Wandern in Singapur Ein ganzes Land an einem Tag

Shoppingmalls und Wolkenkratzer - das ist Singapur. Weniger bekannt ist der Stadtstaat als Wanderziel. Dabei kann man im Grünen von Nord nach Süd spazieren. Eine Portion Ausdauer ist allerdings notwendig.

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Der Mountainbiker sieht mich mit großen Augen an. Wandern? In Singapur? "Darauf wäre ich nicht gekommen", sagt er und reibt ein wenig Matsch von seinem Rad. Er will an seinem freien Tag zum Chestnut Nature Park, einem Paradies für Mountainbiker. Mich zieht es in den Dschungel des Bukit-Timah-Naturreservats und dann weiter in den Süden. Einmal durch den 712 Quadratkilometer großen Stadtstaat.

Wer in Singapur haltmacht, ist meist nur für einen Stopover oder höchstens ein paar Tage vor Ort. Touristen sehen die berühmten drei Wolkenkratzer des Hotels Marina Bay Sands, die Einkaufsmeile Orchard Road. Und dann geht es meist auch schon weiter in den Dschungel Indonesiens oder zum Wandern ins malaysische Hochland. Dabei hat Singapur - auch "Asia light" genannt - all das auch zu bieten, in komprimierter Form.

Mehr als 400 Parks verzeichnet der Stadtstaat auf seiner Karte, darunter vier Naturreservate. Ein Verbundsystem, das Park Connector Network, will es Fußgängern und Radfahrern möglich machen, die rund 30 Kilometer Luftlinie von Nord nach Süd des Landes fast ganz im Grünen zurückzulegen.

Genau das ist mein Plan an diesem Tag.

Meine Wanderung beginnt morgens am Woodlands Waterfront Park im Norden der Inselrepublik. Der Taxifahrer verfährt sich zunächst, dann entschuldigt er sich: Hier oben hätte er noch nie jemanden hingebracht. Was ich denn hier wolle?

Zum Beispiel einen Blick auf die Johorstraße werfen, die Singapur von seiner malaysischen Schwesterstadt Johor Bahru trennt. Hier schwärmen morgens die Arbeiter und Angestellten aus Malaysia auf ihren Motorrädern ein. Jogger machen sich fit für den Tag, ein alter Mann dehnt sich ausgiebig auf der Parkbank neben mir, während ich mir ein schnelles Frühstück genehmige. Der Weg durch das Land ist flach, aber weit.

Das ganz persönliche Lieblingsgrün

Unterwegs treffe ich Inlineskater, Radfahrer und Bauarbeiter, nur keine Wanderer. Ein weiterer Mountainbiker berichtet mir vom legendären Woodcutter-Trail, der den eigentlich nicht zugänglichen Regenwald im Zentrum des Landes einmal von West nach Ost durchschneidet.

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Einmal durch Singapur wandern: Von Nord nach Süd

Ob er keine Angst vor einer Strafe habe, frage ich ihn. Er winkt ab: "Du kannst ja immer sagen, dass du dich verlaufen hast." Ich lache. Singapur ist für seine drakonischen Strafen bekannt. Das Wegschnippen einer Zigarette kann schnell 400 Euro kosten, Wiederholungstäter können bis zu 800 Euro zahlen. Das Land möchte aber langsam weg von seinem Image als "Fine City" (Straf-Stadt). Die Strafen dienen der Abschreckung, vollstreckt werden sie zumindest gegenüber Touristen nur noch sehr selten.

Bald sechs Millionen Menschen leben in dem Stadtstaat, der kleiner ist als die Stadt Hamburg. Die Regierung setzt den Hochhausschluchten deswegen Grün entgegen. Naherholung, aber auch Wassergewinnung ist das Ziel der vielen Parks. Von Gartenanlagen wie im Fort Canning Park über die entschleunigte Nebeninsel Pulau Ubin bis zum lagunenartigen Admiralty Park im Norden kann hier jeder sein ganz persönliches Lieblingsgrün finden.

Doch Singapur reicht das nicht. Noch Anfang 2019 soll ein neuer, 36 Kilometer langer Coast-to-Coast-Trail das Land einmal von Südwest nach Nordost erschließen. Derzeit renoviert wird der "grüne Korridor", eine stillgelegte Eisenbahnstecke, sie soll in wenigen Jahren auf 24 Kilometern eine durchgehende Parklandschaft bieten. Sie reicht von der malaysischen Grenze im Norden bis hinunter in das Finanzviertel, von wo es nur noch ein Katzensprung bis auf die Hügel der Southern Ridges ist.

Beim Park Connector Network wechseln sich Grün und Asphalt ab: Südlich des naturbelassenen Admiralty Parks folgt mein Weg mehrere Kilometer weit einer stark befahrenen Straße. Beim Mandai T15 Trail hingegen, der bald darauf neben dem Zoo am Zentralreservoir des Landes vorbei führt, geht es bereits kilometerweit durch Dschungel, noch verlängert vom angrenzenden Chestnut Nature Park und dem Bukit-Timah-Naturreservat.

Dieses erreiche ich gegen Mittag. In dem noch ursprünglichen Tropenwald herrschen Shorea-Bäume vor, Lianen hängen herab, die Luft ist stickig. Ein Makaken-Weibchen drückt sein Junges schützend an die Brust, als es mich kommen sieht.

Bloß keinen Umweg mehr

Später genehmige ich mir einem starken Mokka an einem indischen Straßenstand. Der kopi genannte Kaffee wird mit gezuckerter Kondensmilch gesüßt und ist der Energiedrink der tropischen Breiten. Eine Mahlzeit verlege ich auf abends. Für wenige Dollar gibt es in den Coffee Shops das vielleicht beste Essen Südostasiens - etwa Laksa, Roti Prata, Nasi Lemak oder Salted Egg Chicken.

Weiter südlich vor einer Brücke komme ich an einer Baustelle zum Stehen, wo eigentlich ein Bürgersteig sein sollte. Langsam schwinden meine Kräfte. Jetzt bloß keinen Umweg laufen. Ein hilfsbereiter Fußgänger fragt, wohin ich möchte. Nein, der Bürgersteig sei leider noch nicht fertig, täte ihm leid. Als er mich seufzen hört, sagt er: "Aber wissen Sie. Es gibt den einen oder anderen, der die Brücke einfach über den Steg in der Mitte der Straße überquert. Also - ich habe Sie nicht gesehen."

Dank der Abkürzung erreiche ich nach zwölf Stunden, gegen 20 Uhr, endlich den "südlichsten Punkt Kontinentalasiens". Eine umstrittene Touristenattraktion auf Singapurs künstlicher Ferieninsel Sentosa - schon der angrenzende Golfplatz liegt eigentlich weiter südlich -, aber ein gutes Ziel meiner Wanderung. Von der Hitze bin ich verschwitzt, der Sunblocker hat sich irgendwann der Sonne geschlagen gegeben. Mein Handy wird später samt An- und Abreise und mehrmaligem Verlaufen 45 Kilometer Wegstrecke anzeigen.

Wer es weniger anstrengend mag, besucht erst einmal nur einige grüne Highlights der Stadt - wie die Wanderwege am MacRitchie-Stausee, den Forest Walk am Telok Blangah Park oder den Inselpark Coney Island im Nordosten. Singapur bietet dem Besucher eigentlich alles: Shoppingmeilen, futuristische Architektur, Kultur und gutes Essen sowieso. Und wenn man will, ein weit umspannendes Wanderwegenetz.



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