das Mahlwerk zum letzten Mal. "Mein Vater war damals schon über 80, und ich bummelte durch die Welt", erinnert sich Amable. Nach 21 Jahren kam er zurück und begann, die Mühle zu restaurieren, die so romantisch zwischen Mandel-, Orangen- und Mispelbäumen am Fluss liegt. Ganz allein. "Heute ist sie die einzige originalgetreue Wassermühle der Region, die nicht kaputtrestauriert wurde", sagt er stolz.

Für Amable, der in Paris und London gelebt hat, war die Rückkehr nach Sella schwierig, doch mittlerweile hat er Gefallen gefunden an der Einsamkeit, beobachtet gern, wie morgens der Eisvogel über die Steine hüpft. "Ich war es meinem Vater schuldig", sagt er. "Mein Großvater war Hirte, Philosoph und Musiker, mein Vater Abenteurer und Müller. Ich spiele Gitarre und lese Krishnamurtis Lehren von der geistigen Freiheit. Die Mühle ist fast fertig. Mir fehlen nur noch Turbinen, dann kann ich hier Korn mahlen. Dann bin ich auch wieder Müller."



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