Walschreier am Kap Da bläst er!

Wenn dumpfe Hornsignale durch Hermanus schallen, dann strömen die Touristen zu den Klippen: Der Walschreier des kleinen südafrikanischen Orts hat Glattwale gesehen - und sein Kelphorn geblasen. Die riesigen Säuger tummeln sich nur wenige Meter vor der Küste.

Von Karl-Ludwig Günsche


Langsam wird es ruhiger in Hermanus. Das jährliche Wal-Festival mit seinen rund 60.000 Besuchern ist vorüber. Doch es sind immer noch genug Touristen, die durch das kleine Küstenstädtchen, rund 100 Kilometer von Kapstadt entfernt, schlendern, in einem der zahlreichen Restaurants ihren Cappuccino trinken, in den Andenkenläden nach einem Souvenir suchen oder hoffen, auf einem Flohmarkt ein Schnäppchen machen zu können.

Doch mit der urlaubsmäßigen Ruhe ist es jedesmal wieder vorbei, wenn dumpfe Töne aus dem Kelphorn von Zolile Badeni ertönen und die Besucher aus nah und fern elektrisieren. Denn das ist das Zeichen, dass die Wale da sind. Dann strömen die Touristen aus allen Ecken des Städtchens an die Küste, um die grauen Riesen zu beobachten.

Zolile Badeni ist der einzige "Walschreier" der Welt. "Touristenrufer" müsste er eigentlich heißen, sagt der Schriftsteller Zakes Mda spöttisch. Der berühmte südafrikanische Autor hat eine humorvolle Dreiecksgeschichte über den "Walrufer", das Glattwalweibchen "Sharisha" und die etwas leichtsinnige Dorfschöne Saluni geschrieben. Natürlich spielt sein Roman in Hermanus, der Stadt der Wale und der Geschichten über Menschen und Wale.

"Ich könnte auch den ganzen Tag lang Geschichten erzählen, immer wieder neue," sagt auch Zolile Badeni – und dabei fangen seine Augen an zu strahlen. Erst lächelt er ein wenig zögernd. Dann bilden sich Lachfältchen an seinen Augenwinkeln. Und plötzlich schüttelt es den ganzen Mann vor Lachen, vor Fröhlichkeit, ja vor sichtbarer Freude am Leben.

Vom Stamm der geborenen Geschichtenerzähler

Zolile Badeni stammt aus einem kleinen Dorf nahe der südafrikanischen Hafenstadt Port Elizabeth. Er ist Xhosa, genauer gesagt gehört er zu dem kleinen Stamm der Bhukula, die als geborene Geschichtenerzähler gelten, die abends am Feuer sitzen, die alten Mythen ihres Stammes weitertragen und die Neuigkeiten des Tages erörtern. Oft genug saß Zolile Badeni bei ihnen am Feuer. Seit drei Jahren hat er das Geschichtenerzählen nun zu seinem Beruf gemacht, als Walschreier von Hermanus und – wie er stolz erzählt - " meist fotografierter Mensch in der Stadt".

Sein Tag beginnt früh am Morgen, lange bevor die Touristen die Uferpromenade und die schmalen Pfade an den Klippen des ehemaligen Fischer- und Walfangdorfes Hermanus bevölkern, das im vergangenen Jahrhundert zum traditionellen Alters- und Feriensitz wohlhabender Kapstädter wurde. Dann späht er aufs Meer, um die Wale zu orten. Glattwale der Art Südkaper sind es, die in die Walker Bay von Hermanus kommen, fast 200 tummeln sich Jahr für Jahr in der weiten Bucht. Zolile Badeni kennt sie und ihr Verhalten inzwischen so gut, dass er präzise Vorhersagen wagt, wohin sie an jedem Tag schwimmen, wo sie sich paaren, im Wasser spielen, sich aufbäumen und mit ihrem Tonnengewicht wieder in die Wellen klatschen.

Bevor er aufbricht, hängt er sich sein Kelphorn um. Das Instrument hat sein Freund Brian Alkatel kunstvoll aus den Riesenalgen gefertigt, die vor der Küste wachsen. Und dann zieht Badeni durch die Straßen von Hermanus und informiert die Touristen mit seinen Hornsignalen, wo sie die Wale am besten beobachten können. Ein langer und ein kurzer Ton heißt, dass die grauen Ungetüme sich an den neuen Hafen verzogen haben. Drei kurze Hornstöße bedeuten: Schnell zum Roman Rock, nahe am Stadtzentrum. Für die, die das Morsealphabet des Walschreiers nicht kennen, hängt sich Zolile Badeni wie ein Sandwichman zwei Tafel um, auf denen die Bedeutung seiner Signale erklärt wird.

Dritte Walschreier in Hermanus' Geschichte

Immer wieder findet er bei seinem täglichen Weg durch die Stadt Zeit für ein Schwätzchen, für eine Geschichte, über die Wale, über Hermanus, den "Kreißsaal" oder die "Geburtsstube" der Wale und auch über sich selbst. Denn Walschreier ist der 43-Jährige erst in der dritten Saison. Vor fünf Jahren ist er vom Eastern Cape hierher ans Western Cape gezogen, weil er zu Hause keine Arbeit mehr fand. Er hat im Spielkasino in Kapstadt gearbeitet und bei der Supermarktkette Woolworth, hat Buchhaltung und Marketing gelernt.

Dann bekam seine Frau einen Job als Lehrerin in Hermanus. Also zog die kleine Familie mit der jetzt sechsjährigen Tochter Inga in die "Hauptstadt der Wale" - und Zolile Badeni bekam die Chance seines Lebens: Er wurde aus mehreren Bewerbern ausgewählt, zum Walschreier ernannt und ist jetzt offizieller Mitarbeiter des Touristenbüros. "Ich glaube, weil ich so gut erzählen kann", sagt er lachend und breitet die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umarmen.

Er ist der dritte Walschreier in der Geschichte von Hermanus: Der erste, Pieter Claasen, wurde 1992 von seinen Freunden noch liebevoll verspottet, weil er sich für die Touristen zum "Papagei" mache. Doch Claasen wurde bald zum Star und beim Stadtschreiertreffen 1996 im britischen Topsham zur Hauptattraktion. 1998 mußte er sein Amt aus Altersgründen aufgeben. Er starb wenig später. Sein Nachfolger Wilson Salukazana mußte 2005 aufhören, weil seine Knie nicht mehr mitmachten. Er gehört heute zu den geachteststen Persönlichkeiten der Stadt und fährt hin und wieder auf einem der Ausflugsboote noch mit Touristen hinaus zu den Walen.

Die Tradition Claasens und Salukazanas trägt nun Badeni weiter. "Ich bin stolz darauf," sagt er, plötzlich ganz ernst, " dass ich als Schwarzer diese Aufgabe erfüllen darf." Doch schon ist es wieder da, dieses unwiderstehliche Lächeln – und Badeni erzählt die nächste Geschichte, die von der Walkuh, die sich in der Bucht vor Hermanus mit sichtlicher Freude von über zehn Bullen umwerben ließ. "Doch als es ihr zu viel wurde, drehte sie sich einfach auf den Rücken, und die Kerle schwammen einer nach dem anderen enttäuscht und ernüchtert davon." Er lacht: "Manchmal haben diese Ungetüme schon etwas sehr Menschliches."



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