Valencia Zum Glück aufs Land

Die Großstadt ist nah - und doch eine andere Welt: Im einsamen Hinterland Valencias leben Menschen, die ihre Heimat lieben. Sie streiten leidenschaftlich für ihren Erhalt und erzählen stolz von ihr - wie der dichtende Hirte Pepito oder der vielgereiste Müller Amable.

Von Anuschka Seifert


Miquel Martí schließt die Holztür zur Casa Sulema am Hafen von Catarroja auf, wie jeden Samstag Punkt elf Uhr. Das geweißte Steinhaus hatte sein Urgroßvater Vicent 1881 bauen lassen. Bei ihm und seiner Frau bekamen Fremde damals immer eine Paella oder all i pebre, Aal in Mandel-Paprikasauce. Und natürlich Rotwein. Hier ließen sich Kartoffeln gegen Reis tauschen oder Gewehre und Lockenten für die Jagd ausleihen.

Die Casa Sulema war die letzte Station, bevor man auf der 21.000 Hektar großen Süßwasserlagune Albufera auf die Jagd ging oder sich mit dem Boot ins Fischerdorf El Palmar genau auf der anderen Seite übersetzen ließ. "Das waren damals richtige Expeditionen. Die Albufera war unzugänglich und malariaverseucht", sagt Miquel.

Das Haus seines Urgroßvaters mit Innenhof, Steinfußboden und Keramikkacheln an der Wand beherbergt heute das Privatmuseum der Familie Martí. Der 30-jährige Miquel erklärt am Wochenende Besuchern die Entstehungsgeschichte der Lagune, zeigt versteinerte Meerestiere und andere Funde, die er aus dem Schlamm der Albufera geholt hat. Die Lagune bildete sich im Laufe von zwei Millionen Jahren zwischen den Flüssen Turia und Júcar, die 30 Kilometer entfernt voneinander ins Mittelmeer fließen.

Die Sedimente, die beide Flüsse aus den Bergen mitschleppten, wurden – einmal im Meer – von der Nord-Süd-Strömung erfasst. So kam die einen Kilometer breite Nehrung zustande. Sie trennt die Lagune vom Mittelmeer, das Süßwasser vom Salzwasser.

Al-buhayra, "kleines Meer", wurde sie von den Mauren genannt, die dort im 10. Jahrhundert zum ersten Mal Reis pflanzten, den sie einst aus China mitgebracht hatten. Im 18. Jahrhundert begann der erbitterte Kampf zwischen Bauern und Fischern: Die einen schütteten große Teile der Albufera mit Steinen und Erde zu, wollten durch Ackerbau dem Hunger entfliehen, die anderen aber weiterhin Aale, Valenciakärpflinge und Garnelen aus dem Wasser holen.

Alte Kähne mit Dreieckssegeln

Heute steht die Lagune unter Naturschutz, sie gehört zu den wichtigsten Feucht- und Vogelschutzgebieten Europas. Bis zu 90.000 Wildenten rasten hier auf ihrem Flug nach Afrika. An manchen Tagen kann man fast 250 Vogelarten beobachten. In der Ferne schreien Kiebitze. Dann plötzlich ertönt der Ruf einer Rohrweihe. Der Wind raschelt leise durchs Schilf. Sanft wiegen sich alte Kähne.

"Bis vor 50 Jahren wurde mit ihnen noch gefischt. Doch als die erste Straße über die Kanäle gebaut wurde, passten die Masten mit den großen Dreieckssegeln nicht mehr unter den Brücken hindurch, mit der Zeit wurden die Boote morsch und verfielen. Bis mein Vater sie mit Freunden restaurierte", sagt Miquel stolz.

Auf der Fahrt durch die Lagune Richtung El Palmar erzählt er die Geschichte von fünf Frauen, die 1998 vor Gericht das Recht erstritten, in der Lagune fischen zu dürfen. Das war zuvor nur den Männern erlaubt, und die waren empört vom Vorstoß der Frauen. Die Klägerinnen gewannen den Prozess – aber ihr Recht wagen sie bis heute nicht auszuüben.

Jahrhundertelang ernährte die Albufera nicht nur die einheimischen Fischer und Bauern, sondern auch die Stadt Valencia. Und der spanische König bekam von jedem Fang, von jeder Jagdbeute, von jedem Sack Reis den fünften Teil. "Heute ist in der Lagune nichts mehr, was man sich teilen könnte", sagt Miquel. "Die berühmten Aale, die hier in den Restaurants serviert werden, kommen aus Holland. Die Albufera ist in Gefahr." Wieso, das will er am liebsten auf dem Aussichtspunkt Muntanyeta dels Sants erklären.

Eine schmale Straße führt durch die smaragdfarbenen Reisfelder. Kuhreiher fliegen auf, danach zwei Graureiher, ein paar Kormorane. Die Muntanyeta dels Sants ragt als kleines Eiland aus dem flachen Wasser. Riesige Wolken in Regenbogenfarben türmen sich am Himmel und spiegeln sich im Wasser. Fern am Horizont leuchten die Hochhäuser von Valencia in der Abendsonne. Durch den Naturschutzpark fährt die Eisenbahn, Straßen und Hochspannungsleitungen durchschneiden ihn.

Bedrohtes kulturhistorisches Erbe

"Die Albufera wird von 3000 Industriebetrieben umstellt. Mehr als 60.000 Häuser und zwölf Golfplätze sollen an den Ufern noch gebaut werden", klagt Miquel. Er weiß nicht, ob sein "kleines Meer" das übersteht. Und die Casa Sulema, das Haus seines Urgroßvaters? "Die soll auch verschwinden", sagt Miquel, aber sein Lächeln ist kämpferisch. Er streitet mit Leidenschaft für das kulturhistorische Erbe seines Landes, hat schon Reste einer römischen Siedlung davor bewahrt, bei Bauarbeiten für eine Bahnstraße untergegraben zu werden und – er hat Verbündete, Menschen, die ihre Heimat ebenso lieben wie er.

Augustí Ventura ist einer von ihnen. "Die alten Steine erzählen mir tausend Geschichten", sagt der Archivar aus Játiva, der Stadt, die einst die zweitwichtigste der Provinz Valencia war. Heute ist der Ort ein Kleinod mit mittelalterlichen Türmen und Toren, einer gut erhaltenen Stadtmauer und einer iberisch-römischen Burg hoch über der Stadt. "Gehen Sie in das Museum L’Almodí", sagt Ventura, "dort finden Sie das einzige Marmorbecken der Welt, in das maurische Künstler menschliche Figuren gemeißelt haben, was der Koran ja strikt verbietet."

In Játiva, erzählt der Professor für Latein, schöpften die Mauren das erste Papier auf europäischem Boden, und hier wurden gleich zwei Päpste, Kalixt III. und Alexander VI. aus dem Hause Borgia, geboren. "Und wissen Sie", fragt Ventura geheimnisvoll, "warum ein Gemälde, das König Philipp V. zeigt, im Museum auf dem Kopf hängt? Aus Rache! Denn der hat den Ort nach seinem Sieg in der Schlacht von Almansa komplett niederbrennen lassen. Das war vor 300 Jahren."

Spanien: Klicken Sie auf die Karte und Sie finden Valencia.
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Ventura hat bei seiner Arbeit bis heute darunter zu leiden. Er muss bis nach Valencia fahren, manchmal sogar bis nach Barcelona oder Madrid, um dort mühselig die Vergangenheit Játivas zu recherchieren. Seine jüngste Entdeckung ist der Call, das jüdische Viertel der Stadt. "Leider kann man kaum etwas sehen, aber ich bin zumindest dabei, die Häuser zu klassifizieren, denn die unter den katholischen Königen zum Christentum konvertierten Juden hatten natürlich kein Interesse, Spuren zu hinterlassen."



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