Venedig Karneval der Käuze

Trash-Künstlerin Mancini verkauft Kimonos im Mäusedesign, während Glasbläser Amadi hauchzarte Schmetterlinge und Einhörner zaubert - die Autorin Swantje Strieder hat sich in den Handwerk-Ateliers von Venedig umgeschaut. Sechs schräge Vögel im Porträt.


Fiorella Mancini: Busen-Dogen stehen Modell

Das Haus ist schief und der Laden schräg. Techno dringt aus der Boutique Fiorella am Campo Santo Stefano. Ein paar herbe Männerfiguren mit den Köpfen edler Dogen und den Körpern spindeldürrer Damen stehen im Schaufenster Modell. Die flotten Fetzen, mit denen die Mannequins behängt sind, entwarf Fiorella Mancini.

Seit den frühen Achtzigern ist die Pop-, Love- und Trash-Künstlerin, die hier das Sagen hat, eine einzigartige Provokateurin in der Serenissima. Ihre Boutique wirkt aufrüttelnd wie eine Geisterbahn. Was soll etwa ein Spitzen-Bustier, das dicht an dicht mit hässlichen abgebrannten Streichhölzern beklebt ist? Hat sie als tragbares Mahnmal kreiert, als Venedigs Stolz, das Gran Teatro La Fenice, von Brandstiftern in Asche gelegt worden war.

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Venedigs Handwerker: Sechs schräge Vögel

An der Wand steht ein Model im Samtkleid - mit einem echten Klo am Po, furioser Fiorella-Auftritt bei einer Demo für mehr öffentliche Toiletten in der Lagunenstadt. Der zierliche Kaffeetisch mit den eklig fetten Gummiratten? "Haben Sie mal die Kehrseite der Stadt erlebt, sommerlich stinkende Kanäle ohne Kanalisation gerochen?", fragt die Mutter aller Provokationen, die stil- und altersmäßig irgendwo zwischen Madonna und Mick Jagger liegt.

Und das augenzwinkernde Jesuskind mit Dollarnoten in der Pupille? "Der Kommerz zum Heiligen Jahr 2000 ...", sagt Fiorella, bevor sie sich mit einem "ciao belli" neuen Kunden, einem älteren amerikanischen Ehepaar, zuwendet: Die Frau sieht aus wie Nancy Reagan, er wie Donald Rumsfeld. Er lässt den Cowboyhut auf, als die Chefin ihm einen eleganten lila Männerkimono mit Mäusedesign überstreift. Hot!

Der rote Samtblazer mit den Kampfhähnen drauf steht ihm sogar noch besser. Cool! Schon will Donald die Kreditkarte zücken, da hat Nancy die Totenkopfgläser im Schaufenster entdeckt. Entsetzt scheucht sie ihren Donald aus dem gottlosen Laden. Fiorella kennt das. "Die wollen nur den üblichen Venedig-Kitsch."

Fiorella Gallery
San Marco 2806, Campo S. Stefano
Tel. 04 15 20 92 28

Bruno Amadi: Glasmenagerie

Der Gasbrenner zischt und spuckt wie ein Drache, doch Meister Bruno sitzt gelassen an seiner Werkbank, als sei er dort festgewachsen. "Mögen Sie Fische und Meeresgetier?", fragt der grauhaarige Glasbläser freundlich. "Ich mache nämlich aus Glas alles, was in der Lagune so krabbelt und schwimmt." Ohne den glühenden Glaskolben in der Linken abzulegen, zeigt er auf die Muscheln, Krebse, Seeanemonen, Korallen und Fische, die seinen kleinen Laden in der Calle Saoneri im Sestiere San Polo bevölkern. Fangfrisch und natürlich sehen sie aus, nur nach Meer und Lagune riechen sie nicht.

Bruno Amadi wendet den graugrünen Glasstab so lange im Feuer, bis die Spitze wie ein Klumpen türkischer Honig zusammenschmilzt. Mit der Rechten traktiert er die zähflüssige Masse blitzschnell mit Pinzette, Meißel und altmodischer Schere, bis vor meinen Augen eine Art Kaulquappe entsteht, die zum Kugelfisch und dann zur glänzenden Flunder mit filigranen Flossen mutiert. Aus dem bunten Glasabfall auf dem Werktisch pickt der Meister ein bisschen Rot und Schwarz für die Rückenpunkte, plättet dem Fisch das Maul - und fertig ist die Flunder.

"Seit über 35 Jahren schaffe ich mir meine Kreaturen", sagt Amadi, "es liegt bei mir wohl in den Genen". Schließlich stamme er von der Insel Murano, wo schon sein Vater und alle vier Brüder Glasbläser waren. Die haben inzwischen andere Berufe, "nur ich kann nicht aufhören, ich habe schon die halbe Arche Noah fertig; es ist wie eine Sucht." Zum Schluss gibt mir der Meister seine hauchzarten Lieblinge, bläuliche Schmetterlinge, hochbeinige Spinnen, grünglänzende Skarabäuskäfer und kobaltblaue Einhörner auf die Hand. Kleine Kostbarkeiten, von Sammlern international begehrt. "Keine Angst", beruhigt er, "die Fühler und Beinchen brechen schon nicht ab. Die überstehen sogar den Transport mit der italienischen Post!"

Bruno Amadi, San Polo 2747
Calle dei Saoneri, Tel. 041 523 80 89
So und im Sommer Sa Nachmittag geschlossen

Venezia Viva: Die alten Wilden

In ihrem Atelier möchte man gerne Maus sein, gesellig und nachtaktiv. Es gibt dort viele großartige bunte Drucke und genügend dunkle Ecken, es riecht nach Farbe, Keksen und Spaghetti alla carbonara. Es gibt fließend kalt Wasser und einen Uralt-Gasofen. Und man findet genug Pinselhaare, Filz und Schnipsel, um sich ein Mäusenest zu bauen. Nicola Sene und Silvano Gosparini sind Herz und Seele der Künstlergruppe "Venezia Viva", die sich Anfang der siebziger Jahre als linke Gegenkultur etablierte.

"Wir sind noch wahre Anarchisten", sagt der grauhaarige, gebeugt gehende Silvano und guckt dabei schelmisch über seine Lesebrille. "Wir leben ohne Trauschein und lehnen Eigentum ab", unterstützt ihn seine Gefährtin Nicola, eine imponierende rothaarige Endfünfzigerin, die hier alle nur Lili nennen, "die freie Kooperative ist unsere ideale Lebensform." Auch noch im Rentenalter? Seit vierzig Jahren befruchtet die Gruppe das Kulturleben der Lagune, ohne sich je vereinnahmen zu lassen. Sie haben die Holzdrucktechnik zu neuem Leben erweckt und viele junge Künstler auf den Markt gebracht, dem sie sich selber verweigern.

Nur einmal, 2001, haben sie bei der Biennale mitgemacht und mit über 60 befreundeten Künstlern aus aller Welt das "Spiel des Fisches" kreiert, ein Art Monopoly mit Holzdrucken auf dem fischähnlichen Grundriss der Lagunenstadt. Das Spiel war ein großer Erfolg, nur die Künstler sind immer noch arm wie Kirchenmäuse. Aus Prinzip.

Galleria Venezia Viva
San Marco 3579
Campo Sant'Angelo
Tel. 04 15 22 18 25
veneziaviva@libero.it

Giovanna Zanella: Gut zu Füßen

Sie hockt mit ihrer schweren Lederschürze auf einem kleinen Schemel, quicklebendiges Inventar in ihrer bunten Boutique; eine junge Frau mit schwarzem, wie Schusterpech glänzendem Haar, die alles synchron beherrscht. Sie hämmert, nagelt, schneidet, bohrt Löchlein und verklebt die Sohlen. Sie lacht, zieht Grimassen, streicht über ihre fein geschwungene Nase und dann wieder über das türkisfarbene Ziegenleder in ihrem Schoß, während sie erzählt. Wie in 70 Tagen aus den zarten Lederflecken hochhackige meergrüne Pumps werden, zum Davonsegeln schön.

70 Tage für ein Paar hippe Maßschuhe? "Nein, so lange dauert das natürlich nicht", sagt Giovanna Zanella verschmitzt, "aber die vielen Kundinnen rennen mir die Boutique ein." Wer also bei der 39-jährigen Venezianerin seine Märchenschuhe ab 380 Euro aufwärts bestellt, muss in die Warteschleife, ob Donna Leon, Emma Thompson ("die hab ich erst hinterher an der Unterschrift erkannt") oder Signora Rossi von nebenan. "Ich hab nämlich keinen Fernseher", sagt sie. "Promis erkenn' ich gar nicht, sie sind mir auch herzlich egal."

Seit zehn Jahren ist Giovanna Schuhmacherin, das heißt, acht glückliche Lehrjahre verbrachte die junge Frau, die früher Hüte, Accessoires und Kleider machte, bei Maestro Rolando Segalin, Venedigs großem alten Edelschuhmacher. Auch bei Giovanna schmückt ein Paar echte Segalins das Schaufenster: schwarz glänzende Gondeln als Pumps, Kabinettstückchen, zum Gehen viel zu schade. Daneben stehen die bunten, federleichten Alltagskreationen der Lieblingsschülerin des Meisters.

"Meine Schuhe sind wie ich", sagt Giovanna und schüttelt sich Lederreste von der Schürze. Frech und fröhlich wie der hellgrüne Trotteur, den sie "Sorriso", Lächeln, nennt - wegen seines breit grinsenden Mauls aus aufgenähtem Leder.

Giovanna Zanella
Castello 5641, Calle Carminati
Tel./Fax 04 15 23 55 00
giovannazanella@yahoo.it



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