Wave-Gotik-Treffen in Leipzig Schwarzer Ausnahmezustand

Schnallenschuhe, Korsagen, lange Mäntel – und alles in Schwarz. Leipzig bereitet sich auf den alljährlichen Pfingst-Aufmarsch der Gruftie-Szene vor. Gruselig ist bei ihrem weltgrößten Festival kaum etwas. Die Gastgeber in den Vorstädten freuen sich auf ihre morbiden Besucher.


Leipzig - Obwohl Hannchen Schultheiß mit einem schmerzhaft chronischen Leiden zu kämpfen hat, wird sie über die Pfingstfeiertage freiwillig ihren Nachtschlaf vom ehelichen Bett auf die Wohnzimmercouch verlegen. "Sonst hätten doch nicht alle Platz", sagt die 59-Jährige. Die Leipzigerin erwartet besondere Gäste: Sieben Anhängerinnen und Anhänger düsterer Musik und schwarzer Kleidung haben sich samt ihrer Schnallenschuhe, Korsagen und Schminkkoffer zur Untermiete angemeldet.

Sie sind schon seit Jahren Stammgäste und kommen wegen des Wave-Gotik-Treffens immer wieder nach Leipzig. Bei dem Treffen soll es sich inzwischen um das weltgrößte Festival der Schwarzen Szene handeln. Wurde die Veranstaltung zu Beginn der neunziger Jahre noch in einem winzigen Club im Süden Leipzigs ausgetragen, strömen seit ein paar Jahren um die 20.000 Grufties zu Pfingsten an die Pleiße. Zwar gibt es einen Campingplatz auf dem Agra-Messegelände, dem zentralen Veranstaltungsort. Doch reicht der Platz dort nicht aus. Hoteliers profitieren inzwischen von den Festivalbesuchern und die Leipziger selbst, die Privatunterkünfte anbieten, wie die Eheleute Schultheiß.

Seit Tagen seien sie mit dem Herrichten der Gästezimmer beschäftigt, berichtet Gerhard Schultheiß. Bierbowle werde angesetzt und der Grill auf Vordermann gebracht. Das Paar wohnt quasi vis-á-vis dem Agra-Messegelände, in einem schmucken Einfamilienhaus mit Terrasse und Garten.

Leipzig genießt seine morbiden Besucher

In der gepflegten Vorstadtwohnsiedlung bieten auch andere Häuschenbesitzer den schwarz gekleideten Pfingstgästen Zimmer an, erzählt Frau Schultheiß. Die Nachbarschaft freue sich über die "friedlichen, höflichen und schönen" Menschen. Die Stadt Leipzig sei eben "offen, vorurteilsfrei und genieße" ihre morbiden Besucher.

Die Eheleute vermieten seit acht Jahren an "die Schwarzen". "Die jungen Leute bringen richtig Action rein", freut sich der 69 Jahre alte Herr Schultheiß. Nach all den Jahren habe sich gar eine "enge Freundschaft" zu den Wavern entwickelt, berichtet seine Frau. Man schreibe sich E-Mails oder telefoniere das Jahr über miteinander. Trotz allem seien die Eheleute immer wieder aufs Neue von den phantasievollen Outfits begeistert. Es sei "beeindruckend", die Mädchen in ihren "Schnürleibchen" zu sehen, wie Frau Schultheiß die szeneüblichen Korsagen nennt.

Bevor die Gäste das Haus verlassen, "drehen sie sich vor uns im Kreis und lassen sich bewundern", erzählt die Leipzigerin. Falle das Urteil nicht lobend aus, werde sich auch schon noch einmal umgezogen. Zu jedem Rock und zu jeder Hose gebe es das passende Paar Schuhe, ergänzt Herr Schultheiß. Er wundere sich, wie eines der "schwarzen" Untermieter-Pärchen noch ins Auto passe: Der Wagen sei jedes Mal mit Kleidung regelrecht voll gestopft. Trotzdem werde in Leipzig immer noch neue schwarze Garderobe dazu gekauft, hat Frau Schultheiß beobachtet.

Metallschnalle statt romantischer Rüsche

Für das Pfingstwochenende werde 20-mal mehr Ware bestellt als normalerweise, bestätigt Franz Kellner, Inhaber eines Szeneladens in der Leipziger Innenstadt. Er habe vom Patchoulie-Parfüm über Accessoires bis hin zum Reifrock alles im Angebot, was das Gruftieherz höher schlagen lasse. "Jeder will zum Treffen besonders aussehen", sagt Kellner. Innerhalb der Gothic-Szene gebe es auch jedes Jahr neue Trends: Aktuell löse die Metallschnalle die romantische Rüsche ab, sagt er.

Davon kann auch das Paar Schultheiß berichten, das den oft stundenlangen Aufwand, der da betrieben wird, hautnah miterlebt. Zwar verkraftet Hannchen Schultheiß die Hektik der Festivaltage nicht mehr so gut wie früher, wie sie sagt. Trotzdem freut sie sich, wie auch ihr Mann, "wie verrückt" auf den "schwarzen" Ausnahmezustand.

Von Sandra Hänel, ddp



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