Weihnachten in Istanbul Die Urtürken und der Tannenbaum

Lametta und Lichterketten überall: In Istanbul lassen sich auch konservative Muslime von der globalen Weihnachtsstimmung anstecken. Zumal die Festtanne eh eine Erfindung der Urtürken ist, sagt die renitente Altertumsforscherin Muazzez Ilmiye Çig.

Von , Istanbul


Nach Weihnachtsmännern braucht man in Istanbul nicht lange zu suchen. Man findet sie auf der bekanntesten Einkaufsstraße der Stadt, der "Istiklal Caddesi". Übersetzt heißt das: Die "Straße der Freiheit" (oder Unabhängigkeit), was ein glatter Euphemismus ist. Hier gibt es Einkaufsstress an 365 Tagen im Jahr, hier wird ganzjährig gedrängelt.

Weihnachtliches Istanbul: Rotweiß ist auch bei Muslimen angesagt
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Weihnachtliches Istanbul: Rotweiß ist auch bei Muslimen angesagt

Am Rande der niemals abreißenden Menschenflut, ausgerechnet vor einer Moschee, steht Hakan. Er ist Losverkäufer. Und Weihnachtsmann. Er trägt einen Dreitagebart, eine rotte Kutte mit Gürtel und Bommelmütze und schreit gutgelaunt "25 Millionen Lira!" in die Menge. So viel (rund 12,5 Millionen Euro) lässt sich nämlich bei der Ziehung der Lose am Silvesterabend gewinnen, welche die Menschen dann mit Spannung am Fernsehschirm verfolgen.

Hakan ist Muslim. Kulturelle Zweifel am Weihnachtsmann-Dasein hat er keine. Sein Kostüm hat er auf dem Bazar in Eminönü gekauft, für 50 Lira. Dort, sagt er, gebe es auch kleine Faltbäumchen aus Kunststoff und tanzende Weihnachtsmänner, die Seifenblasen produzieren. Und Plüschhunde mit Weihnachtsmannmütze, die "We wish you a merry Christmas" singen. Undenkbar wäre so etwas früher gewesen, sagen die Leute. Teufelszeug in den Augen der Strenggläubigen. Mittlerweile hat sich das Weihnachtsfest in der Türkei aber so sehr von seinem christlichen Inhalt gelöst, dass sich auch konservative Muslime Lametta und Lichterketten als "saisonale Dekoration" ins Haus holen.

Altertumsforscherin: Tannenbaum ist türkische Erfindung

Gefeiert wird aber nur an Silvester – wie auch der Weihnachtsbaum schlicht "Silvesterbaum" heißt, "Yilbasi agaci". Und wozu die Aufregung, könnte man sich fragen, wenn der Kult um die heilige Tanne im Grunde sowieso eine türkische Erfindung ist? Dies nämlich behauptet Frau Muazzez Ilmiye Çig. Die renitente 93-Jährige ist Altertumsforscherin und nie um große Worte verlegen. Vor einigen Jahren machte sie mit der Äußerung Furore, dass das muslimische Kopftuch in vorislamischen Zeiten von Tempelhuren getragen wurde.

Nun will Frau Çig die Ursprünge des Weihnachtsbaumes in der zentralasiatischen Steppe ausfindig gemacht haben. Vor langer Zeit, so schreibt sie, huldigten dort die Vorfahren der Türken einem Gott, den sie Ulgen nannten. Dieser Gott trug einen langen Bart und einen langen Mantel, und er wohnte in einem glitzernden Palast im Himmel. Erreichen konnte man den Palast nur über einen gewaltigen Baum, der vom Mittelpunkt der Erde bis hin zu den Sternen ragte. Um Ulgen für die Wintersonnenwende zu danken, richteten ihm die Urtürken jedes Jahr am 23. Dezember ein großes Fest aus.

Nun musste Ulgen irgendwie ihre Gebete erhören. Also beschmückten die Menschen einen Baum mit kleinen Schleifen, wobei jede Schleife einen Wunsch symbolisierte. Und dann luden sie ihre Verwandten ein, sangen und tanzten um den Baum. Ein Brauch, den später die Hunnen auf ihren Kampfrössern nach Europa brachten, wo ihn alsbald die Christen übernahmen.

Eine interessante Theorie. Zumindest Losverkäufer Hakan könnte sich daran erfreuen. Er wäre dann viel mehr als nur ein Angestellter der staatlichen Lotterie. Er wäre ein echter Avantgardist, ein Vorkämpfer für die Renaissance der heiligen Tanne.



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