Protest gegen das erste Kreuzfahrtschiff nach dem Lockdown: »Von dem Geld, das durch die Kreuzfahrtschiffe verdient wird, leben viele Familien«
Protest gegen das erste Kreuzfahrtschiff nach dem Lockdown: »Von dem Geld, das durch die Kreuzfahrtschiffe verdient wird, leben viele Familien«
Foto: Marco Sabadin / AFP

Venedigs Neustart nach der Pandemie »Die Stille hat mir Angst gemacht«

Das erste Kreuzfahrtschiff seit 17 Monaten hat in Venedig angelegt – Prominente wie Mick Jagger protestieren. Hier sagt die Stadtführerin Susanne Kunz-Saponaro, was sie davon hält.
Ein Interview von Thomas Schmoll

SPIEGEL: Frau Kunz-Saponaro, Sie sind Stadtführerin in Venedig. Wie hat sich die Pandemie auf Ihr Geschäft ausgewirkt?

Susanne Kunz-Saponaro: Die Coronakrise stellt für mich natürlich einen eklatanten Einschnitt dar, weil der Tourismus und damit mein Geschäft komplett weggebrochen war. Es war umso härter, weil wir schon 2019 das Hochwasser hatten, das die Tourismusbranche nachhaltig traf. Aber das war zeitlich überschaubar. Die Pandemie jedoch hat Ausmaße und Auswirkungen, die bisher unvorstellbar waren.

SPIEGEL: Und wie ist es jetzt?

Kunz-Saponaro: Der Tourismus – und damit meine Aufträge – ziehen wieder ein bisschen an. Es sind wieder mehr Menschen in Venedig zu sehen. Als ich nach vielen Monaten mal wieder einer Reisegruppe begegnete, war ich regelrecht verblüfft. Ansonsten kommen zurzeit nur Individualreisende. Regelmäßige Venedig-Besucher sagen mir erstaunt: »Hier ist ja nichts los.« Aber ich empfinde die Stadt nach der Pandemie schon wieder als richtig voll. In der Zeit des Lockdowns war hier niemand.

SPIEGEL: Wie hat das auf Sie gewirkt?

Kunz-Saponaro: Die Stadt menschenleer zu erleben, ganz allein zwischen all den Kunstwerken zu wandeln – das hatte schon was. Ich selbst lebe in einer Straße mit nur noch fünf anderen bewohnten Häusern. Der Rest sind Hotels und Restaurants. Das bedeutete absolute Stille. Das war einerseits wunderschön, andererseits hat es mir auch Angst gemacht. Wenn wir draußen unterwegs waren, wurden wir ständig kontrolliert, überall war Polizei. Jetzt wünsche ich mir, sie wäre noch so stark präsent. Immer wieder sehe ich Fahrräder in den Straßen, neulich sogar einen Elektroroller. Eigentlich ist selbst das Schieben von Fahrrädern in Venedig verboten.

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Venedig nach dem Lockdown: Die Straßen füllen sich

Foto: ANDREA PATTARO / AFP

SPIEGEL: Wie haben Sie sich in der Zeit ohne Stadtführungen finanziert?

Kunz-Saponaro: Ich lebe mit meiner Familie seit 2004 in Venedig. Die Situation war dramatisch. Wir deutschsprachigen Stadtführer sind ein bisschen dadurch gerettet worden, dass zwischen Juni und Oktober Touristen aus der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich kamen. Keine Franzosen, Engländer, Osteuropäer, US-Amerikaner oder Asiaten, aber sehr viele Deutsche, von denen manch einer sagte: »Ich wollte nie nach Venedig, aber das ist eine einmalige Chance.« Im Herbst brach wieder alles in sich zusammen. Immerhin durfte ich ab Februar Führungen per Livestream machen.

SPIEGEL: Oh, das klingt spannend. Heißt das, Sie waren ganz allein im Dogenpalast?

Kunz-Saponaro: Ja, das war aufregend. Alles ist geschlossen, aber dann – Simsalabim – öffnet sich die Tür nur für mich, und ich wandle ganz allein durch das berühmteste Bauwerk Venedigs. Das Konzept ist aus der Corona-Not geboren. Ich werde die Livestream-Führungen aber auch nach dem Ende der Pandemie anbieten. Sie ermöglichen es, Menschen, die nicht reisen wollen oder können, Orte und Ausstellungen zu zeigen. Die Einnahmen haben mich über die Runden gebracht. Es wäre noch besser gewesen, wenn die Stadt nicht Monate – ich hatte 2020 erstmals angefragt – für die Genehmigung der Touren benötigt hätte. Nichtsdestotrotz freuen wir uns natürlich auf die Zeit, wenn der Tourismus wieder richtig losgeht. Selbst die Gondolieri verdienen zurzeit kaum Geld.

»Dreiviertel der Gäste lassen kaum Geld in der Stadt und verursachen Kosten, die für die Kommune höher sind als die Einnahmen.«

SPIEGEL: Obwohl der Tourismus wieder losgeht? Eine Gondelfahrt gehört doch für viele zum Venedig-Besuch.

Kunz-Saponaro: Ja, für viele Tagestouristen lautet das Programm: Markusdom, Dogenpalast und Gondelfahrt, vielleicht noch der Kauf von Murano-Glas. Doch zurzeit kommen vor allem Italiener, die schon mal hier waren oder für die eine Fahrt in der Gondel viel weniger interessant ist als für Amerikaner oder Asiaten, die damit Romantik und »typisch Venedig« verbinden. Allerdings denke ich: Wenn jemand die Zeit gut überstanden hat, sind es die Gondolieri, die in den Jahrzehnten vor der Pandemie extrem gut verdient haben und in Venedig eine Macht sind. Ihnen hat die Stadt nun sogar das Recht eingeräumt, mit ihren Gondeln überall liegen und um Kunden werben zu dürfen und nicht nur an festgelegten Plätzen wie vorher. Das nervt.

SPIEGEL: Warum?

Kunz-Saponaro: Weil die Gondolieri nun überall die Kanäle verstopfen, den normalen Schiffsverkehr für Lebensmittel oder Mülltransport blockieren und Anlegestellen für die Einwohner besetzen.

SPIEGEL: Kurz vor der Pandemie wollte Venedig eine Gebühr für Tagestouristen und -touristinnen erheben. Was wird jetzt aus dem Vorhaben?

Kunz-Saponaro: Nichts. Und ich fürchte: auch in Zukunft nichts. Die Debatte ist zum Erliegen gekommen, weil aktuell alle sehnsüchtig auf die Touristen warten. Die Regierung in Rom hatte den Plan ohnehin verboten, da auch Italiener betroffen wären, denen man nicht den Zutritt zu öffentlichem Raum untersagen wollte. Und der Tourismus macht fast 20 Prozent der italienischen Staatseinnahmen aus. Ich meine trotzdem, dass eine Gebühr von 25 Euro erhoben werden sollte, die allerdings den kostenlosen Besuch eines Museums einschließt. Denn die Kosten für die Instandhaltung Venedigs und das Müllproblem sind eklatant.

SPIEGEL: Besucher und Besucherinnen sind also Fluch und Segen Venedigs zugleich.

Kunz-Saponaro: Für mich sind sie vor allem Segen, auch ich brauche sie zum Geldverdienen. Aber wir müssen etwas tun. Vor dem Hochwasser und der Pandemie hatten wir im Schnitt 80.000 Gäste am Tag, von denen nur 20 bis 25 Prozent in Venedig übernachtet haben. Das heißt: Drei Viertel der Gäste lassen kaum Geld in der Stadt und verursachen Kosten, die für die Kommune höher sind als die Einnahmen. Selbst wenn nur die Hälfte aller Touristen eine Plastikflasche am Tag in den Müll schmeißt, müssen 40.000 davon auf das Festland transportiert werden. Das bezahlen alles wir Venezianer.

SPIEGEL: Am Samstag hat mit der »MSC Orchestra« erstmals nach 17 Monaten wieder ein Kreuzfahrtschiff von Venedig abgelegt. Nicht nur Einheimische vor Ort haben gegen die Wiederaufnahme der Kreuzschifffahrt protestiert, sondern auch Mick Jagger, Tilda Swinton und andere Prominente in einem offenen Brief. Was halten Sie davon?

Kunz-Saponaro: Die Debatte über ökologischen Tourismus auf die Kreuzfahrtschiffe zu reduzieren, halte ich für zu beschränkt. Das Thema ist sehr komplex. Ein Beispiel: Schaden nehmen die Fundamente der historischen Bauwerke auch durch kleine Boote, die viel zu schnell fahren, was aber zu selten kontrolliert wird. Am Sonntag verließ das erste Kreuzfahrtschiff Venedig nach der Pandemie – dagegen wurde protestiert. Über Demonstranten, die sich für den Erhalt der Kreuzfahrtschifffahrt nach Venedig stark machen, wird so gut wie nie berichtet.

SPIEGEL: Sie plädieren also für eine differenzierte Sichtweise.

Kunz-Saponaro: Am Referendum »No Grandi Navi« (»Keine großen Schiffe«) haben 2017 sechs Prozent der venezianischen Bevölkerung teilgenommen, was zeigt, wie wenige Einwohner der Stadt dahinterstehen. Daran wird sich kaum etwas ändern, auch wenn Mick Jagger, der übrigens nicht in Venedig wohnt, anders darüber denkt. Von dem Geld, das durch die Kreuzfahrtschiffe verdient wird, leben viele Familien: Wer unterstützt die? Mick Jagger? Wichtig wäre eine umweltfreundliche Lösung, die auch den Venezianern zuträglich ist. Gut wäre schon, wenn der Hafen von Venedig eine »saubere« Elektroversorgung zur Verfügung stellen würde.

SPIEGEL: Was hat Venedig aus der Pandemie gelernt?

Kunz-Saponaro: Nichts, fürchte ich. Die Stadt hat die Monate der Pandemie ungenutzt gelassen, Ideen für die Zeit nach Covid oder gar ein Konzept für ökologischen Tourismus zu entwickeln. Das ist sehr schade. Die musealen Institutionen haben es nicht mal geschafft, ein Modell zu erarbeiten, wie man die Eintrittskarten für den Markusdom und den Dogenpalast verkauft, ohne Chaos anzurichten. Kein Besucher blickt da durch. Obwohl wenige Gäste da sind, bilden sich Schlangen. Was wird, wenn erst wieder mehr Leute kommen? Alles wird noch viel schlimmer, als es schon war.