Fotostrecke

Gare du Nord: Pariser Pendler im Streikchaos

Foto: Ian Langsdon/EPA-EFE/REX

Trotz Verkehrschaos in französischer Hauptstadt Pendler in Paris unterstützen den Streik

Ein Morgen im französischen Streikalltag: Fast alles steht still. Der riesige Pariser Nordbahnhof ist voller geduldiger Menschen, nur ein asiatischer Unternehmer sagt: "Ich bin fertig mit dieser Stadt."

Der Pariser Nordbahnhof ist einer der größten Bahnhöfe der Welt. 700.000 Fahrgäste benutzen ihn täglich. Doch nicht an diesem Montag. Die Bahnpolizei hat rot-weiße Absperrbänder vor die Treppen zu den unteren Gleisen gezogen, davor stauen sich die Menschen in der Bahnhofshalle.

"Ich versuche die Ruhe zu bewahren, ich habe keine andere Wahl", sagt die 59-jährige Büroangestellte Dominique mitten im Pulk, sie ist wie immer am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit. Heute ist sie schon um 8 Uhr im Nordbahnhof, früher als sonst. "Bis ich unten im Zug bin, dauert es noch zehn Minuten, dann gibt es lange Haltezeiten an jedem Bahnhof", erklärt Dominique. Sie rechnet damit, sich eine Stunde im Büro zu verspäten, nachdem sie eine Stunde früher aufgestanden ist als an normalen Tagen.

So geht es Millionen Franzosen seit nun schon zehn Tagen. So lange streiken Eisenbahnunternehmen und Pariser Verkehrsbetriebe schon - und ein Ende des Streiks ist auch über die Weihnachtsfeiertage nicht in Sicht.

Erst am Mittwoch wollen sich Gewerkschaften und Regierung zum ersten Mal gemeinsam an den Verhandlungstisch setzen, nachdem der Anlass der Streiks, die Rentenreform von Präsident Emmanuel Macron, erst vor ein paar Tagen im Detail von der Regierung bekannt gegeben wurde. Der Streik aber dauert schon viel länger.

Dominique steht zur Regierung. "Macron macht nur, was andere vor ihm versäumt haben", sagt sie. Sie könne ja verstehen, wenn Krankenschwestern oder Polizisten früher als andere in den Ruhestand gehen, aber die Lokführer? "Die drücken doch heute nur noch auf den Knopf und gehen dann mit 52 Jahren in Rente", flüstert sie dem Reporter ins Ohr. Um mehr zu sagen, hat sie keine Zeit. Denn die Eisenbahnpolizisten haben die Sperrbänder abgenommen, und die Menge strömt von der Halle auf die Gleise.

"Der Streik ist wichtiger als mein Weihnachtsurlaub"

In der riesigen Halle des Gare du Nord herrscht erstaunlich Ruhe, obwohl alles voller Menschen ist. Nur die Schreie des Gleispersonals sind zu hören: "Rücken Sie vor! Schneller! Die Türen schließen!" Doch niemand drängelt, niemand schubst, niemand schimpft.

"Ich bin ja nicht gegen den Streik. Er ist nur sehr ermüdend", sagt die 20-jährige Déborah, die seit Streikbeginn vier statt zwei Stunden am Tag pendelt. Ihr Arbeitgeber schenkt ihr nichts: "Sobald ich zu spät komme, wird mir die Zeit vom Urlaub abgezogen", sagt Déborah und klagt trotzdem nicht.

Andere nehmen die Last des Streiks billigend in Kauf. "Man muss sich anpassen. Ich bin für den Streik", erklärt die 24-jährige Lucille, die mit kleinem Reisekoffer auf dem Weg zum Flughafen ist.

Lucille findet, die Rentenform sei ein "scheinheiliges Monster". Macron wolle ihr einreden, Frauen werden begünstigt. Dabei würden sich ihre Renten auch in Zukunft am Gehalt orientieren, und jeder wisse doch: "Frauen verdienen weniger als Männer", sagt Lucille. Also macht es ihr nichts aus, zwei Stunden früher zum Flughafen zu fahren. Sie sagt sogar: "Der Streik ist wichtiger als mein Weihnachtsurlaub."

Denkt so auch die Mehrheit der Franzosen? Keiner weiß das, alle spekulieren: Was, wenn der Streik andauert und die Pariser über Weihnachten cool zu Hause bleiben, statt in die Alpen zu fahren? Haben dann die Gewerkschaften gewonnen? Was, wenn das große Verkehrschaos ausbricht und die Leute vor Ärger schäumen? Wäre das ein Sieg der Regierung?

"In Asien würde so etwas nie passieren"

Die Kanadierin Hezy, 33, weiß darauf ebenso wenig eine Antwort, wie die Franzosen. "Das ist eben Frankreich, wie wir es uns vorstellen", sagt sie am Bahngleis zum Flughafen, neben ihr auf der Bank vier Stücke Gepäck. Sechs Tage hat Hezy gerade auf Besuch in Paris verbracht. "Es war toll, weil wir alles zu Fuß gemacht haben. Die Stimmung war überhaupt nicht aggressiv", erzählt sie. Dann kommt ihr Reisebegleiter dazu und sagt: "Die sechs Tage waren schrecklich. Nichts hat funktioniert." Hezy lächelt.

Mitten in der Bahnhofshalle steht der Jungunternehmer Ben, 40, mit noch mehr Gepäck als Hezy. Er kommt von der indonesischen Insel Bali, wo er einen kleinen Touristikbetrieb führt. "Wie sollen wir nur ins Hotel kommen?" fragt er sich, denn der Zug vom Flughafen fährt nur bis zum Nordbahnhof und nicht weiter wie üblich in die Stadt. U-Bahnen fahren gar nicht. "Taxis gibt es kaum, und die Fahrer nehmen Aufschläge", sorgt sich Ben.

Er kann sich die Welt jetzt klar einteilen: "In Asien würde so etwas nie passieren. Warum machen sie das in Frankreich? Warum tun sie den Leuten so weh?" fragt Ben. Er und seine Begleiterin haben schon 24 Stunden Flug hinter sich. Sie schaut ihn müde an. "Ich werde nie wieder nach Paris kommen. Ich bin fertig mit Paris", sagt Ben, als müsse er klarstellen, dass er ihr eine zweite Reise wie diese nicht noch mal zumuten werde.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.